Adele in München
: Der Superstar kämpft beim ersten Song mit den Tränen

Irre Kulisse, aber mittendrin eine normale Frau: Adele ist beim ersten Konzert auf der Münchner Messe in Topform – aber auch etwas überfordert.
Von
Marcus Golling
München
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Adele performt in München

Adele performt in München beim ersten von zehn Konzerten.

Kevin Mazur/Getty Images for AD

Das große „Hello“ ist Adele schon leichter gefallen als in München. Wenn man 74.000 gleichzeitig begrüßen darf, muss auch ein Superstar tief durchschnaufen, nichts ist normal an so einem Abend. Blendend sieht die Sängerin aus in ihrem blauen Kleid mit der langen Schleppe, aber der Weg über den langen (und von einem kräftigen Regenguss direkt vor Konzertbeginn nassen) Steg ist weit – und die Kamera lässt die Fans alles im Breitwandformat sehen. Wie Adele ungläubig die Backen bläht angesichts der surrealen Kulisse. Wie sie schon beim ersten Song den Tränen kämpft. Eine Extrem-Erfahrung. Man sieht es ihr an. Aber hören kann man es nicht, beim ersten von zehn Konzerten in der eigens errichteten Arena in der Messestadt Riem ist sie stimmlich in Bestform.

Es sind die einzigen Auftritte des britischen Superstars dieses Jahr auf dem europäischen Kontinent – und die ersten seit acht Jahren. Die Aufregung war schon seit Monaten groß. Die Leutgeb Entertainment Group, die schon 2022 Helene Fischer, Andreas Gabalier und Robbie Williams auf das Gelände gebracht hatte, hatte zusammen mit Live Nation eine der größten Live-Veranstaltungen der deutschen Pop-Geschichte angekündigt. Die Arena fasst 74.000 Besucherinnen und Besucher, ebenso viele wie das Olympiastadion. Nur für diesen Konzertsommer wurde ein 40.000 Quadratmeter großes Areal asphaltiert, die 220 Meter breite LED-Wand ist ein Fall fürs Guinnessbuch.

Es ist eine Kunst, eine solche Bühne zu bespielen, es ist aber auch eine, dabei normal zu bleiben. Adeles Methode: einfach darüber sprechen. Sie hätte nicht gedacht, dass sie „so fucking scared“ sein würde, gibt sie zu, als sie nach „Rumour Has It“ das Publikum erstmals anspricht. Der Ort sei „fucking crazy“, die Stadt „fucking beautiful“, schickt sie später hinterher. Nur irgendein ein Girl aus London ist Adele zwar nicht mehr, auch wenn sie das behauptet. Aber den rauen Ton hat sie sich bewahrt. Die pragmatische Art auch: Die schwere Schleppe lässt sie sich nach Minuten von ihren Background-Sängerinnen abnehmen. Und wenn sie mal beide Hände braucht, steckt sie sich das Mikrofon ins Dekolleté.

Die Arena steht wuchtig wie ein Möbelhaus an der A94

Die Rekordjagd der Veranstaltungsreihe passt gar nicht zu Adele: Gerade einmal vier Alben hat sie seit ihrem Debüt „19“ (2008) veröffentlicht. Live war sie zuletzt nur im Colosseum Theater in Las Vegas zu erleben, vor jeweils rund 4000 Menschen. In einen einzelnen Block der Münchner Adele-Arena, die wuchtig wie ein Möbelhaus an der A94 im Osten der Stadt steht, passen mehr. Ein paar wenige Plätze sind wohl frei geblieben an diesem auch für viele Fans überwältigenden Premierenabend. Schon wegen der Umgebung: Kaum einer, der nicht die Panorama-Funktion seiner Foto-App für ein Erinnerungsbild nutzt.

Es ist ein Konzert wie geschaffen für Instagram, das Bild auf dem riesigen LED-Screen, der geformt ist wie eine gewaltige Schriftrolle, ist gestochen scharf, zu den Live-Bildern gibt es neu produziertes Videomaterial. Man fühlt sich wie in einem überdimensionierten Imax-Kino. Und dann sind da noch die kalkulierten Kinomomente, wenn etwa aus dem ovalen Steg ein ganzes Streichorchester hochgefahren wird.

Man bekommt etwas geboten für sein Geld, nichts ist wirklich neu, aber alles ist Breitwand. Ein rund zweistündiges Programm, das von „Hello“ über viele groovende Soulnummern und aufwühlende Pianoballaden bis zum großen Finale mit „Rolling In The Deep" reicht, aber auch visuelle Knalleffekte. Wenn zu „Skyfall“ die Plattform mit Adele nach oben fährt, wenn bei „Set Fire To The Rain“ Flammensäulen in den Himmel schießen, wenn die Konfettikanonen bei „When We Were Young“ Fotos aus ihrer Kindheit und Jugend im Publikum verteilen. Adele ist erst 36, aber sie blickt statt nach vorne lieber in den Rückspiegel.

Adele mittendrin: Viele Songs präsentierte die Britin auf einer Bühne im Zentrum der Arena.

Adele mittendrin: Viele Songs präsentierte die Britin auf einer Bühne im Zentrum der Arena.

Kevin Mazur/Getty Images for AD

Teils mehrere hundert Euro hatten Fans für die Tickets bezahlt, nach dem in den USA schon beliebten „Dynamic Pricing“ stieg der Preis mit der Nachfrage. Bis kurz vor dem ersten Termin waren aber noch Karten für alle zehn Abende erhältlich, sogar sogenannte „Lucky Dip Tickets“ für 35 Euro, ohne die Möglichkeit der Platzwahl – manche kamen so sogar an attraktive Stehplätze direkt vor der Bühne. Entsprechend angesäuert reagierten einige Vollzahler im Internet.

Aber Adele hat eine entwaffnende Art – weil sie das Pathos ihrer Songs und die kommerzielle Megalomanie der Veranstaltung mit ihrem Showtalent wieder einfängt. Sie holt einen Siebenjährigen aus Stuttgart mit seiner großen Schwester auf die Bühne, um ihn mit einer Merch-Tasche zu beschenken. Sie zieht einen Zettel aus dem Nylonstrumpf und nennt einen Platz im Block D27, unter dem ein Kuvert mit 50 Euro versteckt ist.

Das hat etwas von einer Halbzeit-Show in den USA – und auch kleinere Längen, gefühlt eine Viertelstunde lang ballert sie T-Shirts ins Publikum, bei den hinteren Tribünen kommt keines an, zu weit weg. Aber wenn sie dann plappert, auch später sympathisch überfordert von der Kulisse, steht da kein abgehobener Superstar. Die Wetterkapriolen in München erinnerten sie an die Bahamas, witzelt sie, sie erzählt von ihrer früheren Begeisterung für Bier und trinkt zwischendurch aus einem „Adele Munich“-Humpen. Wasser wahrscheinlich. Oder Salbeitee? Ihre Stimme verlässt sie zumindest nie, sie geht immer „all in“, emotional sowieso.

Schon erstaunlich: Adele macht die Arena zu einem Erlebnisort für die Fans, die aufgedreht mitsingen und mitfilmen, zu einer der Welt entrückten Zone, in der es nur um den Star und große Gefühle geht. Aber die Sängerin erschafft in dem Wahnsinn mit der Zeit auch einen Wohlfühlort für sich selbst. Die Tränen kullern trotzdem wieder, diesmal aus Dankbarkeit, bevor sie „Someone Like You“ singt, einen der Hits vom Album „21“. Dieser Song habe ihr Leben zum Besseren verändert, sagt Adele. Damals brauchte es dafür keine 220 Meter LED-Wand. Aber das ist jetzt nur noch eine Erinnerung einer übergroßen Künstlerin in einer noch größeren Arena.

München trifft London in der „Adele World“

Ein richtiges Volksfest wartet neben der eigentlichen Konzertarena auf die Fans. Neben Getränke- und Essensständen gibt es unter anderem auch einen bayerischen Biergarten, ein Karussell, ein Riesenrad und eine Varieté-Bühne, auf der unter anderem die englischen Tribute-Gruppe „The Spice Girls Experience“ und der Ulmer Magier Florian Zimmer im Wechsel auftreten. Ein Bereich ist den Organisatoren zufolge dem Lieblingspub der in London geborenen Sängerin nachempfunden, Adeles Lieblingsgetränk wird an einem Stand namens „I Drink Wine“ ausgeschenkt – benannt nach einem Song auf ihrem jüngsten Album „30“.