„Wirf einen Schatten“: Elena Fischers neuer Roman – Die Last des Schweigens

Elena Fischer: Wirf einen Schatten. Diogenes, 304 Seiten, 25 Euro.
Diogenes- Roman „Wirf einen Schatten“: Geschichte eines schweigsamen Bauern namens Joseph.
- Heiligabend, 1964: Frau Lis zog mit Sohn fort, Ausreißerin Birdie klopft an seine Tür.
- Freundschaft mit Birdie entsteht, zugleich Annäherung an Ada, die Schwester von Lis.
- Erzählstruktur auf mehreren Zeitebenen – Gegenwart, rückwärts erzählte Vergangenheit, Kindheit.
- Thema Nachkriegsgeneration: erlernte Sprachlosigkeit, harter Vater, prägende Lebensweisheiten.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Joseph spricht nicht gern über seine Gefühle, geschweige denn über schlimme Dinge, die er erlebt hat. Auch dann nicht, wenn sie ihn in der Gegenwart einholen und sein Leben bestimmen. Doch so war das eben in den 1960er-Jahren. Sein Vater sprach schließlich auch nie über das, was in ihm vorging. Joseph ist selbst Vater – doch in dem verzweifelten Versuch, bloß nicht wie sein eigener Vater zu werden, ist er für seinen kleinen Sohn Samuel letztlich gar kein Vater.
Aber von vorn. Heiligabend, 1963. Vor ein paar Monaten ist Josephs Frau Lis samt Sohn in die Stadt gezogen. Alleine auf dem Hof, ist Joseph seinen Gedanken ausgesetzt. Er ist schon bereit, alles zu beenden, da klingelt Ausreißerin Birdie an seiner Tür. Langsam entsteht zwischen den beiden eine vorsichtige Freundschaft. Und dann ist da noch Ada, Lis’ Schwester. Wobei, vielleicht ist da mehr zwischen Ada und Joseph.
Elena Fischer erzählt in ihrem neuen Roman „Wirf einen Schatten“ die Geschichte ihres Protagonisten auf mehreren Zeitebenen. Da ist die Gegenwart, die mit einem Mann am Tiefpunkt seines Lebens beginnt. Parallel dazu entfaltet sich in eingestreuten Kapiteln die jüngere Vergangenheit – rückwärts. Warum hat Lis Joseph verlassen? Was verbindet ihn mit Ada? Dazwischen streut Fischer Erinnerungen an Josephs Kindheit ein: an den harten Vater, die Mutter, die seinen Bruder Johann stets vorzog, und an die Großmutter, deren Lebensweisheiten Joseph bis heute begleiten. So fügt sich Stück für Stück das Bild eines Mannes zusammen, dessen Sprachlosigkeit nicht angeboren, sondern erlernt ist.
Berührend, ohne kitschig zu sein
Elena Fischer kann schreiben. Wahrlich keine Überraschung, landete sie mit ihrem Debütroman „Paradise Garden“ direkt auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2023. Und auch bei ihrem zweiten Roman beweist sie ihr erzählerisches Können. Es ist eine leise Geschichte, die berührt, ohne kitschig zu sein. Feinfühlig und in klugen Sätzen schildert sie auf rund 300 Seiten Josephs innere Gedankenwelt. Poetisch zeichnet die 39-Jährige ihre (unkonventionellen Frauen-)Figuren. Lis, die, wenn sie in der Stadt ist, plötzlich aufblüht: „Es ist, als ob man eine Blume mit hängendem Kopf ins Wasser stellt, als ob die Sonne durch die Wolken bricht.“ Die intellektuelle Träumerin Ada, die Wörter wie „Augenschmaus“ und „klammheimlich“ mag.
Und allen voran Joseph, ein Bauer, der sein ganzes Leben kaum über die Grenzen seines Hofes hinausgekommen ist. Aber das ist vielleicht auch okay, das ist schließlich sein Flecken Erde. Der Wald vor seiner Haustür, die Tiere und der Rhythmus der Jahreszeiten genügen ihm. Und doch ist Joseph vielleicht gar nicht so einfach gestrickt, wie er zunächst wirkt.
Es ist auch eine Geschichte über die stoische Nachkriegsgeneration, die zu viel Essen auf dem Tisch als Verschwendung versteht. Die immerzu arbeitet und erst, wenn sie ins Krankenhaus muss, einen Tag stillliegt. Männer, die sich so schwer tun, über sich selbst zu reden. Vielleicht liegt Josephs Sprachlosigkeit darin: „So, wie es beinahe unmöglich war, Gefühle in Worte zu fassen, war es beinahe unmöglich, einen Traum in Worte zufassen. Es war immer bloß eine Annäherung.“
Elena Fischer: Wirf einen Schatten. Diogenes Verlag, 304 Seiten, 25 Euro.

