Es scheint ein Unglück mit Vorsatz gewesen zu sein. Nach dem Großbrand in einem Fachpflegeheim für psychisch kranke Menschen in Reutlingen ermitteln Mitarbeiter der Spurensuche seit Mittwochmorgen die Ursachen. Am Nachmittag lagen bereits erste Erkenntnisse vor: Der Brand scheint gegen 19.40 Uhr im Zimmer einer 57 Jahre alten Frau in einer der Wohngruppen im Obergeschoss des Gebäudes ausgebrochen zu sein. Die Frau steht unter Verdacht, das Feuer gelegt zu haben.

Bruderhaus-Diakonie hat mehrere Einrichtungen im Kreis

Die Erkenntnisse der Brandkatastrophe in der sozialpsychiatrischen Pflegeeinrichtung der Bruderhaus-Diakonie beschäftigt nicht nur Reutlingen. „Wir stehen alle unter Schock; Beschäftigte in den Einrichtungen ebenso wie die Bewohnerinnen und Bewohner“, sagt Michael Mennel am Mittwoch im Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Mennel ist Fachbereichsleiter für Sozialpsychiatrie der Bruderhaus-Diakonie im Zollernalbkreis und folglich zuständig für das Unterstützungszentrum Albstadt in der Schillerstraße, die Sozialpsychiatrie in der Balinger Talstraße und das Unterstützungszentrum in der Stutenhofstraße in Hechingen.
Sobald die Ursache des Brands feststehe, wolle man das eigene Brandschutzkonzept entsprechend überprüfen und verbessern. Das sagte Mennel bevor die Polizei mitteilte, dass das Feuer eventuell vorsätzlich gelegt wurde. Dennoch: An der Bedeutung des Themas ändert die Erkenntnis nichts. „In jedem Wohnheim gibt es einen Brandschutzbeauftragten, wir schulen unsere Beschäftigten und unsere Bewohner einmal im Jahr. Hinzukommen anlassbezogene Schulungen in Hausgruppen“, erklärt Mennel. Der Brand in Reutlingen ist solch ein Anlass.

Wie sicher sind Psychiatrien?

Doch wie sicher sind sozialpsychiatrische Einrichtungen, in denen psychisch kranke Menschen leben, hinsichtlich des Brandschutzes generell? „Wir befinden uns in einem Spannungsfeld zwischen Sicherheit und Selbstbestimmung“, sagt Michael Mennel. „Wir haben nicht das Recht, jemandem ohne Grund das Feuerzeug wegzunehmen.“ Eine Unterscheidung ist wichtig: Von 115 Menschen mit Unterstützungsbedarf, um die sich die Bruderhaus-Diakonie im Zollernalbkreis kümmert, lebt der große Teil in Privatwohnungen. „Es wäre rechtlich übergriffig, ihnen dort gewissen Dinge vorzuschreiben.“

Mehr Handhabe in Wohnheimen

Anders ist die Situation in betreuten Einrichtungen. Im Wohnheim Schillerstraße 8 in Ebingen leben zwölf Klienten, in der Talstraße 50 in Balingen 20. Dort haben die Betreuer mehr Handhabe, verbieten im Zweifelsfall unter anderem das Rauchen in den Zimmern. In Bereichen mit hohem Unterstützungsbedarf sind selbst Kerzen verboten. „Es ist ein Grundsatz, sehr individuell vorzugehen“, sagt der Fachbereichsleiter. Die betreuten Bewohner sollen möglichst viel Freiheit und Eigenständigkeit erfahren, wobei Mennel klarstellt: „Sobald nur der Hauch einer Gefährdung besteht, greifen wir ein.“

In Albstadt bereits nachgebessert

In allen drei Standorten in Albstadt, Balingen und Hechingen sei man in engem Kontakt mit der Feuerwehr. Regelmäßig werden die Einrichtungen überprüft; vor vier Jahren wurde in der Schillerstraße in Albstadt beim Brandschutz nachgebessert. „Wir haben im Obergeschoss einen Balkon angebracht, über den die Menschen im Brandfall abgeleitert und so von der Feuerwehr gerettet werden könnten“, erklärt Michael Mennel. Ein Unglück wie in Reutlingen gilt es mit allen Sicherheits- und Vorkehrungsmöglichkeiten zu vermeiden.

Staatsanwaltschaft ermittelt wegen Mordverdacht

Nach Polizeiangaben handelt es sich bei den drei Toten um eine 53-jährige Frau und zwei Männer im Alter von 73 und 88 Jahren. Sie kamen ersten Erkenntnissen der Rettungskräfte zufolge durch Rauchvergiftungen ums Leben. Von den zwölf Verletzten befindet sich laut Polizeipräsidium Reutlingen keiner mehr in Lebensgefahr.
Die Staatsanwaltschaft Tübingen und das Kriminalkommissariat Reutlingen ermitteln zwischenzeitlich gegen eine 57 Jahre alte Bewohnerin wegen des Verdachts des dreifachen Mordes und elffachen Mordversuchs. Die Verdächtige ist selbst noch nicht ansprechbar und wird in einer Spezialklinik behandelt.