Ulmer Stadtgeschichte
: Die Ärztin Agatha Streicher behandelte auch einen Kaiser

Die Ulmer Medizinerin Agathe Streicher war eine der ersten offiziell anerkannten Ärztinnen überhaupt. Vor 450 Jahren hatte sie einen prominenten Patienten.
Von
Achim Schmid, epd
Ulm
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Ulm Neue Mitte Stehle Agathe Streicher: Ulm Neue Mitte Stehle Agathe Streicher

In der Neuen Mitte in Ulm erinnert eine Stele an Agathe Streicher, an eine herausragende Frau der Ulmer Stadtgeschichte.

Lars Schwerdtfeger
  • Agathe Streicher war eine der ersten offiziell anerkannten Ärztinnen und wirkte in Ulm.
  • 1576 behandelte sie Kaiser Maximilian II. in Regensburg – trotz Widerstands seines Leibarzts.
  • Ihre Diagnose stützte sie auf Urinbefunde; in Ulm wurde sie als Ärztin mit Eid zugelassen.
  • Maximilian starb am 12. Oktober 1576 und distanzierte sich auf dem Sterbebett von Sakramenten.
  • Streicher war Anhängerin Schwenckfelds, blieb unbehelligt und wird in Ulm heute geehrt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Eine weite Dienstreise musste die Ulmer Medizinpionierin Agathe Streicher im September vor 450 Jahren antreten. Wie ein Ulmer Stadtprotokoll am 7. September 1576 vermerkt, forderte Kaiser Maximilian II. die Ulmer Bürgerin, die als eine der ersten Frauen überhaupt als Ärztin zugelassen worden war, für seine medizinische Betreuung an. Bereits krank war der Kaiser zum Regensburger Reichstag gekommen, sein Leiden, wahrscheinlich die Gicht, verschlechterte sich rapide.

Der Kaiser war durch Empfehlungen aus seiner nächsten Umgebung auf ein „Mädchen aus Ulm“ mit großen medizinischen Kenntnissen aufmerksam gemacht worden. Agathe Streicher folgte dem Ruf Maximilians nach Regensburg – einigermaßen komfortabel in einem Schiff auf der Donau, auf dem gegen die erste Herbstkälte sogar ein Öfchen installiert war.

Am Krankenlager des Kaisers wurde die Ärztin jedoch nicht nur mit offenen Armen empfangen, sondern stieß vor allem beim Leibarzt Maximilians, Johannes Crato von Kraftheim, auf heftige Ablehnung. Vor allem die strenge, dem Kaiser verordnete, Diät hielt Crato, der aus dem Krankenzimmer verbannt war, für einen medizinischen Irrweg des „unverschämten, schrecklichen Weibes“.

Aus einer begüterten Ulmer Familie

Ihre medizinischen Kenntnisse hatte Agathe Streicher, die 1520 in eine begüterte, einflussreiche Ulmer Familie hineingeboren worden war, bei ihrem Bruder, dem Arzt Augustin Streicher, erworben. Sie war offensichtlich eine gute Diagnostikerin, die vor allem aus der Beschaffenheit des Urins wie Farbe und Geruch Rückschlüsse auf Krankheiten ziehen konnte, hieß es bei einer Stadtführung zu Agathe Streicher der Ulm/Neu-Ulm Touristik.

Ihre Erfolge eröffneten Streicher jedenfalls die Möglichkeit, in Ulm als offizielle Ärztin anerkannt zu werden. Mit der vorgeschriebenen Eidesformel gelobte sie, den Kranken nach „ihrem besten Verständnis“ zu helfen, wie die Historikerin und Schriftstellerin Lore Sporhan-Krempel den Eid in dem Sammelband „Schwäbische Frauenbilder“ zitiert.

Aber alle medizinischen Fähigkeiten der Ärztin konnten den Kaiser nicht retten. Am 12. Oktober 1576 starb der Monarch. Auf dem Sterbebett verweigerte Maximilian die katholischen Sakramente, weil er auf deutliche Distanz zu seiner Kirche gegangen war. Innerlich stand er wohl sogar dem Protestantismus nahe. Seine hochadelige Verwandtschaft musste einigen Druck ausüben, damit der Kaiser in der angestammten katholischen Kirche blieb. Maximilians Anliegen war es, zwischen den Konfessionen zu vermitteln. „Ich bin weder ein Papist noch ein Evangelischer, sondern ein Christ“, war seine Überzeugung.

Religöse Außenseiterin

Wie ihr prominenter Patient war auch Agathe Streicher eine religiöse Außenseiterin. Denn sie trat in dem seit 1530 dem evangelischen Glauben zugeneigten Ulm ganz offen als Anhängerin des schlesischen Adeligen Kaspar Schwenckfeld (1489-1561) auf. Im Gegensatz zu der Glaubensvermittlung durch eine verfasste Kirche mit Regeln und Sakramenten, setzte Schwenckfeld in einer mystischen, spirituellen Ausrichtung auf eine individuelle, innerliche Frömmigkeit des Menschen. In Ulm sammelte er eine kleine Anhängerschaft, deren Zentrum das Haus von Agathe Streicher war.

Nach anfänglicher Toleranz durch den Rat geriet Schwenckfeld immer stärker in Konflikt mit der entstehenden lutherischen Kirche und musste 1539 Ulm verlassen. Schwer krank fand er 1561 eine geheime Zuflucht im Streicher-Haus, in dem er nach kurzer Krankheit auch starb und wohl sogar – ebenfalls heimlich –im Keller bestattet wurde.

Bis zu ihrem Tode im April 1581 blieb Agathe Streicher trotz ihrer offenen Hinwendung zu Schwenckfeld unbehelligt. Der Grund für diese Nachsicht war offensichtlich, dass die Ärztin, die auch eine geschickte Geschäftsfrau war, der Stadt Kredite gab und immer wieder prominente Patienten, wie etwa die Bischöfe von Mainz und Speyer, nach Ulm zog.

Auch eine Straßenbahn trägt ihren Namen

Bestattet wurde die „verstorbene Junkfrwa Agathe Streicherin ohne das ober Lid ode breitt“, also ohne Totenschild und entsprechendes Ritual. Die Historikerin Sporhan-Krempel vermutet, dass der Rat der Stadt der erfolgreichen und eigenwilligen Ärztin wegen ihrer religiösen Ausrichtung noch posthum eine mitgeben wollte. Inzwischen hat die Stadt Ulm Agathe Streicher wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Eine Straße erinnert an die frühe Ärztin, eine Straßenbahn trägt ihren Namen und am Ort ihres inzwischen zerstörten Hauses steht mitten in Ulm eine Gedenksäule.