Biochemiker aus Obernheim erklärt
: Kann man Glück lernen?

Lässt sich Lebensfreude erlernen? Der ehemalige Biochemiker Dieter Illg aus Obernheim meint ja. Doch ganz so einfach ist das nicht. Und wenn es nach ihm geht, sollen die Schulen dabei mitziehen.
Von
Alexander Reimer
Obernheim
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Dieter Illg aus Obernheim, Biochemiker und "Glücks-Trainer", ist sich sicher: Das Glücklichsein lässt sich erlernen.

Peter Kiedaisch

Glück als Unterrichtsfach — klingt abwegig, wurde aber bereits 2007 an der Willy–Hellpach–Schule in Heidelberg eingeführt. Zahlreiche weitere Schulen sollten diesem Beispiel noch folgen. Die Idee weckte damals Dieter Illgs Interesse. Als promovierter Biochemiker ist er mit den chemischen Vorgängen im Gehirn bestens vertraut und weiß, was im Kopf passiert, wenn wir glücklich sind.

Bald folgen die ersten Vorträge

Doch als Vater von vier Kindern und ehemaliger Schullehrer war dieses neue Schulfach für ihn vor allem aus pädagogischer Sicht von Interesse. „Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen“, so sollte Unterricht nach der Meinung des Wahl–Obernheimers sein. Die Realität sehe hingegen anders aus: Schülern und Lehrern würden Lehrpläne aufgezwungen, die mit dem eigentlichen Leben nur wenig zu tun hätten, es werde oft Wissen vermittelt, das später nie benötigt werde, findet Illg.

Nachdem der heute 74–Jährige von diesem neuen Unterrichtsfach gehört hatte, arbeitete er sich immer tiefer in das Thema ein. 2012 hielt er dann selbst seinen ersten Vortrag bei einem Elternabend an einer Schule. Weitere Schulen im Raum Stuttgart und Böblingen folgten. Seine Vorträge, die er bis zum Ausbruch der Pandemie hielt, richteten sich in erster Linie an Eltern und Lehrer. „Was macht uns glücklich?“, „Was löst Glücksgefühle aus?“ oder „Was passiert im Gehirn?“ waren dabei die Fragen, die Illg aufgriff. Er verdeutlichte auch, dass Glücksmomente in der Schule oft rar gesät sind und Schulversagen zu den größten Ängsten zählen, die Kinder und Jugendliche belasten. Illg kam dabei auch auf die Frage zu sprechen, was in einem Schulfach „Glück“ die Lernziele wären.

Kein Schlüssel zum Glück

„Den Schlüssel zum Glück oder ‚das eine Glück‘ gibt es nicht“, lautete dabei eine wichtige Lektion, die auch Schüler lernen müssten, erklärt Illg. Glück sei etwas Persönliches. Was den einen glücklich mache, könne eine andere Person völlig kaltlassen. Das zeige sich beispielsweise bei MRT–Untersuchungen. Schneebedeckte Berge lösen bei Wintersportlern Aktivitäten im Glückszentrum des Gehirns aus. „Bei einem anderen sind es dann vielleicht Bilder von einem Strandurlaub“, sagt Illg.

Wichtige „Grundzutaten“

Dennoch gebe es Faktoren, die nachweislich für Glück, beziehungsweise Lebensfreude sorgen. Freundschaft, Liebe und die Beziehung zu Menschen, mit denen man sich austauschen könne, seien wesentliche Voraussetzungen für das persönliche Glück. „Wie viele Freunde man hat oder wie oft man sich mit denen treffen will, ist wiederum von Person zu Person unterschiedlich“, betont Illg nochmal den individuellen Aspekt dieses Themas. Eins sei aber hierbei klar: „Mehrere hundert ‚Freunde‘ auf Facebook zu haben, macht nicht glücklich.“ Ähnlich verhält es sich auch mit anderen Dingen, wie beispielsweise Smartphones oder Geld: „Nicht alles, was auf den ersten Blick glücklich zu machen scheint, trägt auch wirklich zur Lebensfreude bei.“

Sport bereitet Freude

Selbstachtung und Optimismus seien ebenfalls wesentliche Zutaten für das eigene Glück. Ebenso sei erwiesen, dass Sport und Bewegung das Glückszentrum im Gehirn anregen. Ob Joggen, Frühgymnastik oder ein gemütlicher Spaziergang — auch hier müsse jeder für sich die passende Aktivität finden. Umgekehrt sei erwiesen, dass glückliche Menschen gesünder seien, so der 74–Jährige. Der Weg zum Glück sei letztlich auch immer ein Selbstfindungsprozess. „Glück kann man erlernen. Aber jeder muss sein eigenes Glück suchen“, so Illg.