Nach Pisa-Schock
: Was sagen Meßstetter Schulleiter zum schlechten Abschneiden?

Die Aufregung nach dem neuesten Pisa-Schock ist groß. Doch allzu überraschend kommt das Ergebnis nicht, wie zwei Meßstetter Schulleiter verraten.
Von
Alexander Reimer
Meßstetten
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Das Gymnasium in Meßstetten legt großen Wert auf die Lesekompetenz der Schüler. Sogar im Mathe-Unterricht stehen Bücher auf dem Schulplan.⇥

Alexander Reimer

Die Ergebnisse der neuesten Pisa-Studie schlagen hohe Wellen. Die Leistungen der deutschen Schüler sind so schlecht wie nie zuvor. Forderungen an die Bildungspolitik werden laut.

Doch ganz unvorhersehbar war das schlechte Abschneiden nicht, wie Norbert Kantimm, Schulleiter des Gymnasiums Meßstetten, sagt. „Die letzten Jahre liefen nun mal ein bisschen anders.“ Schulschließungen, Homeschooling und die durch die Pandemie verursachten Lernrückstände seien ein wesentlicher Faktor für das schlechte Abschneiden.

Nur Schadensbegrenzung

Ähnlich sieht es auch Steffen Strohhäcker, Schulleiter der Realschule. Maßnahmen wie das Rückenwind-Förderprogramm, seien zwar gut gedacht, letztlich aber in erster Linie Schadensbegrenzung gewesen. Insbesondere die Corona-Auswirkungen auf die Grundschüler, die jetzt die weiterführenden Schulen besuchen, bekomme man nun zu spüren, sagt Strohhäcker. Vor allem die Lesekompetenz lasse zu Wünschen übrig.

Der Faktor Migration spiele zumindest an der Realschule keine große Rolle. Laut Strohhäcker hätten 18 Prozent der Schüler einen Migrationshintergrund. Im Landesschnitt seien es etwa 32 Prozent. Grundsätzlich sei es aber eine große Herausforderung, geflüchtete Kinder in den Schulalltag zu integrieren, da die Deutschkenntnisse schlichtweg noch fehlen würden, sind sich beide Schulleiter einig.

Deutschkenntnisse fördern und fordern

Doch auch bei Migranten-Familien, die schon länger in Deutschland leben, werde zu Hause oft in der Muttersprache gesprochen, sagt Kantimm. „Wir sollten Deutschkenntnisse fördern, aber auch einfordern. Da sind die Eltern in der Pflicht, Deutsch als Sprache zu vermitteln oder vermitteln zu lassen.“ Kinder von Migrations-Familien, in denen Deutschkenntnisse daheim gefördert werden, schneiden in der Schule dementsprechend besser ab, so Kantimms Beobachtung.

Ein weiterer Faktor, den Realschulleiter Strohhäcker anspricht: der Lehrkräftemangel. Dieser sei inzwischen ein „alltägliches Problem“. Der ländliche Raum sei für junge Lehrer nicht besonders attraktiv. Bewerber seien an der Realschule rar gesät. Man sei daher darauf angewiesen, dass Lehrer zugeteilt werden, um eine ausreichende Versorgung zu erzielen. Dabei habe der ländliche Raum auch seine Vorzüge, wie beispielsweise geringere Nebenkosten. Doch das reiche als Anreiz meist nicht aus, sagt Strohhäcker. Norbert Kantimm kann sich über den Personalstand am Gymnasium hingegen nicht beklagen: „Wir sind gut versorgt.“ Engpässe gebe es nur, wenn Lehrkräfte plötzlich für längere Zeit ausfielen.

Gute Noten sind „uncool“

Kantimm sieht ein weiteres Problem an den Schulen: gute Leistungen zu erzielen sei „uncool“, gute Schüler werden als „Streber“ gebrandmarkt, und laufen Gefahr, gemobbt zu werden. „Man sollte sich nicht schämen müssen, wenn man gute Noten schreibt“, so Kantimm.

Wie sieht es aber nun mit dem Leistungsstand an den beiden Meßstetter Schulen aus? Die Realschüler schneiden in internen Studien in Mathematik und Deutsch deutlich über dem Landesdurchschnitt ab, erklärt Steffen Strohhäcker. Die beiden Fächer haben sich in den vergangenen Jahren gewissermaßen als Stärke der Realschule erwiesen. Auch am Gymnasium wird der Leistungsstand seit über 15 Jahren ermittelt. Hier konnte man keinen signifikanten Rückgang, der vergleichbar mit den Pisa-Ergebnissen wäre, feststellen.

Lesen ist der Schlüssel zum Erfolg

Der Schlüssel zum Erfolg liege laut Kantimm in der Förderung der Lesekompetenz. Diese sei seit 2009 eine feste Säule des Schulcurriculums am Gymnasium. Konkret bedeutet das, dass in allen Fächern regelmäßig gelesen werden muss. So auch in Mathematik: In der sechsten Klasse steht das Buch „Der Zahlenteufel“, in dem die Welt der Mathematik spielerisch erkundet wird, auf dem Programm.

Beide Schulleiter sind sich einig: Das Lesen müsse in jungen Jahren wieder stärker gefördert werden. Ob Fernseher, Tablet oder Smartphone – Kinder verbringen ihre Zeit heutzutage in erster Linie vor dem Bildschirm. Strohhäcker empfiehlt Eltern daher, ihren Kindern wieder vermehrt Geschichten vorzulesen oder auch mal ein Buch zu kaufen. „Das sind Dinge, die immer seltener werden.“