Soundtrack der WM
: Fußball ist unser Leben – aber nicht jeder WM-Song

Offizielle FIFA-Hymnen kommen und gehen – echte Fußballlieder bleiben. Eine kleine Geschichte großer Songs, peinlicher Auftritte und unvergessener Refrains.
Von
Paloma Schneider
Berlin
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Shakira und Burna Boy, Andreas Bourani, Helene Fischer, Herbert Grönemeyer

Welche Songs bringen uns zur WM in Stimmung und welche Hits bleiben legendär?

-/Nico G/dpa, Volkmar Könneke, Lichtgut - Oliver Willikonsky, Annette Riedl/dpa (von links oben nach rechts nach unten)
  • WM-Songs wechseln oft, echte Fußballlieder bleiben im Gedächtnis – FIFA setzt auf Stars.
  • Frühe Hymnen reichten von „El Rock del Mundial“ bis zu „Un’estate italiana“.
  • Seit 1998 dominieren globale Pop-Produktionen, oft ohne Bezug zum Gastgeberland.
  • In Deutschland prägten Grönemeyer und Sportfreunde Stiller die Fanmeilen, später Bourani.
  • Aktuell kehren bekannte Muster zurück, während Fanlieder weiter die Stimmung prägen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Deutschland versteht sich als Fußballnation. Oder wie Jack White es sang: „Fußball ist unser Leben“. Die Aussichten für die deutsche Männer-Nationalmannschaft mögen derzeit nicht rosig sein, aber das wird bis zum Anpfiff verdrängt. Und wo Fußball ist, da ist auch die passende Hymne nicht weit. Seit Jahrzehnten gehen Weltmeisterschaften und Musik Hand in Hand. Die FIFA hat daraus ein eigenes Geschäftsmodell gemacht: ein bisschen Sport, ein bisschen Popkultur, ganz viel Marketing.

Schon 1962, vor der FIFA, sangen die Los Ramblers mit „El Rock del Mundial“ für die WM in Chile. Ein Song, der genau das machte, was eine Fußballhymne machen sollte: Sie bezog sich auf das Gastgeberland, Gemeinschaft und Fußball. 1974 wurde es bei der Heim-WM kurios: „Futbol“ von Maryla Rodowicz war ein multilingualer, leicht hippiesker 70er-Jahre-Song, der ungefähr so deutsch wirkte wie Tinto de Verano am Ballermann. 1982 folgte mit „Mundial ’82“ von Plácido Domingo eine der stärksten frühen Hymnen überhaupt: dramatisch, pathetisch, mit Flamenco-Flair.

Dann kam die FIFA

1990 sangen Edoardo Bennato und Gianna Nannini „Un’estate italiana (To Be Number One)“ den ersten offiziellen WM-Song. Stadiontauglich, dick aufgetragen. Seitdem stellt sich die Frage: Warum wirken viele WM-Songs so, als hätten sie mit dem Gastgeberland herzlich wenig zu tun?

1998 sang der Latin-Popstar Ricky Martin „The Cup of Life“ für Frankreich. 2002 hätte die Weltmeisterschaft in Japan und Südkorea die große Bühne für asiatischen Pop sein können. Stattdessen sang Anastacia „Boom“. Ein Song, der klingt und wirkt, als hätte er zufällig erfahren, dass irgendwo Fußball gespielt wird. Zur WM 2006 in Deutschland gab es „The Time of Our Lives“ von Il Divo und Toni Braxton. Eher der Soundtrack für eine dramatische Liebesszene bei Sonnenuntergang. Man wartet förmlich darauf, dass Whitney Houston oder Céline Dion übernehmen.

Bei der FIFA geht es nicht um kulturelle Repräsentation. Es geht um Reichweite, Namen, globale Vermarktung. Große Stars verkaufen sich besser als lokale Künstlerinnen und Künstler.

Und dann war da Herbert Grönemeyer

„Zeit, dass sich was dreht“ ist bis heute die eigentliche musikalische Erinnerung an das Sommermärchen 2006. Zur EM 2024 legte er den Song mit Soho Bani neu auf und begeisterte besonders die GenZ, die 2006 noch zu jung war. Durch die Kurven und WM-Biergärten schallten aber 2006 (und 2010 noch einmal) vor allem die Sportfreunde Stiller: „’54, ’74, ’90, 2006“, das damals schon eher nach Beckenbauer („Geht’s raus und spielt’s Fußball“) als nach Klinsmann („Wir müssen keine Angst mehr haben, vor keiner Mannschaft der Welt“) klang.

2010 folgte auch der Endgegner aller offiziellen WM-Songs, im Guten wie im Schlechten: Shakiras „Waka Waka“. Warum singt eine kolumbianische Künstlerin die Hymne für eine Weltmeisterschaft in Südafrika, statt afrikanische Künstlerinnen oder Künstlern? Aber immerhin: Man erinnert sich auch 16 Jahre später noch an den Song.

2014 setzte die FIFA auf viele bekannte Namen: Pitbull und Jennifer Lopez. „We Are One“ klingt exakt nach den 2010er Jahren. Claudia Leitte durfte als brasilianische Repräsentantin kurz vorbeischauen, während Pitbull selbstverständlich die Hauptrolle übernahm. In Deutschland sang man längst „Auf uns“ von Andreas Bourani. Der eigentliche Soundtrack zum WM-Sieg kam aus den Fanmeilen und dem Rundfunk.

Danach wurde vieles noch austauschbarer. „Live It Up“ von Nicky Jam feat. Will Smith & Era Istrefi bei der WM 2018 klang wie viele andere Turnierlieder zuvor: etwas Reggaeton, etwas Sommer, viel gute Laune. Funktional, aber kaum erinnerungswürdig.

Shakira ist zurück

Angekommen in der Gegenwart, benutzt Shakira mit „Dai Dai“ (gemeinsam mit Burna Boy) einfach noch einmal das Erfolgsprinzip von „Waka Waka“. Die Botschaft lässt sich ungefähr mit „Glaub an dich“ zusammenfassen. Ein Kolumbianerin singt einen italienischen Schlachtruf, dabei sind die Azzurri gar nicht dabei.

Hat die FIFA den Song etwa zu früh bestellt? Erneut gibt es keinen musikalischen Querschnitt zwischen Kanada, Mexiko und USA. Wenn jemals die Gelegenheit bestanden hätte, verschiedene kulturelle Identitäten zusammenzubringen, dann doch hier! Andererseits: Justin Bieber trifft auf Alicia Keys und eine Mariachi-Band? Oder Bryan Adams mit Travis Scott und Selena Gomez?

Deutschland liefert derweil seine eigenen Begleitlieder. Magenta TV setzt auf Helene Fischers „Heute Nacht“. Für Schlagerfans erfüllt es wahrscheinlich seinen Zweck. Die Trompeten im Hintergrund sorgen für den nötigen Stadioncharakter. Das ZDF schickt Wincent Weiss mit „Kurz für immer“ ins Rennen. Der Song weckt eher Erinnerungen an Liebeskummer als an Elfmeter in der Nachspielzeit.

Oliver Pocher und der Ballermann

Natürlich darf der Ballermann-Sound nicht fehlen: Pocher veröffentlicht gemeinsam mit Bierkönig-DJ Aaron eine Neuauflage von „Schwarz und Weiß“. Man kann über vieles diskutieren, aber schon das Original ist schlecht gealtert. Nicht nur wegen des Blackfacings im Video. Julian Sommer, André Schnura und diverse Mallorca-Stars liefern den Soundtrack für jene Menschen, die Fußball vor allem als Anlass verstehen, im Megapark literweise Sangria und Bier zu verinnerlichen.

Die besten Hymnen entstehen selten dort, wo die FIFA sie bestellt, sondern dort, wo die Menschen sind. Ob nun in diesem Jahr in Mexico, Kanada und den USA – aber insbesondere in den Fanmeilen, in den Bars oder beim Grillen mit den Freunden. Denn egal, wie die Prognosen aussehen: Zum Public Viewing werden die Deutschen sich trotzdem wieder versammeln, mit Bier in der Hand, Hoffnung im Herzen und der Leidenschaft im Bein – schließlich ist Fußball unser Leben.

Ein Hit auf Youtube

89 Millionen Abrufe auf Youtube hat „Auf uns“ von Andreas Bourani – damit ist der Song die wahrscheinlich populärste Pseudo-Fußball-Hymne der Bundesrepublik.