Unwort des Jahres
: Wie „biodeutsch“ vom Spottbegriff zum Hassausdruck wurde

Wer heute das Wort verwendet, will damit häufig Menschen mit Migrationsgeschichte abwerten. Doch sein Erfinder ist ein in der Türkei geborener Schwabe.
Von
Marcus Golling
Ulm
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„Biodeutsch“ ist „Unwort des Jahres“ 2024

„Biodeutsch“ ist das „Unwort des Jahres“ 2024

Christian Lademann/dpa
  • Der Ausdruck "biodeutsch" ist das Unwort des Jahres 2024, laut Jury am 13. Januar 2025 in Marburg.
  • Der Begriff wird verwendet, um Menschen aufgrund vermeintlicher biologischer Abstammung zu diskriminieren.
  • Ursprünglich 1996 von Muhsin Omurca, einem gebürtigen Türken, als satirischer Begriff genutzt.
  • Platz zwei: "Heizungsverbot" wegen irreführender Bezeichnung im Zusammenhang mit Klimaschutzmaßnahmen.
  • 3172 Einsendungen; 655 verschiedene Ausdrücke, 80 erfüllten die Kriterien der Jury.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Ausdruck „biodeutsch“ ist das Unwort des Jahres 2024. Das gab die Jury der sprachkritischen „Unwort“-Aktion am 13. Januar 2025 in Marburg bekannt. Der Begriff sei im vergangenen Jahr verstärkt im öffentlichen und gesellschaftlichen Sprachgebrauch sowie vor allem in den sozialen Medien verwendet worden, „um Menschen vor dem Hintergrund vermeintlich biologischer Abstammungskriterien einzuteilen, zu bewerten und zu diskriminieren“, begründete die Jury ihre Entscheidung.

Das Kuriose daran: Erfunden hat den Begriff ein gebürtiger Türke. Muhsin Omurca verwendete ihn erstmals 1996 in seinem Kabarettprogramm „Kanakmän, tags Deutscher, nachts Türke“, kurz darauf auch in einer Karikatur in der „taz“. In dieser erklärt ein Mann seinem Nachbarn, dass es sich bei ihm um einen „getürkten Deutschen“, also um eine Fälschung handle, er selbst aber sei ein Original, ein „Bio-Deutscher“. Omurcas Kabarett-Pointe dazu: Während hier geborene nur „Zufallsdeutsche“ seien, sei er, der eingebürgerte Einwanderer, ein „staatlich geprüfter Deutscher“.

In der Folge verwendeten „biodeutsch“ auch andere, wie der Grünen-Politiker Cem Özdemir, satirisch-ironisch. Erst später wurde er von Rechtsradikalen und Rassisten gekapert, die ihn wörtlich meinen. „Dabei wird ‚Deutschsein‘ naturbezogen begründet, um eine Abgrenzung und Abwertung von Deutschen mit Migrationsbiographie vorzunehmen“, hieß es in der Begründung der aktuellen „Unwort“-Jury.

Die Geburtsurkunde des Biodeutschen: 1996 schuf Muhsin Omurca mit dieser Karikatur in der „taz“ den umstrittenen Begriff. 

Die Geburtsurkunde des Biodeutschen: 1996 schuf Muhsin Omurca mit dieser Karikatur in der „taz“ den umstrittenen Begriff.

Muhsin Omurca

Wie es Omurca, der auf der Schwäbischen Alb lebt, findet, dass er ein Unwort erfunden hat? „Komisch, weil es ein komisches Wort ist“, sagt er auf Nachfrage unserer Zeitung. Es sei wie mit einem Kunstwerk: Der Schöpfer habe keine Kontrolle mehr darüber, was mit diesem passiert. Aber als Satiriker habe er Spaß an der Karriere des Begriffs: „Wer sich selbst heute als ‚biodeutsch‘ bezeichnet, sollte sich darüber im Klaren sein, dass er damit eine Karikatur ist. Von mir, einem Türken!“, sagt er und lacht.

Auf Platz zwei setzte die Jury den Begriff „Heizungsverbot“. Bei dem im Zusammenhang mit dem Gebäudeenergiegesetz verwendeten Ausdruck handele es sich um eine irreführende Bezeichnung, die verwendet worden sei, um klimaschützende Maßnahmen zu diskreditieren.

Die Jury der institutionell unabhängigen und ehrenamtlichen Aktion besteht aus vier Sprachwissenschaftlern und -wissenschaftlerinnen, einer Journalistin sowie jährlich wechselnden Mitgliedern. In diesem Jahr beteiligten sich die Publizistin und Politologin Saba-Nur Cheema sowie Meron Mendel, Publizist, Historiker und Pädagoge sowie Direktor der Bildungsstätte Anne Frank. Sie kürten den Begriff „importierter Antisemitismus“ zu ihrem persönlichen Unwort. Der Ausdruck suggeriere, dass Judenhass vor allem mit dem Zuzug von Migrantinnen und Migranten zu einem Problem geworden sei, auch um „vom eigenen Antisemitismus abzulenken“, erklärte die Jury.

Mehr Vorschläge als im vergangenen Jahr

Das „Unwort des Jahres“ wird nach verschiedenen Kriterien aus Vorschlägen ausgewählt, die Bürgerinnen und Bürger jeweils bis 31. Dezember eines Jahres einsenden können. Insgesamt gab es dieses Mal 3172 Einsendungen, das waren erneut deutlich mehr als im vorangegangenen Jahr. Sie enthielten 655 verschiedene Ausdrücke, von denen rund 80 den Kriterien der Jury entsprachen.

Als „Unwort des Jahres“ kommen nach Angaben der Verantwortlichen Begriffe und Formulierungen infrage, die gegen die Prinzipien der Menschenwürde oder Demokratie verstoßen, die gesellschaftliche Gruppen diskriminieren oder die euphemistisch, verschleiernd oder irreführend sind. Für 2023 war „Remigration“ zum Unwort des Jahres bestimmt worden. (mit dpa)