Wiley Open Air 2026: AnnenMayKantereit wollen in Neu-Ulm die Zeit festhalten

Die Straßenmusik haben sie noch immer drauf: AnnenMayKantereit in Neu-Ulm, von links Christoph Annen, Severin Kantereit und Henning May.
Matthias Kessler- Ausverkauftes Open Air in Neu-Ulm: rund 18.500 Fans im Wiley-Sportpark nach Regenguss.
- AnnenMayKantereit mischen Nostalgie und Gegenwart – frühe Hits wie „Pocahontas“ sorgen für Erinnerungen.
- Neue Songs werden live erprobt, u. a. „Bildschirmzeit“, „Komm zu mir“ und „Kleine Wolken“.
- Die Band tritt reduziert und analog auf, ergänzt durch Bassistin und später ein Bläser-Quartett.
- Henning May spricht über Bildschirmzeit und Angst vor Gewitter, Publikum reagiert aufmerksam.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Über Henning May weiß man vieles. Der Sänger von AnnenMayKantereit hat immer viel von sich preisgegeben in seinen Texten, vom Aufwachsen bei seinem alleinerziehenden Vater, von Frauen, die nackt im Bett liegen, während er barfuß am Klavier sitzt, aber die er dann doch wieder gehen lassen muss oder von ihnen gegangen wird, da gibt es lyrischen Interpretationsspielraum. Und es braucht am Freitagabend (17. Juli 2026) nur einen kurzen, aber heftigen Regenguss nach dem Vorprogramm im (deshalb sogar kurzzeitig geräumten) Neu-Ulmer Wiley-Sportpark, dass die rund 18.500 Fans erfahren: „Ich habe ja immer Angst vor Gewitter.“
Wundert einen jetzt nicht, May ist ein zart besaiteter junger Mann, den sicher viele Besucherinnen gerne schützend in den Arm nehmen würden. Auch jetzt mit 34 verfügt er über eine kindliche Bambi-Ausstrahlung, was ihn allerdings nicht daran hindert, manchmal zu röhren wie ein brünstiger Hirsch. Diese Stimme! Wie von Jahrzehnten Schnaps und Kipper geätzt, aber in Wahrheit schön antrainiert in Zeiten, als AnnenMayKantereit noch eine Kölner Gymnasiastenband waren, die auf kleinen Bühnen oder in der Fußgängerzone um Aufmerksamkeit kämpfte.
„Die Vögel scheißen vom Himmel, und ich schau dabei zu“, die ersten Worte des Songs „Marie“, die ersten May-Worte des Konzerts, geschrieben 2018, als AnnenMayKantereit – auch kurz AMK – die Straße schon gegen Hallen getauscht hatten. Die frühen Songs pendelten noch zwischen Pianoballade und scheunentauglich geschrubbtem Folk-Rock der Mumford-Schule.
Der Soundtrack zur Studentinnen-WG
Schon bevor 2016 das erste Album „Alles nix Konkretes“ erschien, spielten die drei Freunde Henning May, Christoph Annen (Gitarre) und Severin Kantereit (Schlagzeug) ausverkaufte Konzerte. AnnenMayKantereit gingen schon viral, bevor jedes TikTok-Filmchen das schaffte. Der Soundtrack zur Studentinnen-WG.
Jetzt, zehn Jahre später, sind die Songs schon nostalgieumflort, als sänge/krächzte May aus einer fernen Jugend herüber. Spätestens bei „Pocahontas“ rotieren die Spiralen der Erinnerung beim Publikum. Ein frommer Wunsch schon davor: „Und dann denk' ich, dass es vielleicht, vielleicht für immer so bleibt.“ Hat nicht geklappt mit dem Festhalten der Zeit.
AnnenMayKantereit sind die Band der späten Millennials, die in Merkel-Deutschland ihre Jugend wie im Traum verbracht haben und plötzlich in der Putin-Trump-Infantino-Realität aufgewacht sind. Als genügte nicht der normale Erwachsenen-Quatsch: Kita-Suche, Getränke schon wieder alle, schlechte Vibes im Lehrerzimmer, so etwas. Man ist eben nicht mehr „21, 22, 23“ wie im zornig rumpelnden AMK-Song, sondern 33, 34, 35 wie die Band. Oder auch 44, 45, 46 wie gar nicht so wenige im Publikum, das eher genießt als eskaliert.
„Wer kennt noch Telefone mit Kabel?“
Steile These: So jung wie AnnenMayKantereit ist noch keine Band alt geworden. „Wer kennt noch Telefone mit Kabel und Drehscheibe?“, fragt May großonkelig zu den Fans hinaus. „Und wer kennt noch das Geräusch vom Router?“ schickt er hinterher, er meint wohl eher Modem. Schwamm drüber, lange her alles. Aber an den frühen Auftritt im Ulmer Roxy erinnert er sich gerne, er dichtet spontan eine kleine Hommage an das Kulturzentrum in den Text hinein.
Das Echte, Analoge ist das Ding dieser vorbildlich höflichen Band. Doch da spricht ein größeres Unbehagen aus May, der sich inzwischen weniger über sein Leben wundert als über die Welt. „Zu viel Bildschirmzeit ist Einsamkeit“, singt der Lehrersohn und empfiehlt allen, sich doch mal selbst zu hinterfragen, ob fünf Stunden am Tag wirklich sein müssten. „Bisschen unangenehm, ne?“, feixt er. Ist ja nicht so, dass im Wiley niemand das Handy gezückt hätte.
Immerhin, AnnenMayKantereit – live ergänzt um Sonja Glass am Bass – tun was gegen Vereinsamung und Screen-Verblödung: Sie spielen, ganz echt, ohne viel Drumherum, als die Band, die sie immer waren. Und sie wollen die dabei entstehenden Gefühle festhalten, indem sie ganz neue Songs für ein kommendes Album live einspielen, auf einer Art Studiobühne auf der Bühne, auf der sie sich ganz nahe kommen, während das Publikum staunen kann. „Bildschirmzeit“ ist einer davon, „Komm zu mir“ und „Kleine Wolken“ zwei weitere. Wenn der Eindruck nicht täuscht, treten AnnenMayKantereit in eine Retro-Indie-Rock-Phase ein, Neu-Ulm ist Zeuge. Könnte etwas werden.

Kurz nach dem Regenguss: AnnenMayKantereit bei ihrem ausverkauften Konzert in Neu-Ulm.
Matthias KesslerÜberhaupt ist bei aller Nostalgie da manches noch im Entstehen begriffen, seit dem Wahnsinnserfolg des Debüts sind die drei Kölner am Suchen, auch während der etwa 100 Minuten Konzert in Neu-Ulm. Nicht jeder Weg führt in die Zukunft, die karibischen Rhythmen des Stewardessen-Songs „Jenny, Jenny“ etwa, der immerhin dem spät auf die Bühne gebetenen Bläser-Quartett einen großen Auftritt beschert, das „Valerie“-Cover, das letztlich doch zeigt, dass AMK keine Soul-Kapelle sind. Eher schon: legitime Nachfolger von BAP. Als May allein am Klavier „Tommi“ spielt, ein Heimatlied, das es so nur in Köln geben kann, gönnen sich die Kollegen dazu entspannt ein Kölsch und viele Schwaben vor der Bühne wären auch gerne Rheinländer.
Selbst jetzt, wo AnnenMayKantereit große Open Airs und sogar das heimische Stadion ausverkaufen, sind sie in den kleinen Momenten besonders bei sich: Wenn sie zu dritt „Ozean“ singen, während die Fans in Pfützen stehen, wenn May nach „Oft gefragt“ am Klavier bewegt durchschnauft, dann wird es andächtig still im Publikum. So sehr diese Band mit der Gegenwart ringt, so sehr hilft ihre Musik manchen, diese Gegenwart auszuhalten. Vielleicht sollten sie ihre Botschaft wieder in die Fußgängerzonen tragen.
So geht es weiter im Wiley
Drei weitere Konzerte gibt es im Sommer 2026 im Neu-Ulmer Wiley-Sportpark: Sean Paul (25. Juli), Roxette (26. Juli) und Judas Priest (6. August). Ebenfalls bereits im Vorverkauf ist ein Auftritt der Fantastischen Vier im kommenden Jahr (7. August 2027). Tickets gibt es online und bei den bekannten Vorverkaufsstellen.











