Wie geht die Stadt mit Karl Lueger um?: Wiener Antisemit im Fall

Die Fotomontage zeigt das Kunstprojekt: Das Denkmal des antisemitischen Bürgermeisters Karl Lueger in Schieflage.
Andreas Praefcke- Wien kippt das Karl-Lueger-Denkmal um 3,5 Grad – ein Kunstprojekt kontextualisiert es.
- Die Statue wurde abgebaut und restauriert, der Platz ist mit Planen verhüllt.
- Aktivisten beschmierten das Denkmal seit 2020, „SCHANDE“ blieb als Protest sichtbar.
- Künstler Klemens Wihlidal möchte einen Lernort schaffen, Führungen sind geplant.
- Kritik reicht von Forderungen nach Entfernung bis zur Befürwortung einer neuen Perspektive.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Jetzt ist er erstmal weg in Wien, der Antisemit. Sie haben das Denkmal von Dr. Karl Lueger –Titel sind wichtig in Österreich – abgebaut, er wird restauriert. 100 Jahre lang stand er mit den Händen vor der Brust an der Ringstraße, imposante 20 Meter hoch.
Nun fehlt das Denkmal, der Ort ist mit grüner Plastikplane verhüllt. Auf einer Tafel steht: „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“. Die Abteilung „Kunst im öffentlichen Raum“ der Stadt Wien informiert, das Denkmal werde „künstlerisch umgestaltet und damit kontextualisiert“. Die Statue wird um 3,5 Grad gekippt. Lueger wird damit in eine Schieflage gestellt, er scheint im Fallen zu sein. Der Entwurf stammt von dem Wiener Künstler Klemens Wihlidal.
Von 1897 bis zu seinem Tod 1910 war er Wiener Bürgermeister und in größeren Teilen der Bevölkerung äußerst populär. Man bezeichnete ihn gar als „Herrgott von Wien“. So erschien es schlüssig, dass er dieses Denkmal erhielt, das 1926 aufgestellt wurde. Geschaffen hatte es der Bildhauer Josef Müllner, der später Nationalsozialist wurde und auch eine Hitler-Büste fertigte. Karl Lueger war ein ausgeprägter Antisemit, der sich selbst anerkennend auch als solchen bezeichnete. Viele Äußerungen dokumentieren seine Judenfeindlichkeit, so machte er Juden immer wieder auf typische Weise zu Sündenböcken.
„SCHANDE“ in großer Schrift
Über viele Jahrzehnte schien der aufgestellte Antisemit niemanden groß zu stören, er gehörte zum Stadtbild, wurde kaum mehr wahrgenommen. Sehr vereinzelt kam es zu Kritik, die aber verhallte. Erst seit 2020 – in den USA hatte die Black-Lives-Matter-Bewegung durch die Tötung von George Floyd einen Höhepunkt – fiel Lueger wieder auf. Er wurde zu einem äußerst unangenehmen Thema.
Wer in den vergangen Jahren zu dem Platz kam, stieß auf ein von Aktivisten in vielen Farben beschmiertes Denkmal. Das waren unübersehbare Zeichen des Protests. Ins Auge sprangen vor allem mehrere große Schriftzüge „SCHANDE“ in Rot. Die Stadt Wien, der das Denkmal gehört, beließ das so. Schließlich wollte man keinen bekannten Antisemiten säubern und damit ein stückweit reinwaschen.
Was tun bei dieser schwierigen Ausgangslage? Viele Städte und Gemeinden haben Probleme mit Monumenten einer Geschichte, die nicht nur unliebsam war, sondern teils auch menschenfeindlich und mörderisch. Stehen lassen, abreißen? Oder aber das schlechte, schlimme Erbe erklären? Es in seinen Kontext stellen und die glorifizierende Kunst verfremden?
Der Künstler Klemens Wihlidal sitzt zum Gespräch in einem Wiener Kaffeehaus. Er erinnert sich, schon 2009 hatte er Lueger in die Schräge versetzt, das war bei einem nicht offiziellen Wettbewerb der Wiener Universität für angewandte Kunst: „Nach eingehender Auseinandersetzung mit der Thematik um Lueger kam die Idee sehr spontan, ihn schief zu stellen. Ihm damit quasi den Boden unter den Füßen wegzuziehen.“ Bei verschiedenen Simulationen am Computer hat Wihlidal erkannt: „Er gerät ins Kippen, hat bei den 3,5 Grad den Kipppunkt noch nicht ganz erreicht. Das hat die brutalste Aussagekraft.“ Die Stadt Wien schrieb einen künstlerischen Wettbewerb aus für die Kontextualisierung, also die Veränderung des Denkmals. Wihlidal gewann und erhielt im Mai 2023 den Zuschlag für „Schieflage (Karl Lueger 3,5°)“.
Wie wird der restaurierte Antisemit aussehen?
Er ist jetzt 44 Jahre alt und ein ruhiger Mann, der erst einmal nachdenkt, bevor er redet. Er weiß, dass es Kritik an dem Umgang mit dem Denkmal gibt. Dass manche Stimmen – auch jüdische – fordern, den Lueger ganz wegzubringen. „Diese Option“, sagt Wihlidal, „sollte Teil der Diskussion sein.“ Aber: „Wenn es durch das Erhaltenbleiben zu einer sichtbaren Aussage, einer Gegenposition kommt – nämlich gegen Antisemitismus und Rassismus -, dann bin ich klar für diese Variante.“
Es gibt auch andere Meinungen. Die Autorin Deborah Benjamin Kaufmann spricht in einem Beitrag für den linksliberalen „Standard“ von einem „Monument der gescheiterten Entnazifizierung“. Lia Guttmann von den Jüdischen Österreichischen Hochschüler:innen sagt im ORF: „Dass Karl Lueger noch immer hier in Wien so eine große Bühne hat, das ist ein Schlag ins Gesicht für jeden Juden.“ Doch schon 2015 wiederum meinte die Dokumentarfilmerin Ruth Beckermann, die eine jüdische Identität besitzt: „Karl Lueger und Co gehören zur Geschichte dieser Stadt. Es liegt an den heutigen Bewohnern, dem damals geliebten Antisemiten eine neue Perspektive hinzuzufügen.“
Zwischen den Plastikplanen am Dr.-Karl-Lueger-Platz ist zu sehen, dass der Kern des künftigen Sockels schon steht, man glaubt auch die Neigung zu erkennen. Wie der restaurierte Antisemit dann aussehen wird, weiß man nicht genau. Jedenfalls nicht strahlend weiß und damit sozusagen erneut geehrt. „Es ist damit zu rechnen, dass Lueger auch nach der Schrägstellung Ziel aktivistischer Aktionen sein wird“, sagt der Künstler Wihlidal. Dass er also wieder beschriftet und beschmiert wird. Er würde das aber nicht verwerflich finden. „Der künstlerische Eingriff ist davon unabhängig.“ Neben einer erklärenden Tafel sind auch Vermittlungsprogramme am Denkmal geplant, etwa Führungen für Schulklassen. Wihlidal meint: „Es soll ein Ort des Lernens werden.“
Laut den Planungen soll der schiefe Antisemit im Sommer aufgestellt werden.
Auch Hitler war von Lueger beeindruckt
Als Kandidat der rechtspopulistischen christlich-sozialen Partei gewann der kaisertreue, stramme Antisemit Karl Lueger die Wiener Bürgermeisterwahl am 29. Oktober 1895. Er beeindruckte nicht nur den jungen Adolf Hitler. Längst ist Lueger (1844-1910) ein historischer Streitfall. Der Dr.-Karl-Lueger-Ring in Wien wurde umbenannt und heißt inzwischen schlicht Universitätsring.
