Kunstmuseum Albstadt
: Die Ästhetik der Gewalt – Matija Pišpek zeigt Einzelausstellung „Smash“

Mit seiner Einzelausstellung „Smash“ verwandelt Matija Pišpek abstrakte MMA-Kämpfe in faszinierende Kunst, die Aggression mit Sanftmut verschmelzen lässt und klassische Männlichkeitsbilder radikal hinterfragt.
Von
Lea Irion
Albstadt
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Matija Pišpek vor einer Werkauswahl seiner Ausstellung „Smash“ im Albstädter Kunstmuseum.

Matija Pišpek vor einer Werkauswahl seiner Ausstellung „Smash“ im Albstädter Kunstmuseum.

Lea Irion
  • Kunstmuseum Albstadt zeigt „Smash“: Matija Pišpeks erste repräsentative Einzelausstellung.
  • Pišpek abstrahiert MMA-Kämpfe zu Aktmalerei, die Aggression und Sanftmut zugleich zeigt.
  • Gesichter fehlen bewusst, Mehrdeutigkeit ist gewollt – Eindeutigkeit wird eliminiert.
  • Der Künstler arbeitet prozesshaft mit Vorskizzen, übermalt Werke und entwickelt sie über Jahre.
  • Albstadt betont seinen Anspruch als Kulturstadt, der Direktor holt diese Bildsprache ins Museum.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Matija Pišpek ist ein Hilfloser unter vielen. Die Deutungshoheit über seine Werke hat er an diesem Abend abgegeben. Die Leiblichkeit des Menschen ist vieldeutig, vor allem da, wo weder Mimik noch Gestik den Takt vorgeben. Und genau darum geht es Pišpek: die Eindeutigkeit zu eliminieren.

Wo Aggression ist, kann Sanftmut sein. Wo Dominanz ist, ist Unterwerfung. Pišpeks Werke reißen ebendiese Grenzen ein – die Grenzen dessen, was Gegensätzlichkeit ausmacht. Zurück bleibt das Vieldeutige, alleingelassen in endlosen Interpretationsspielräumen. Ob es wohl richtige Lesarten gibt? Nur der Künstler kennt die Antwort.

Gewalt, die schockiert, die beeindruckt

Pišpeks Erstausstellung trägt den Titel „Smash“, in Versalien. „Zerschmettern“. Eine Hommage an den Kampfsport, konkret an MMA. Menschen, die sich in Boxringen bekriegen, schlagen und treten. Ein von physischer Gewalt geprägter Sport, der klaren Regeln folgt. Der schockiert, absurd wirkt, sprachlos zurücklässt. Der seine eigene Kunst ist, seine eigene Schönheit hat.

Gekonnt spielt der in Berlin geborene Künstler mit dieser extremen Dynamik. Gliedmaßen greifen ineinander, überlagern sich, drücken einander weg, halten einander fest, sind aggressiv, sind einfühlsam. Es ist unmöglich, vor ein Werk Pišpeks zu treten und keine Emotion zu lesen. Und das, obwohl keines seiner Werke mit Gesichtern arbeitet. Die menschliche Abstraktion lädt dazu ein, die Geschichten Pišpeks selbst weiterzudenken.

Über den Künstler

Matija Pišpek, geboren in Berlin, lebt und arbeitet heute in Stuttgart. Seine Arbeitsweise ist zutiefst prozesshaft: In seinem Atelier entstehen oft bis zu 20 Werke gleichzeitig. Pišpek nutzt Vorskizzen, übermalt Vorhandenes und entwickelt manche seiner Bilder über Jahre hinweg weiter, bis sie ihre finale Ausdruckskraft erreichen. Nach seiner Beteiligung an der Schau „Sex & Gewalt – Tödliches Begehren in der Kunst“ im Jahr 2023 markiert „Smash“ im Kunstmuseum Albstadt nun die erste repräsentative Einzelausstellung des Künstlers.

Inspiration hierfür holt sich der Berliner Künstler aus Informationssplittern des Alltags. Das, was im Unterbewusstsein landet, formt sich in Pišpeks Händen zu Greifbarem. Eine Mischung all dessen, was wir tagtäglich konsumieren: Nachrichten, soziale Medien, Oberflächlichkeiten und Tiefgänge, Hoffnung, Abgründe, Pornografie, Kriegsbilder und Katzenaugen. Die Gleichzeitigkeit von Emotion und Abstumpfung verbildlicht Matija Pišpek in seiner bis November ausgestellten Werkauswahl.

Albstadt will auch Kulturstadt sein

Selbst Oberbürgermeister Roland Tralmer würdigte den Wagemut, den Pišpeks Ausstellung voraussetzt. Albstadt sei bisweilen Industriestadt, Sportstadt, aber auch Kulturstadt und damit ein „überregional respektierter Ort für Gegenwartskunst“. Die Stadt beweist damit einmal mehr, dass Beklemmungen keine Vokabeln im kommunalen Wörterbuch sind. Bereits 2023 trug Pišpek Werke zur Ausstellung „Sex & Gewalt – Tödliches Begehren in der Kunst“ bei. „Smash“ ist Pišpeks erste repräsentative Einzelausstellung. Damit holt Museumsdirektor Kai Hohenfeld Aktmalerei nach Albstadt, deren Bildsprache einzigartig ist.

Matija Pišpek lebt und arbeitet in Stuttgart. In seinem Atelier entstehen manchmal 20 Werke gleichzeitig. Die einen fließen ihm förmlich aus den Fingern, die anderen interpretiert er über Jahre. Die meisten davon entstehen über Vorskizzen. „Es sind prozesshafte Bilder“, sagt Pišpek. Es komme auch vor, dass er Vorhandenes übermalt. Mitunter ist das seinen ausgestellten Werken im Kunstmuseum anzusehen.

Es wäre an der Zeit, Vieldeutigkeit zu akzeptieren

Man könnte meinen, dass ausdrucksstarke Kunst unweigerlich eine Botschaft transportiert. Eine vorgefertigte, die der Künstler selbst im Kopf hatte. Doch die Frage danach beantwortet Pišpek entschieden mit einem Nein. Es ist auf eine Art unbefriedigend, sind die Werke des gebürtigen Berliners doch vermeintlich so klar in dem, was sie aussagen wollen. Die Verschwiegenheit Pišpeks hat zunächst eine gewisse Ambivalenz: Sie lässt Spielraum. Aber auch eine Art Vakuum, das seine Tücken hat.

Gesellschaftskritische Kunst, zu der Pišpeks Werke durchaus zählen, wird für Betrachterinnen und Betrachter immer eine Deutungsrichtung einschlagen. Es ist jene verloren gegangene Deutungshoheit, die Pišpeks Kunst ausmacht. Wer Eindeutigkeit eliminiert, muss mit Vieldeutigkeit leben. Redet man mit Pišpek darüber, entlockt man ihm doch noch so etwas wie eine Antwort auf die Frage, ob „Smash“ eine Botschaft transportiere: Moralisieren wolle er zwar nicht. Aber das gesellschaftliche Bild von Männlichkeit? Das dürfe gerne hinterfragt werden. Es sei allgemein an der Zeit, Dinge zu hinterfragen – und „Vieldeutigkeit zu akzeptieren“. Nicht nur im Kunstmuseum selbst, sondern gesamtgesellschaftlich.