Uraufführung „Of One Blood“
: Brodelnde Unruhe, erregte Seelen an der Bayerischen Staatsoper

Elizabeth I. gegen Maria Stuart: Brett Deans Oper „Of One Blood“ zeigt den Machtkampf im Münchner Nationaltheater als Psycho-Krimi.
Von
Otto Paul Burkhardt
München
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"Of One Blood" an der Bayerischen Staatsoper.

Stark: "Of One Blood" an der Bayerischen Staatsoper.

Monika Rittershaus
  • Uraufführung der Oper „Of One Blood“ an der Bayerischen Staatsoper in München.
  • Thema ist der Machtkampf Elizabeth I. gegen Mary Stuart, erzählt über historische Dokumente.
  • Regie von Claus Guth in einer Halle wie Museum und Labor – mit Forschungsteam auf der Bühne.
  • Musik von Brett Dean mischt Neue Musik, Geräusche, Elektronik und Tudor-Fragmente.
  • Johanni van Oostrum und Vera-Lotte Boecker überzeugen, Dirigent ist Vladimir Jurowski.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Alles beginnt mit einem leisen Kratzen. Es ist das Geräusch eines Gänsekiels auf Pergament. So klang es, wenn jemand schrieb – vor über vier Jahrhunderten. Es geht um Briefe, denn diese Oper über Elizabeth Tudor und Maria, hier Mary Stuart, zitiert fast nur Dokumente. Eine Quellenschau über die berühmtesten „Rival Queens“ aller Zeiten? Könnte dröge werden. Und hat nicht schon Schiller ein Treffen der beiden, die sich im Leben nie begegneten, wortreich gefaked?

Egal, auch wenn der Machtkampf zwischen der Protestantin Elizabeth und der Katholikin Mary oft genug Thema war, von Shakespeare bis Jelinek: Brett Dean versucht es trotzdem noch einmal. Mit einer Oper aus O-Tönen. Hyperrealistisch. Am Sonntag (10. Mai 2026) kam das Werk über die blutsverwandten Königinnen – daher der Titel „Of One Blood“ – an der Bayerischen Staatsoper zur Uraufführung.

Regisseur Claus Guth verlegt das Ganze in eine sterile Halle, halb Museum, halb Labor (Bühne: Etienne Pluss). Geschichte wird hier betrachtet und erkundet. So lässt die Regie von Beginn an ein Forschungsteam in weißen Schutzanzügen auftreten, das mit den Figuren des Librettos von Heather Betts experimentiert. Im monumentalen Prolog – zu sehen sind die marmornen Sarkophage der Queens in Westminster Abbey – leuchtet der Trupp mit Sonden in die Särge. Dazu erklingen Worte, mit denen Mary vor ihrer Hinrichtung um Elizabeths Gnade bittet: „We be both of one country, in one island and of one blood“. Darum geht es. Denn die Cousinen standen sich, inmitten einer von Männern beherrschten Welt, teils näher als ihre verfeindeten Höfe.

Die Laborforscher stellen das historische Material nach, setzen es in Szene. Führen die Royals wie Versuchspersonen an ihren jeweiligen Platz, erwecken sie zum Leben, rollen den Thron rein und raus. Die Quellenerkundung wird zur Archäologie der Ängste und Machtansprüche. Links regiert Elizabeth, rechts Mary, jeweils flankiert von Vokal-Consorts.

Elektro und Vogelgeflatter

Johanni van Oostrum als Elizabeth glänzt mit weit ausholenden Kantilenen, Vera-Lotte Boecker als Mary mit zarten Farben und viel Furor. Und aus dem Kratzgeräusch entwickelt sich Musik mit Suspensefaktor. Komponist Brett Dean, früher Bratscher bei den Berliner Philharmonikern, kombiniert alles Mögliche: komplexe Neue Musik mit Geräuschen wie Kritzeln oder Vogelgeflatter, elektronische Klänge mit Fragmenten der Tudorzeit, rhythmische Wucht mit Musicalcharme. Sogar ein Cembalist (Mahan Esfahani) agiert auf der Bühne, denn auch die Queens pflegten einst das Tastenspiel.

Vladimir Jurowski, der Dean gerne den „Richard Strauss unserer Zeit“ nennt, verbindet das alles zu einem seismographisch dichten Klangprotokoll des Seelenlebens. Hier eruptiv aufschäumend, dort surreal verfremdet. Keine Hardcore-Avantgarde. Eher ein zugänglicher Sound, der brodelt, durch den Raum rauscht und zuweilen explodiert. Viel Jubel bei der Premiere.