Albstädter Redakteurin berichtet: Schleusertouren in Frankreich und Brückengeld in Friesland

Ein Urlaub mit dem Motorboot kann total entspannend sein und bietet neue Erfahrungen. Kein Tag ist wie der andere.
Vera Bender- Bootsurlaube gelten als entschleunigend: Fahrt, Natur und Unvorhersehbarkeit stehen im Fokus.
- Frankreich lockt ohne Schein: bis 6 PS und 12 km/h, viele Kanäle im Elsass und Lothringen.
- Teamarbeit ist Pflicht, Schleusen erfordern Übung – höchste Schleuse: 16 Meter bei Réchicourt.
- Friesland ohne Schein bis 15 m Länge: wenige Schleusen, viele Brücken, teils mit „Bruggeld“.
- Bordkomfort ähnelt kleiner Yacht, Häfen bieten Strom – Naturplätze bringen Ruhe und Gemeinschaft.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wenn das Wort „entschleunigen“ irgendwo zutrifft, dann mit Sicherheit auf einen Bootsurlaub. Einfach die Seele baumeln lassen, Pläne beiseiteschieben und dem Rhythmus der Natur folgen. Man vermisst weder das Fernsehprogramm noch Social Media und taucht in eine andere Welt ein. Ein Hauch von Abenteuer schwingt mit, weil man nie weiß, was sich hinter der nächsten Biegung des Kanals auftut, oder wo man am Abend anlegen wird, um die Nacht zu verbringen.
Bootsführerschein nicht nötig
Und das Schöne dabei: Man hat alles Notwendige mit an Bord – die Toilette, die Dusche, die Küche, das Bett. Insofern ist es quasi Camping auf dem Wasser. Und hat doch seinen speziellen Reiz. Denn die Fahrt selbst ist eigentlich der Urlaub.
Während man in Deutschland nur auf der Mecklenburgischen Seenplatte ohne Bootsführerschein mit dem Motorboot unterwegs sein darf, lockt das benachbarte Frankreich mit unzähligen Kanälen und damit unzähligen Möglichkeiten. Hier benötigt man für ein Boot mit maximal sechs Pferdestärken und einer Höchstgeschwindigkeit von zwölf Stundenkilometern keinen Bootsführerschein.
Wer, wie wir bei unserem ersten Törn, keine lange Anfahrt haben will, sucht sich im Elsass einen der vielen Vercharterer. Diese gibt es beispielsweise in Saverne, Lagarde oder Hesse. Für letzteren (großen) Anbieter haben wir uns entschieden.

Bei der höchsten Schleuse in Frankreich öffnet sich in 16 Metern Tiefe wieder das Schleusentor und die Fahrt kann weitergehen.
Vera BenderEs empfiehlt sich sehr, vor der ersten Fahrt einige Videos von anderen Bootstouristen auf YouTube anzusehen. So kann man sich im Voraus schon mal mit den wichtigsten Dingen vertraut machen. Zu zweit muss man auf alle Fälle sein, denn es braucht mindestens einen Kapitän, der auch die volle Verantwortung für das Boot und die Mannschaft übernimmt, und einen Matrosen, der die Leinen anlegt und vor allem bei Schleusenvorgängen gefordert ist. Von denen gibt es in den Kanälen im Elsass und in Lothringen jede Menge.
Einweisung für den Kapitän
Bei Übernahme des Bootes erhält der Kapitän eine Einweisung. Was sich kaum jemand klarmacht: Ein Boot verhält sich anders als ein Auto. Wartet man vor einer Schleuse oder Brücke, bleibt das Motorboot nicht auf der Stelle stehen, sondern wird durch Wind und Wellen bewegt – im Extremfall dreht es sich um sich selbst. Und die Kanäle sind nicht immer sehr breit, was bedeutet, dass man Schäden am eigenen oder an anderen Booten verursachen kann. Aufgrund der äußeren Einflüsse fährt ein Boot auch nicht immer stur geradeaus, nur weil man das Steuerrad nicht bewegt. Deshalb ist man eigentlich immer am Steuern beziehungsweise Gegensteuern. Gebremst wird, indem man „aufstoppt“, also den Rückwärtsgang einlegt – rechtzeitig, weil das Boot trotzdem noch ein Stück nach vorn gleitet.

In Saverne in Lothringen befindet sich die Schleuse mitten im Ort nach einer Brücke. Da hat man beim Schleusenvorgang auch immer gleich neugierige Zuschauer.
Vera BenderSo richtig lernt man das alles nur in der Praxis, es ist aber durchaus auch für Anfänger zu meistern. Wichtig ist, dass Matrose und Kapitän immer kommunizieren, denn vom Steuerstand aus sieht man nicht immer, wie viel Platz man noch bis zum Ufer oder zum Hindernis hat. Bootfahren bedeutet Teamarbeit. Und doch ist es alles andere als Arbeit. Es ist Vergnügen und Entspannung.
Obwohl? Als wir beim ersten Törn in Hesse abgelegt hatten und auf dem Rhein-Marne-Kanal Richtung Nancy unterwegs waren, trafen wir bei Réchicourt auf unsere erste Schleuse: die höchste Schleuse Frankreichs mit einer Fallhöhe von 16 Metern. Da klopfte unser Herz schon höher. Man fährt ein, schwingt die Leinen um die Schwimmpoller und hält das Boot stabil, dass es nicht beschädigt wird. Dann wird das Wasser in der Schleuse abgelassen – Meter um Meter versinkt man quasi in ein tiefes, dunkles Loch, bis sich, unten angelangt, das Schleusentor vor einem öffnet und die Weiterfahrt gesichert ist.
Danach meisterten wir noch fünf kleine Schleusen mit jeweils etwa zwei Metern Fallhöhe, bis wir im Hafen von Lagarde anlegten. Als sich der Muskelkater meldete, blickte ich meinen Mann vorwurfsvoll an: „Ich dachte, das sei ein Erholungsurlaub!“

Richtig romantisch ist es auf den Seefahrtsstrecken im niederländischen Friesland. Am kleinsten Ort Sloten bekommt man kaum Anlegeplätze.
Vera BenderWar es auch. Denn nach einer erholsamen Nacht in unseren Kojen und einem ausgiebigen Frühstück an Bord kam der Tatendrang zurück und wir fuhren am zweiten Tag durch weitere zwölf Schleusen, von denen ich gar nicht genug bekommen konnte.
Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von acht Kilometern pro Stunde wird man rechts und links des Kanals von Joggern und Radfahrern überholt, die alle freundlich die Hand heben und grüßen. Hier sieht man Enten und Fischreiher, dort stehen am Ufer Kühe, Pferde oder Schafe, dann wird man von einem Hund oder einer Katze beobachtet und sogar ein Eisvogel tauchte vor uns ins Wasser. Das ist Natur pur. Das ist Entschleunigung und Erholung.
Brücken öffnen sich für Boote und Schiffe
Nach zwei vierzehntägigen Routen in Frankreich haben wir uns dieses Jahr ins niederländische Friesland aufgemacht. Hier kann man ohne Führerschein Boote mit einer Länge von unter 15 Metern und maximal 19 Stundenkilometern chartern. Und plötzlich hat uns nicht mehr der Verlauf des Kanals die grobe Route vorgegeben, sondern wir fuhren kreuz und quer, über größere Gewässer und auf großen Kanälen, wo uns die Berufsschifffahrt mit riesigen Güterkähnen entgegenkam. Hier gibt es kaum Schleusen, sodass der Matrose nicht mehr allzu viel Arbeit hat, aber dafür sieht man Brücken und nochmals Brücken.
Manchmal muss man die Öffnung per Telefon anfordern, manchmal ist sie per Knopfdruck an einem Masten selbst auszulösen, bei anderen regelt ein Brückenwärter den Auto- und Schiffsverkehr. An manchen muss man ein sogenanntes „Bruggeld“ in Höhe von drei bis sechs Euro in einen per Angel herbeigeschwenkten Holzschuh werfen. Die meisten Brücken heben sich an, andere schwenken zur Seite und der Straßenverkehr muss warten, während man selbst per Ampelsignal und angehobener Brücke weiterfahren kann. Wenn das nicht Abenteuer ist!

In Friesland ist der Schiffsverkehr mit dem Straßenverkehr gleichberechtigt. Da öffnen sich dann die Brücken für die Boote und die Autos, Fußgänger und Radfahrer müssen warten.
Vera BenderVollkommene Ruhe oder lauter Trubel
In den Häfen inmitten kleiner Innenstädte hat man etwas Trubel, kann shoppen oder essen gehen. An den Anlegestellen in den Naturschutzgebieten – Marrekrite genannt – stellt sich Tiefenentspannung ein. Es ist die Mischung, die diese Art von Urlaub so besonders macht. Mit Bootsurlaub ist nicht etwa eine eckige Wohnung auf einem Floß gemeint, das sich ohnehin sehr schlecht steuern lässt, sondern ein Motorboot, das einer kleinen Yacht gleicht und in Friesland auch als solche bezeichnet wird.
An kühleren Tagen verbreitet die Bordheizung eine mollige Wärme im Innenbereich. Bei sonnigem Wetter nimmt man die Mahlzeiten am liebsten auf dem Oberdeck im Freien ein. Ob warme Dusche, Backofen, Kaffeemaschine, Kühlschrank, Gasherd und oft sogar Fernseher – alles, was man braucht, ist vorhanden. In den Häfen bekommt man Landstrom, aber die meisten Schiffe kommen aufgrund ihrer Batteriespeicher auch zwei bis drei Tage ohne Stromversorgung aus, sodass Licht und Kaffeemaschine trotzdem funktionieren.

Auf so einer kleinen Motoryacht hat man sein eigenes Zuhause immer mit dabei. Landstrom gibt es an den meisten Anlegeplätzen. Und auch Wasser kann aufgefüllt werden.
Vera BenderBei Bootsfahrern ist es wie unter Campern: Man grüßt sich, man hilft sich gegenseitig. Man ist autark und gehört doch irgendwie zu einer großen Gemeinschaft. Ob man nun die absolute Ruhe sucht oder etwas erleben will, so ein Törn auf dem Wasser bietet vielfältige Reize. Es ist ein Erlebnis, das man sicher nicht so schnell vergisst. Aber Achtung: Ein Bootsurlaub kann süchtig machen!


