Psychotherapie im Zollernalbkreis: Albstadts Oberbürgermeister fordert mehr Kassensitze im Kreis

Wer an einer psychischen Erkrankung leidet, findet meist keine schnelle Hilfe. Ein Problem, das laut Albstadts Oberbürgermeister Roland Tralmer unter anderem durch weitere Kassensitze gelöst werden kann.⇥
Symbolfoto: © VadimGuzhva/adobe.stock.comRund 43 Prozent der Erwachsenen leiden laut der Deutschen Psychotherapeuten Vereinigung (DPtV) einmal in ihrem Leben an einer psychischen Erkrankung. Tendenz steigend, schreibt Oberbürgermeister Roland Tralmer in einem Brief an die Kassenärztliche Vereinigung Baden–Württemberg. Er erhofft sich dadurch eine Prüfung auf Sonderbedarf im Zollernalbkreis — besonders für den Albstädter Raum. „Unseres Erachtens gibt es zu wenig Kassensitze im Zollernalbkreis und die Bedarfsplanung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten orientiert sich nicht mehr an den heutigen tatsächlichen Gegebenheiten und Erfordernissen.“ Wie berichtet, wurde die Bedarfsplanung 1999 eingeführt.
Psychologische Beratungsstelle: Die Fallzahlen für Erziehungs– und Lebensberatung steigen
Mit dieser Einschätzung ist der Oberbürgermeister nicht allein: Die Bundespsychotherapeutenkammer fordert bereits seit 2019 den Ausbau der Kassensitze. Die Bundesregierung hatte 2021 die Notwendigkeit ebenfalls erkannt und sie im Koalitionsvertrag festgehalten. Passiert ist aber nichts. Es fehle eine Reform. Über die in Albstadt ansässige Psychologische Beratungsstelle, der ansässigen psychiatrischen Institutsambulanz, die Bruderhaus–Diakonie, dem Verein für gemeindenahe Psychiatrie sowie durch die Beratungsstellen der Diakonischen Bezirksstelle Balingen und der Caritas Schwarzwald–Alb–Donau werde die Stadt zudem regelmäßig über die angespannte Lage in der psychiatrisch–fachärztlichen Versorgung informiert.
Diese Einrichtungen erleben hautnah, was die DPtV in ihrer Statistik beschreibt: Die psychischen Erkrankungen haben 2022 bundesweit einen neuen Höchststand erreicht. „Depressionen, Alkoholerkrankungen, bipolare Störungen und Schizophrenien zählen weltweit zu den häufigsten Erkrankungen. Die Corona–Pandemie und die Flüchtlingskrisen haben das Problem verschärft, weil immer mehr Menschen wegen Angststörungen, Depressionen, Stresssymptomen, Einsamkeitsgefühlen, Essstörungen und Schlafproblemen in das bereits angespannte Gesundheitssystem drängen“, heißt es in Tralmers Brief weiter.
Der Versorgungsgrad zeichnet anderes Bild
Zeichnen die Zahlen ein falsches Bild? Der Versorgungsgrad für den Zollernalbkreis liegt laut Kassenärztlichen Vereinigung bei 101,7 Prozent. Wie kann es dann ein Defizit geben? Auch hier hat sich der Oberbürgermeister informiert. Denn die Vereinigung fasst in ihrer Bedarfsplanung Fachärzte für Psychiatrie und Psychotherapie mit neurologischen Fachärzten zusammen. „Obwohl Neurologinnen und Neurologen einige psychiatrische Krankheitsbilder gar nicht behandeln.“ Bei den Psychotherapeuten liegt der Versorgungsgrad bei 155,8 Prozent. Laut Tralmer sind aber nur elf Prozent der Psychotherapeuten in Albstadt ansässig.
Für Albstadt und den Kreis könnte sich die Situation bald weiter verschärfen. Mindestens zwei Ärzte sind laut Tralmer in einem Alter, in denen eine Praxisaufgabe bevorsteht. Die Nachfolgesuche gestalte sich schwierig. Sobald der 74–jährige Dr. Herbert Mayer seine Praxis aufgibt und es keine Nachfolgeregelung gibt, spitzt sich die Lage deutlich zu. Dann wäre mit Dr. Björn Brenner nur noch ein Neurologe vor Ort. „In Albstadt konnte zum Beispiel in der Vergangenheit die Praxis von Dr. Reimann nicht nachbesetzt werden, den Arztsitz von Dr. Zuch übernahm ein Neurologe.“
Das sei kein Einzelfall: „Nach unseren Erkenntnissen sind die Hälfte der Nervenarztsitze im Zollernalbkreis von Neurologen besetzt.“ Damit sei schon jetzt eine zeitnahe Diagnose und ambulante Versorgung von psychiatrischen Patienten nicht mehr gewährleistet.
Bei einer Stadt mit mehr als 46 000 Einwohnern, in der auch eine größere Zahl an psychisch angeschlagenen Flüchtlingen leben und in der verschiedene Behinderteneinrichtungen, Werkstätten, Tageskliniken und spezielle Wohnprojekte für psychisch kranke Menschen ansässig sind, eine unhaltbare Situation, erklärt Tralmer.
„Die Not ist groß“
„Viele Albstädter Bürgerinnen und Bürger erhalten schon heute nicht die notwendige fachärztliche Hilfe.“ Insbesondere Personen mit schweren Krankheitsverläufen seien oft nicht in der Lage, Praxen in umliegenden Gemeinden aufzusuchen. „Menschen bleiben unbehandelt.“ Das führe zu chronischen Verläufen, beziehungsweise stationären Aufnahmen, die nicht notwendig gewesen wären, wenn das Hilfesystem angemessen aufgestellt wäre, ergänzt Tralmer.
„Die psychische Not ist groß. Die Menschen leiden zunehmend.“ Der unsichere Rahmen durch Pandemie und Kriegslage lasse die Krankheitsanfälligkeit steigen. „Dadurch stößt beispielsweise die psychiatrische Institutsambulanz der Tagesklinik an ihre Grenzen.“ Eigentlich ist sie ärztliche Anlaufstelle für schwerstkranke Menschen, die nicht wartezimmertauglich sind und für eine begrenzte Zeit eine multiprofessionelle Unterstützung und Krisenintervention brauchen. „Doch schon jetzt nimmt sie auf Bitten von Ärztinnen und Ärzten Patienten auf, die diese Kriterien nicht erfüllen, weil es keine anderen Anlaufstellen gibt oder diese hoffnungslos überlaufen sind.“
Hilfsangebote an der Belastungsgrenze
Das ist nicht die einzige Folge des Ärztemangels. Patienten weichen auf andere Dienste und Hilfsangebote aus. Doch diese stoßen ebenfalls an ihre Grenzen, obwohl sie in Albstadt in den vergangenen Jahren kontinuierlich ausgebaut wurden. „Die Möglichkeit, präventiv psychischen Erkrankungen zu begegnen, wird zunehmend unmöglich.“
Eine vermeintliche Lösung: Therapeuten ohne Kassensitz. Das bedeutet, man muss die Therapie privat bezahlen. Das kann sich jedoch nicht jeder leisten, und auch dort gibt es teils lange Wartelisten.
