Jäger im Zollernalbkreis: Wie Drohnen Rehkitze vor dem grausamen Mähtod retten

Die Farben auf dem Monitor der Fernbedienung verraten, wo die Thermokamera im Feld ein Rehkitz aufgestöbert hat. Ein Helfer wird an diese Stelle dirigiert, er rettet das Jungtier mit Netz und Handschuhen.
Jägervereinigung/Manuel Maute- Jäger retten im Zollernalbkreis Rehkitze mit Wärmebilddrohnen vor Mähwerken.
- Einsätze starten im Morgengrauen, damit sich Kitze von der Umgebung abheben.
- In Meßstetten führt Rolf Gerstenecker ein Team des Hegerings „Großer Heuberg“.
- Drohnen orten Wärmequellen, Helfer bergen Kitze mit Handschuhen und Netz.
- Kitze werden kurz außerhalb abgelegt – nach höchstens drei Stunden zurück zur Ricke.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Kaum auf der Welt, beginnt für kleine Rehe eine äußerst gefährliche Zeit, denn ausgerechnet die ersten Lebenstage der Kitze fallen im Mai und Juni mit der ersten Mahd der Wiesen zusammen. In die legen die Mütter ihre Rehkitze ab, wenn sie auf Nahrungssuche gehen. Das funktioniert deshalb, weil Kitze beinahe geruchslos sind und beispielsweise vom Fuchs olfaktorisch nicht wahrgenommen und aufgespürt werden können.
Die noch nicht mobilen und kaum sichtbaren Jungtiere kommen vielfach in den Mähmaschinen zu Tode, obwohl Bauern gesetzlich dazu verpflichtet sind, vor dem Mähen, ihre Wiesen nach Rehkitzen abzusuchen. Seit einigen Jahren kommen Jäger den Landwirten zu Hilfe – mit Drohnen, die mit Wärmebildkameras ausgestattet sind.
Um 5 Uhr klingelt der Wecker
Auch in Meßstetten kommt diese Technik zum Einsatz, wie die Stadt in einer Pressemitteilung berichtet. Es ist einer jener Tage zwischen Mitte Mai und Mitte Juni, an denen bei Rolf Gerstenecker wieder sehr früh der Wecker klingelt. Zum Tagesanbruch, spätestens um fünf Uhr, möchte er mit Kollegen am Wiesenrand stehen – irgendwo auf der Gemarkung zwischen Meßstetten, Obernheim und Nusplingen.
Für dieses Areal ist der Hegering „Großer Heuberg“ der Jägervereinigung Zollernalbkreis zuständig, die mehrere Drohnen-Teams hat. Einer der erfahrenen Drohnenpiloten ist Rolf Gerstenecker aus Meßstetten. Immer im späten Frühjahr fällt dem 68-Jährigen, ebenso seinen Kollegen im Landkreis, eine ganz besondere Aufgabe zu: die Kitz-Rettung mit Quadrokoptern.

Rolf Gerstenecker und seine Rauhaardackelhündin Vroni sind ein eingespieltes Team. Ebenso vertraut ist der Drohnenpilot mit dem Quadrokopter, der mit einer Wärmebildkamera ausgestattet ist und bei der Rehkitz-Rettung im hohen Gras zum Einsatz kommt.
Stadt Meßstetten/Volker BitzerIn den ersten Lebenstagen bewegen sich die Kitze nicht von der Stelle. Ihre Mutter sucht sie alle zwei bis drei Stunden auf, um sie zu säugen. Droht dem Kitz Gefahr, ist es seine angeborene Strategie, sich zu ducken und abzuwarten, bis das Muttertier zurückkommt. Leider hilft dieser Abwehrinstinkt nicht bei Traktoren mit Mähwerken. Zwar kann das Kleine den Schlepper hören, aber flüchten wird es in den ersten Lebenstagen dennoch nicht.
Früher Menschen, heute Drohnen
Ein tragischer Umstand: Zur gleichen Zeit, in der Kitze ihre ersten Lebenswochen in Wiesen verbringen, werden diese erstmals gemäht. Witterungsbedingt bleibt Landwirten oft nur ein kleines Zeitfenster für die Mahd. Bis vor einigen Jahren hat man die Wiesen vor dem Mähen mit größeren Menschengruppen und Hunden abgesucht. Dabei ist man in einer engen Streife über die Wiese gelaufen, hat die gefundenen Kitze abseits der Wiese abgelegt und direkt mit dem Mähen begonnen.
Heute kommen vielerorts Drohnen zum Einsatz. Das Team „Rolf Gerstenecker/Konrad Dett“ aus Meßstetten ist regelmäßig mit einer der sieben Drohnen unterwegs, die die Jägervereinigung Zollernalb zur Kitz-Rettung im gesamten Landkreis bereithält. Die Fluggeräte, die bis zu 7000 Euro kosten, sind mit Wärmebildkameras ausgestattet und werden per Fernsteuerung in Bahnen über die betroffene Wiese gesteuert. Hat ein Landwirt eine Wiese zum Mähen im Auge, informiert er die Jägerschaft. Das geschieht oft recht kurzfristig.

Die Drohne ist mit einer Wärmebildkamera ausgestattet, mit der Rehkitze im hohen Gras geortet werden.
Stadt Meßstetten/Volker BitzerDie Thermokameras können aus bis zu 40 Metern Entfernung Wärmequellen am Boden ausmachen. Damit sich die Kitze von der Umgebungstemperatur abheben, ist es notwendig, früh am Morgen loszulegen, bevor die Sonne zu stark wird. Entdeckt der Drohnenpilot ein Kitz, navigiert er seinen Helfer zur betroffenen Stelle. Der Jägerkollege nimmt das Rehkitz stets mit Handschuhen und Gräsern auf und legt es in einer Kiste abseits der Wiese ab. Hier wird es nach spätestens drei Stunden zum Säugen wieder freigelassen und der Ricke übergeben. Interessante Beobachtung: Während der Kitzrettung sind die Muttertiere stets in unmittelbarer Nähe, verfolgen die Aktion und lassen kein Auge davon, schließlich geht es um das Wohl ihrer Kleinen. Ist eine Wiese abgesucht und kitzsicher, muss der Landwirt zügig mit der Mahd beginnen und diese vollenden.
„Es ist ein fürchterliches Bild, wenn man mal ein auf diese Weise umgekommenes Tier gesehen hat“, erzählt Rolf Gerstenecker, der das frühe Aufstehen deshalb gerne in Kauf nimmt. Auch wenn er keine konkrete Zahl nennen kann, so seien es auch in den zurückliegenden Wochen allein in Meßstetten, Obernheim und Nusplingen wieder einige Jungtiere gewesen, die die ehrenamtlichen Helfer vor dem Mähen aus den Wiesen holen konnten.