Frank Schroft, seit 2015 Stadtoberhaupt von Meßstetten, ist einer der jungen Bürgermeister des Zollernalbkreises: Geboren 1986, aufgewachsen in Burladingen, dort früh in der Kommunalpolitik engagiert, heute in Meßstetten lebend und für seine Kommune engagiert, kennt er den Landkreis und die Anliegen der Bevölkerung aus verschiedenen Blickwinkeln – was zu verschiedenen Fragen anregt.

Herr Schroft, um ganz unverfänglich zu beginnen: Was verbinden Sie als Bürgermeister und junger Familienvater persönlich mit dem Zollernalbkreis?

Der Zollernalbkreis ist für mich eine über viele Jahre gewachsene, äußerst gelungene Symbiose aus Natur und Kultur sowie erfolgreicher Unternehmen. Denken und Handeln der Menschen werden immer auch von der Landschaft, in der sie leben, geprägt. Das gilt besonders hier bei uns. Im Norden bestimmen das Obere Gäu, im Zentrum das Albvorland, dann der Große Heuberg und im Südosten die Schwäbische Alb seit jeher die Region. Das ist eine gute Mischung mit Unterschieden, Reibungsflächen und kreativem Potenzial.

Das klingt sehr heimatverbunden. Welche Bedeutung hat der Begriff Heimat für Sie?

Wir sind mitten in einem an Tempo zunehmenden Strukturwandel und vieles, was für uns selbstverständlich war, ist brüchig geworden. Auch ordnet sich im Kampf der Supermächte die Weltordnung neu. In einer so bewegten Zeit wird uns die Bedeutung der Heimat zunehmend stärker bewusst. Heimat ist für mich Vertrautes, Bekanntes, Zugehörigkeit und Tradition. Tradition als Brücke aus der Vergangenheit in die Zukunft. Johann Gottfried Herder hat gesagt: „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss.“ In der Heimat werden wir verstanden und verstehen. Auch ohne Worte. Wenn wir in der Ferne sind, ist die Heimat Ort unserer Erinnerung, die uns Kraft gibt, um zu Neuem aufzubrechen. Heimat ist damit im Zeitalter der globalen Veränderungen immer auch Orientierung und Halt gebendes Fundament.

Kommen wir auf die Besonderheiten dieser Heimat zu sprechen. Was sind für Sie die hervorstechendsten Merkmale dieser Region zwischen Stuttgart und Bodensee?

Herbe Schönheit und karge Natur sind für mich besonders signifikant. Das hat die Menschen über die Jahrhunderte genügsam, willensstark und kreativ gemacht. Die langen Winter und die kargen Böden haben dazu geführt, dass die Menschen sich in den Gegebenheiten einrichten und mit Realismus und Vernunft das Beste daraus gemacht haben. Gleichzeitig bieten die touristischen Besonderheiten wie der Albtrauf, die Hohenzollernstraße, die Römerstraße Neckar-Alb-Aare und die Schwäbische Albstraße Chancen für weitere Entwicklung. Ergänzt durch die beliebten Traufgänge und Hochalbpfade ist unser Landkreis zu einem touristischen Kleinod geworden.

Sie sprachen eingangs von der Symbiose aus Natur und Kultur. Was ist für Sie kulturell besonders erwähnenswert?

Neben der einzigartigen landschaftlichen Vielfalt gehört für mich der museale Reichtum zu den Besonderheiten unseres Landkreises. Ich denke dabei an das Hohenzollerische Landesmuseum, das Römische Freilichtmuseum in Stein, das Kunstmuseum in Albstadt, das Fossilienmuseum in Dotternhausen, das Atomkeller-Museum in Haigerloch, an das Museum für Volkskunst in Meßstetten und nicht zuletzt an das Wahrzeichen des Zollernalbkreises, die Hohenzollernburg.

Ohne wirtschaftliche Basis geht freilich gar nichts. Der Kreis musste in den 90ern einen gewaltigen Strukturwandel bewältigen. Die Textilindustrie ist bis auf Reste verschwunden. Haben wir den Strukturwandel geschafft?

Aus gutem Grunde zählt Prognos unseren Landkreis zu den Aufsteigern des krisengeprägten Jahres 2022. Bei uns sind bedeutende Global-Player und Marktführer angesiedelt, die bewiesen haben, wie aus den Herausforderungen und aus der ständigen Veränderung des Marktes Chancen generiert werden können. Gleichzeitig haben wir starke kleinere und mittelständische Firmen, die als Innovations- und Jobmotor zum wirtschaftlichen Erfolg des Kreises beitragen.

Eines der Worte des Jahres 2022 war die „Zeitenwende“. Was bedeutet das für die Region?

Wie wir alle wissen, ist damit der Vernichtungskrieg Putins mit seinen Auswirkungen gemeint. Die Krisen des Jahres haben deutlich gemacht, wo wir in Deutschland insgesamt und besonders im ländlichen Raum Nachholbedarf und Entwicklungspotentiale haben. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz werden unsere Arbeits- und Lebenswelt grundlegend verändern, eröffnen aber auch neue Möglichkeiten. Viele Leistungen können von überall angefordert und erbracht werden. Das haben die Corona-Jahre gezeigt. So eröffnen sich Chancen, persönliche Lebensentwürfe und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie noch besser umzusetzen.

Eine Bertelsmann-Studie hat ergeben, dass vor allem im Gesundheits- und Sozialwesen, bei Unternehmensdienstleistern, im IT- und Informationsbereich, viele Arbeitsplätze aus unterschiedlichen Gründen entstehen werden, während andere Bereiche von Stellenabbau gekennzeichnet sein werden ...

Hier hat gerade der ländliche Raum Zollernalbkreis enorme Entwicklungsmöglichkeiten. Dazu muss aber erheblich in die Infrastruktur investiert werden. Das macht uns für junge Menschen und Familien noch attraktiver. Wir haben seit über 50 Jahren die Hochschule Albstadt-Sigmaringen, die im Ranking der Hochschulen einen vorderen Platz einnimmt. Aus meiner Sicht kann deren Expertise noch stärker von den Kommunen und den KMU genützt werden, auch um dem eklatanten Fachkräftemangel entgegenzuwirken.

Wir haben den Wohlfühlfaktor herausgestellt, und auch wirtschaftlich sieht die Zukunft, wie Sie uns dargestellt haben, nicht nur düster aus. Was sind die Themen, denen sich die Kreispolitiker widmen müssen, um den Kreis wettbewerbsfähig zu halten?

Mit dem Großprojekt Regionalstadtbahn schaffen wir eine bessere Anbindung auch an die Metropolregion. Damit wird ein weiteres Zusammenwachsen der Region ermöglicht und erhöht sich die Attraktivität unseres ländlichen Raumes. Die Entscheidung für ein Zentralklinikum ist ein weiterer Meilenstein für die medizinische Versorgung der Region, ebenso wie der Interkommunale Industrie- und Gewerbepark Zollernalb in Meßstetten, von dem auch Balingen, Albstadt und andere Kommunen profitieren. Die verstärkte Digitalisierung von Verwaltungen und Unternehmen ist genauso ein absolutes Muss, um die Chancen der Zukunft zu nutzen. Weiter bin ich der Ansicht, dass die Folgen des Klimawandels auch im Landkreis bekämpft werden müssen, das setzt jedoch die Bereitschaft und Offenheit voraus, über die Installierung erneuerbarer Energieträger nachzudenken.

Herr Schroft, was wünschen Sie dem Zollernalbkreis für die nächsten 50 Jahre?

Dass wir das Erreichte erhalten. Dazu müssen wir allerdings offen für Veränderungen sein. Und bereit, Notwendiges zu korrigieren und Mögliches zu riskieren. Konkret sollte die interkommunale Zusammenarbeit intensiviert und der Austausch zwischen Wissenschaft, Wirtschaft und Politik ausgebaut werden. Das ist für mich der Boden, auf dem vieles im Sozialen, Kulturellen und Gesellschaftlichen möglich ist. Damit kann auch eine stärkere Identifizierung mit unserem Gemeinwesen ermöglicht werden. Das wahre Leben findet in den Städten und Gemeinden des Landkreises statt, nicht in den Parlamenten in Brüssel, Berlin oder Stuttgart. Hier bei uns wird umgesetzt, was dort beschlossen wurde. Deshalb müssen unsere Kommunen wieder stärker gefördert und unterstützt werden. Konkret denke ich dabei an die kleinkindliche Betreuung, die für alle Beteiligten sozial verträgliche Beherbergung der flüchtenden Menschen aus den Kriegs- und Krisengebieten und den Breitbandausbau.

Das heißt, die Aufgaben gehen uns in unserem Heimatkreis auch in kommenden 50 Jahren nicht aus. Herr Bürgermeister, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.