Ulm / Fabian Ziehe Gefühlt ist die Brettspiel-Szene männlich geprägt: Meist gibt Mann den Ton an. Wir fragen Insiderinnen: Warum ist das so?

Gefühlt ist die Brettspiel-Szene männlich geprägt. Ob Verlagsspitze, Autoren, Juroren, Blogger, Rezensenten: Meist gibt Mann den Ton an. Wir haben Insiderinnen gefragt: Warum ist das so?

Carol Rapp (39), Marketingchefin Brettspiele der Asmodee Group.
© Foto: Asmodee
„Das Brettspielen hat von seinen Ursprüngen her schon eher einen maskuline Note – paradox, weil es doch eher dem kreativen Bereich zuzuordnen ist. Tatsächlich ist auch die Wirklichkeit eine andere: Wir rechnen, dass etwa 60 bis 70 Prozent der Gesellschaftsspiele von Frauen gekauft werden – sie bestimmen, was die Familie auf den Spieletisch bekommt, was unter dem Weihnachtsbaum landet. Männer kaufen im Vergleich seltener für die Familie, sondern eher für sich selbst ein. Wie alle anderen Verlage wissen auch wir das längst und richten unser Programm darauf aus. Es ist nicht verwunderlich, dass kommunikative Spiele wie „Decrypto“ oder kooperative Titel wie „Pandemie Legacy“ derzeit so boomen. Ich finde das nicht nur aus Verlagssicht toll: Brettspiele ermutigen meiner Meinung nach Frauen, freier und offener zu agieren. Wer spielt, der entwickelt sich weiter, wird stärker.“

Carol Rapp (39), Marketingchefin Brettspiele der Asmodee Group

Susanne Hirche (48), langjährige Spielerin.
© Foto: privat
„Wenn Frauen wollen, wird es ihnen gar nicht so schwer gemacht. Die Szene ist nicht sexistisch. Und die Brettspielsparte ist weit weniger auf die Differenzierung zwischen Jungs und Mädels ausgerichtet als die Spielwarenbranche insgesamt. Aber es gibt auch Hemmnisse. Tatsächlich gibt es Kreise, in denen Spielen als unweiblich angesehen wird – manch eine nimmt diese Selbstbeschränkung an. Ein Teil der Szene pflegt unnötiger Weise den Nimbus, dass „gutes Spielen“ gleich „schwierig“ bedeutet. Und es gibt den Typ männlicher Nerd-Spieler, der bei Umgangsformen und Sozialkompetenz eher weniger punkten kann. Und das schreckt manche Frau leider ab.“

Susanne Hirche (48), langjährige Spielerin

Martina Fuchs (41), Leiterin einer Ganztagsschule und Bloggerin beim Podcast „Fux und Bär“.
© Foto: privat
„Frauen tun sich doch gar nicht schwer – sie fallen nur nicht so auf! Ja, es sind meist die Männer, die bloggen und schreiben, die öffentlich über Spiele reden. Aber tatsächlich an den Tischen sehe ich viele spielende Frauen. Sie begeistert an dem Hobby in der Tendenz vielleicht eher das Gesellige, weniger das Kompetitive – aber das ist vielleicht auch Erziehungssache. In der Schule und dem Jugendkulturzentrum lernen meine jungen Spielerinnen andere Spiele– und da gibt es keine, die vor komplexen Spielen oder Themen wie Zombies oder  Aliens zurückschreckt.“

Martina Fuchs (41), Leiterin einer Ganztagsschule und Bloggerin beim Podcast „Fux und Bär“

Julia Zerlik (31), Jurorin bei „Spiel des Jahres“.
© Foto: privat
„Als Mathe- und Rätsel-Fan habe ich mich in der Brettspiel-Szene nie schwer getan – aber vielleicht bringen andere Frauen diese Begeisterung weniger mit. Vielleicht haben sie tatsächlich andere Dinge im Leben mehr im Blick oder sind, anders als Männer, gar nicht so auf der Suche nach Fluchten aus dem Alltag. Andererseits erobern Frauen mehr und mehr das Hobby – einfach, weil sie es toll finden. Da braucht es keine Förderprogramme, keine muss zum Spielen gezwungen werden.“

Julia Zerlik (31), Jurorin bei „Spiel des Jahres“

Inga Keutmann (34), Redakteurin bei Feuerland Spiele.
© Foto: Feuerland
„Ich kann mir vorstellen, dass die Interessen von Männern und Frauen etwas anders gelagert sind. Aber in den Verlagen, in den Redaktionen ist es ziemlich egal, ob Männlein oder Weiblein – und auf Spieleevents und Messen ist das Geschlechter-Verhältnis mal grob geschätzt längst 60 zu 40 Prozent.  Aber ja, bei Spielen wie „Flügelschlag“, die allein Frauen entwickelt, illustriert und übersetzt haben, wird eben das von der Szene gerne hervorgehoben. Es ist schon schade, dass das noch immer so betont werden muss.“

Inga Keutmann (34), Redakteurin bei Feuerland Spiele

Mehr zu Brettspielen bietet der SWP-Spieletest.