Literaturtage Albstadt: „Ich will verstehen, warum Menschen morden“

Krmininalist Axel Petermann kommt zu den Literaturtagen nach Albstadt.
Stefan Kuntner- Axel Petermann, bekannter Profiler, besucht Albstadt am 16. November.
- Präsentation seiner Fälle und Lesung aus "Ken & Barbie" in der Festhalle Ebingen.
- Petermann forschte zu ungeklärten Morden, arbeitete 20 Jahre mit TV-Krimis.
- Er hilft weiterhin bei alten Fällen, z.B. das Verschwinden eines Mädchens 1989.
- Neues Buch "Die Psyche des Bösen" erscheint 2025.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Axel Petermann gilt als der Spezialist für ungeklärte Morde in Deutschland, war Chef einer Mordkommission bei der Kripo Bremen und dozierte an diversen Hochschulen über Kriminalistik. Parallel beriet er 20 Jahre Produzenten und Drehteams des Bremer „Tatort“ und anderer TV-Krimis: Axel Petermann ist Deutschlands wohl bekanntester Profiler.
Mit seiner vor rund 25 Jahren gegründeten Dienststelle „Operative Fallanalyse“ kam er oft dann zum Einsatz, wenn Mordermittlungen im Sande verliefen: „Ich suchte und suche immer die Spur hinter der Spur. Es ist die Suche nach den Gründen, die ein Täter antreibt zu töten. Es geht also um sein Motiv, auch um seine Fantasien und Gefühle. Und die können einerseits ausschließlich zerstörerisch, andererseits nach einer Gewalttat – wenn auch selten – Handlungen des Bedauerns und der Reue zeigen. Dabei ist neben der Analyse der Opferpersönlichkeit die Interpretation von Spuren am Tatort sowie die Rekonstruktion des Tatgeschehens wichtig“, erklärt Axel Petermann seinen Ansatz. Klassische Ermittler orientierten sich eher an am Tatort gefundenen Beweisen, wie beispielsweise Fingerabdrücke, Blut oder andere Körperflüssigkeiten, um Täter zu überführen.
Was ihn antreibt? „Ich will verstehen, warum Menschen zu Mördern werden“, so der Mann, der 1987 als erster in Deutschland eine DNA-Analyse in Auftrag gab. „Und ich möchte Menschen helfen, die auf der Suche nach Erklärungen sind und wissen möchten, weshalb ein ihnen lieb gewesener Mensch ermordet wurde und wer dafür verantwortlich ist. Diese nagende Ungewissheit nach dem Warum ist für diese Menschen kaum zu ertragen.“
Neben Passagen aus seinem neuen Roman „Ken & Barbie“, wird Petermann bei seinem mit Multimedia unterstützten Programm, auch Auszüge von wahren Fällen vorstellen, die er während seiner aktiven Zeit selbst bearbeitet hat. Zum Abschluss der etwa zweistündigen Veranstaltung wird Petermann ein Interview mit einem Serienmörder zeigen, das er vor einigen Jahren mit dem Täter aufgenommen hat. Im Gespräch betont er, dass dies nichts für schwache Nerven sei.
Herr Petermann, Sie sind seit zehn Jahren im Ruhestand, ermitteln aber auf Bitten von Angehörigen von Opfern von Tötungsdelikten weiter. Gibt es einen neuen Fall?
Axel Petermann: Ja, den gibt es. Mehrere. Ein Fall aus dem Jahr 1989 in der Nähe von Schwerin: Damals verschwand ein Mädchen auf dem nur einen Kilometer langen Schulweg. Vorher sollte sie noch ihre Cousine abholen. Schon dort kam sie nicht an und tauchte nie wieder auf. Aber nicht nur das Schicksal des Mädchens hat mich an diesem Fall interessiert, sondern auch die Arbeit der Ermittler in der früheren DDR. Sie ermittelten häufig unter schwierigen Bedingungen, oft grätschte auch die Stasi dazwischen. Das geht aus Polizeiakten, die ich einsehe, immer wieder hervor.
Und dann gibt es auch noch den Vorfall auf dem Segelschulschiff Gorch Fock II, wo 2008 die Kadettin Jenny B. vor Norderney während ihrer Wache aus ungeklärten Umständen ins Wasser fiel und ertrank. Auch hier versuche ich auf Wunsch der Angehörigen herauszufinden, was in dieser Nacht bei Windstärke sieben an Bord passierte. Fachkompetente Unterstützung habe ich mir dafür auch bei dem früheren Kapitän der Cap Anamur, Stefan Schmidt, eingeholt, mit dem ich an Bord des Schwesterschiffes Gorch Fock I das mögliche Geschehen rekonstruierte.
Sie legen mit „Im Kopf des Bösen – Ken und Barbie“ ihr achtes Buch vor. Der Roman, den Sie gemeinsam mit der Autorin Petra Mattfeldt geschrieben haben, orientiert sich am wahren Fall des kanadischen Serienmörder-Paares Paul Bernardo und Karla Homolka, genannt „Ken und Barbie“. Der ging auch deshalb als tragisch in die Geschichte ein, weil Kompetenzgerangel und Schlamperei bei der Polizei verhinderten, dass die kanadische Kripo den Mördern früher auf die Schliche kam. Wie lief das ab?
Ein Untersuchungsausschuss wies dies eindeutig nach, weshalb man eine Datenbank entwickelte, die unter anderem dazu dient, Infos bei vermuteten sexuell assoziierten Tötungsdelikten und Sexualstraftaten effektiv zusammenzuführen, da eine erhöhte Wiederholungsgefahr besteht. Die Arbeit meiner früheren Dienststelle „Operative Fallanalyse“ basierte auf diesen Erkenntnissen. Sie rollte nach ihrer Gründung etliche ungeklärte Tötungsdelikte neu auf. Heute zieht man diese Sonderermittler früher zu Rate. Als Konkurrenz zur klassischen Mordkommission begriffen wir uns aber nie.
In den vergangenen Jahren waren Sie immer wieder auf Lesetour in Baden-Württemberg. Was beobachten Sie?
Das waren angenehme Veranstaltungen – zuletzt in Balingen –, weil das Publikum dort sehr aufgeschlossen ist. Vor oder nach Lesungen starte ich gern Stadtrundgänge. Mein Publikum besteht – egal, ob Ost oder West – zu rund 70 Prozent aus Frauen. Sie zeigen eine größere Betroffenheit, vielleicht auch mehr Interesse, wozu Täter im Stande sind, wollen sich vielleicht dadurch vor diesen auch schützen.
Zu Baden-Württemberg haben Sie eine ganz besondere Verbindung: Bereits als Kind und später zusammen mit Ihrer Familie, waren Sie immer wieder zu Urlauben im Schwarzwald. Bis vor kurzem hat auch einer Ihrer Söhne in Freudenstadt gelebt. Was sagen Sie zu dieser Region?
Mir gefällt die Nähe zum Schwarzwald und zum Elsass, das Spiel der Natur, egal ob ich den über die Berge strömenden Wind spüre und – nicht zu vergessen – die kulinarischen Köstlichkeiten der Region.
Sie sind Kriminalist und Fallanalytiker. Wann genau kommen Sie zum Einsatz?
Fallanalytiker sollen neue Ermittlungsansätze bei Verbrechen finden, die mit den bisherigen kriminalistischen Methoden nicht geklärt werden konnten. Speziell ging es um ungeklärte Morde, von denen wir annahmen, dass Serientäter diese begangen hatten. Heute werden jedoch Fallanalytiker bei bedeutenden Verfahren früh in die Ermittlungen einbezogen, um aus ihrer Sicht die Taten zu erklären und die Profile der Täter zu charakterisieren.
In Ihrem Job haben Sie immer wieder mit menschlichen Abgründen zu tun. Wie gehen Sie damit um?
Indem ich versuche dem Schönen im Leben eine besondere Bedeutung zu geben. Das sind meine Familie und meine Hobbys, wie das Fotografieren oder dem Imkern. Außerdem reise ich gerne und möchte die Welt entdecken; zuletzt auf Kreuzfahrtschiffen im Nordatlantik.
Was reizt Sie an Ihrem Beruf?
Die Auseinandersetzung mit dem Bösen. Das Lösen der Rätsel, die sich hinter Verbrechen verbergen. Aber auch, um Angehörigen erklären zu können, was einem ihnen lieb gewesen Menschen passiert ist. Aber auch dafür Sorge zu tragen, dass die Täter nicht erneut Menschen töten.
Sie sind vom Kriminalbeamten zum Krimiautor geworden. Was ist Ihr zentrales Thema?
Ursprünglich ging es mir als Sachbuchautor darum, die Methoden der Kriminalistik zu bewahren. Ich hatte die Erfahrung gemacht, dass durch die schier unerschöpflichen Möglichkeiten der DNA-Untersuchungen von Tatortspuren, dieses für die Tataufklärung wichtige Thema aus den Köpfen der Ermittler verdrängt wird. Dabei erkannte ich, dass die Belange der Täter nahezu in jedem Plot in den Vordergrund gestellt sind, die Opfer und deren Angehörige dabei immer wieder vergessen werden. Das möchte ich mit meinen Fallbeschreibungen ändern.
Sie waren ja auch an mehreren Tatort-Folgen beteiligt. Was war dort Ihre Aufgabe?
Die Exposés und Drehbücher der Autoren auf logische kriminalistische Schlüsse und Vorgehensweisen zu überprüfen, um hier und dort sagen zu können, dass dieses oder jenes so nicht geht, ergänzt oder umgeschrieben werden sollte. Außerdem kommt es mir darauf an, dass die Arbeit der Ermittler einigermaßen realistisch wiedergegeben wird und rechtsmedizinische Aussagen zutreffen. Ich musste lernen, dass die Zuschauer am Sonntagabend keinen Kriminalistiknachhilfeunterricht erwarten, sondern spannende Unterhaltung, bei der auch gesellschaftspolitische Themen nicht zu kurz kommen.
Zurück nach Albstadt, wo Sie am 16. November in der Festhalle auftreten werden: Was erwartet die Zuschauer?
Meine Veranstaltungen sind keine klassischen Lesungen, sondern eine Vorstellung, bei der ich mit Multimedia-Unterstützung Tatorte vorstelle, ein Video über meine Arbeit als Profiler zeige, die Fantasien eines Mörders anhand seiner für mich gezeichneten Diagramme erkläre und mit einem Interview mit diesem Täter Ende. Dazu werde ich immer wieder kleinere Passagen aus meinen Büchern lesen und über meine Arbeit als Mordermittler und Profiler berichten.
Steht schon Ihr nächstes Projekt in den Startlöchern?
Es wird 2025 ein neues Sachbuch „Die Psyche des Bösen“ geben, in dem ich verschiedene reale Fälle vorstelle, in den ich auf Bitten von Angehörigen recherchiert habe. Unter anderem geht es da um das rätselhafte Verschwinden der 13-jährigen Katrin aus Mecklenburg-Vorpommern, um die bereits erwähnte Jenny B. und weitere rätselhafte Geschehnisse.
Werdegang von Axel Petermann
Axel Petermann ging ursprünglich nur auf Zeit zur Polizei, da er nicht zur Bundeswehr wollte. Als der Mord an einer jungen Frau sein Interesse an der Verbrechensaufklärung weckte, strebte er eine Laufbahn in der Mordkommission an, wo er über tausend Fälle des unnatürlichen Todes untersuchte.
Später setzte er sich mit den FBI-Methoden des Profilings auseinander und gilt als einer der Wegbereiter dieser Methode in Deutschland.
Petermann berät Tatort-Produktionen der ARD, lehrt als Dozent für Kriminalistik und ist Moderator in der ZDF-Info-Serie Aufgeklärt – spektakuläre Verbrechen. Seine Bücher sind Spiegel-Bestseller, wurden verfilmt und kamen als Theaterstück auf die Bühne.
Mit seiner Frau Anna hat Petermann drei Söhne und lebt bei Bremen.