Unheilig im Interview: „Meine Mama hat immer gesagt: Mach Musik, ich finde das toll“

Der Graf geht wieder auf Reisen – und diesmal nicht nur privat. Im Gepäck hat er ein neues Album von Unheilig.
Erik Weiss- Unheilig feiern Comeback: Album „Liebe Glaube Monster“ erscheint am 13. März 2026.
- „Wieder Zurück Tour“ startet im Mai; große Tour im Herbst/Winter mit vielen Terminen.
- Der Graf kehrte nach Gesundheitsalarm zurück; will kleineres Team, weniger Geschäft.
- Skepsis zu Streaming und KI; Song inspiriert von „Frankenstein“, Fokus auf Abschalten.
- Persönlich: Heimat ist seine Frau; Song über seine Mutter.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Der Zackenbart ist jetzt grau statt schwarz. Aber sonst ist Der Graf ganz der Alte. Mit seiner Band Unheilig hatte er eine Nische zwischen „Neuer Deutscher Härte“ und Schlager kreiert, Millionen abgesetzte Tonträger, ausverkaufte Touren, „Bambi“, „Echo“, „Goldene Kamera“ – und 2016 dann Schluss. Doch jetzt ist er zurück, am 13. März 2026 erscheint das Comeback-Album „Liebe Glaube Monster“, im Mai startet die „Wieder Zurück Tour“. Mit unserer Zeitung spricht der Frontmann über die Rückkehr, seine Familie und die Welt von heute. Seinen freundlichen rheinischen Akzent muss man sich dazu denken.
Ich bin fast erschrocken, als ich gelesen habe, dass es schon zehn Jahre her ist, dass Sie sich zurückgezogen haben. Warum war die Pause so lang?
Eigentlich sollte es keine Pause sein. Direkt nach dem Abschiedskonzert in Köln habe ich mir den Bart abrasiert. Ich habe meine Handynummer geändert und meine Instrumente verschenkt. Meine Frau und ich haben das Haus verkauft, uns eine kleine Wohnung gesucht, einen kleinen Camper geholt und sind nach Spanien gefahren. Ich habe mir die Zeit für die Familie genommen. Noch im Januar 2025 hätte ich gesagt: Ich komme nicht wieder.
Und dann?
Irgendwann kam mir ein Text in den Kopf. In der Corona-Zeit sind die ersten Demos entstanden, nur für mich. Aber dann saß ich bei einer Vorsorgeuntersuchung – und mein Blutdruck war exorbitant hoch. Mein Kardiologe hat mich sofort in die Notaufnahme geschickt, Verdacht auf stillen Infarkt. Als ich dort saß, hat mich meine Frau angerufen. In diesem Moment ist eine Welt für uns zusammengebrochen. Ich habe ihr gesagt: Wenn es kein Infarkt ist, dann gehe ich nach Hause und überdenke mein Leben.
„Da ging es nicht mehr um Kreativität“
Das Ergebnis war: Sie wollten wieder Musik machen.
Nachdem ich mit meiner Frau gesprochen hatte, habe ich meinen Manager kontaktiert und ihm gesagt: Ich würde gerne wieder etwas machen – aber nicht wie früher. Ich will mich nicht mehr um alles kümmern, der Apparat und die Verantwortung müssen kleiner sein. Bei Unheilig hatten wir am Schluss 70 Angestellte, da ging es nicht mehr um Kreativität, sondern ums Geschäft.
War immer klar, dass Sie als Unheilig zurückkommen werden?
Ich kann nichts anderes! Wenn ich Musik mache, ins Studio gehe, werden die Lieder automatisch so. Pop, Rock, Schlager, Balladen, Metal, alles zusammen auf einem Album. Das spiegelt wider, was ich bin. Ich gehe in jede Fernsehshow, da sitzen Menschen wie du und ich. Mit Unheilig waren wir bei Carmen Nebel und in Wacken. Ich würde das immer wieder machen!
War es einfach wiederzukommen? Konnten Sie einfach mit dem Finger schnippen und alle waren an Bord?
Es war tatsächlich so leicht. Wir haben zwei, drei Leute angerufen – und dann haben sich schon viele andere gemeldet. 90 Prozent unserer Musiker und unsere Live-Crew sind wieder dabei. Der Hammer ist aber vor allem, dass die Fans wieder kommen. Ehrlich gesagt habe ich gedacht: Wenn du eine 3000er-Halle voll bekommst, kannst du froh sein, die Leute sitzen ja nicht neun Jahre da und warten auf dich. Und jetzt hat es schon wieder die Dimensionen von damals. Das ist ein Geschenk.
Was hat der Welt ohne Unheilig gefehlt?
Für mich war auch ein Grund für meine Rückkehr, dass ich mein Glück nicht mehr davon abhängig machen wollte, wie die Nachrichten sind. Die Leute wollen abschalten, das ist etwas, was ich ihnen geben kann. Da steckt aber kein Plan dahinter. Ich habe aus rein egoistischen Gründen mit der Musik angefangen: Weil ich es gerne mache.
Im Jahr ihres Abschiedskonzerts war Barack Obama noch US-Präsident, Gaza noch kein Trümmerfeld, es gab weder Tiktok noch ChatGPT. Fühlt es sich so an, als würden sie in eine andere Welt zurückkehren?
Die Welt war schon 2014 unruhiger geworden, aber diese ganze Entwicklung mit Social Media und KI ist schon exorbitant. Man hat mir erst einmal erklären müssen, was Tiktok ist, dass man heute kaum mehr physische Tonträger verkauft, alle hören nur noch Spotify. Ich finde ich das ziemlich schlimm. Fast so, als würde man sagen: Du zahlst 9,99 Euro im Monat und kannst dafür mit jedem Auto auf der Welt fahren, inklusive Sprit und Versicherung. An so einem Album arbeiten viele Menschen monatelang, manchmal von morgens bis abends. Ich habe das große Glück, dass so viele Menschen zu meinen Konzerten kommen. Aber wie soll das einer schaffen, der gerade erst anfängt? Und beim Thema KI bin ich auch skeptisch.
Es gibt dazu auch einen Song.
Er ist von „Frankenstein“ inspiriert, aber ich habe bewusst kein Horrorszenario aufgeschrieben. Ein bisschen ist es doch wie damals mit den ersten Computern. Die waren für manche Hexenwerk. Ich persönlich glaube, dass KI in der Medizin große Fortschritte bringen wird. Für sehr gefährlich halte ich aber die unkontrollierte Kombination aus KI und Internet.
„Besonders in meiner Kindheit war es nicht einfach“
Warum hat es die Hoffnung nicht in den Albumtitel geschafft?
Für mich steckt in Liebe und Glauben schon Hoffnung. Auf dem Album geht es um die Liebe, die ich erfahren habe, und den Glauben an dich selbst, den du nicht verlieren darfst. Die „Monster“ widerspiegeln meine Bandbreite als Künstler: Da sind ja auch ballernde Songs wie „Böse Geister“ oder „Brot und Spiele“. Monster sind all diejenigen, die mir in meinem Leben begegnet sind, die mich klein machen wollten. Menschen, die nicht an mich geglaubt haben und die mich wegen des Stotterns diskriminiert haben. Besonders in meiner Kindheit und Schulzeit war es nicht einfach.
Hoffnung steckt auch in „Nur ein kleiner Schritt“.
Darin geht es um die kleinen Heldenreisen im Leben. Um den kleinen Schritt, dass jemand sagt: Ich glaube an dich. Wir haben das auch in unserem musikalischen Umfeld erlebt: Wir haben vor 15 Jahren Menschen mit auf die Reise genommen, die gerade am Anfang ihrer Ausbildung standen, die noch keine Erfahrung hatten. Diese Leute sind mit uns gewachsen.
Sie wagen sich auch an den politisch schwierigen Begriff „Heimat“. Was bedeutet er für Sie?
„Du bist meine Heimat“ zu sagen, war mir ein persönliches Bedürfnis. Ich kenne meine Frau seit dem Kindergarten, aber habe sie früher praktisch verleugnet, weil ich nie über mein Privatleben gesprochen habe. Das wollte nicht mehr: Ich bin stolz darauf, eine Frau zu haben, die mich jahrelang so unterstützt hat. Wo sie ist, bin ich zuhause. Für mich ist meine Heimat ein Mensch, für andere kann es ein Land oder ein Ort sein. Für mich ist das kein schlimmes Wort.
„Wir haben gemeinsam eine Runde geheult“
Ein anderer Song, „Mein Löwe“, handelt von ihrer Mutter, mit der Sie in den vergangenen Jahren viel Zeit verbracht haben. Wie schwer ist es Ihnen gefallen, zu sagen: Mama, ich gehe wieder auf Tour?
Als das Lied fertig war, habe ich es ihr vorgespielt, wir haben gemeinsam eine Runde geheult und ich habe sie gefragt, ob ich das veröffentlichen darf. Sie hat geantwortet: Das ist wunderschön, natürlich darfst du das. Meine Mama hat immer gesagt: Mach Musik, ich finde das toll. Und in den letzten Monaten waren wir in einigen Schlagershows im Fernsehen, das hat einen einen Boost bei meinen Eltern gegeben: Die sind bis nachts um 11 Uhr oder 12 Uhr aufgeblieben und haben sich das voller Stolz angeguckt, weil da der Sohnemann steht. Insofern ist mir die Entscheidung leichtgefallen. Es ist aber schwer zu merken, dass bald der Moment kommt, an dem ich mich von meiner Mutter für immer verabschieden muss. (Das Interview wurde vor einigen Wochen geführt, in der Woche vor dem Album-Release bestätigte Der Graf, dass seine Mutter und sein Vater kürzlich gestorben sind, d. Red.)
Sind Unheilig jetzt eigentlich endgültig zurück oder wird das nur eine Pause von der Pause?
Ich bin gekommen, um zu bleiben! Aber ich mache jetzt vieles anders. Meine Frau ist jetzt immer dabei und ich sage auch mal: An diesem Tag keine Termine. Diesen Luxus erlaube ich mir. Ich habe sogar „Urlaub“ in meinem Planer stehen!
Unheilig auf Tour
Im Sommer spielen Unheilig einige Konzerte, fast alle sind ausverkauft. Die große „Liebe Glaube Monster“-Tour folgt im Herbst/Winter, unter anderem mit Stationen in München (16. Januar 2027), Kempten (22. Januar), Stuttgart (13. Februar), Mannheim (18. Februar) und Freiburg (20. Februar).


