Social-Media-Trend „Nonnamaxxing“: Mit „Dolce Vita“ gegen die Hektik

Immer mehr Angehörige der Gen Z schwärmen auf Tiktok oder Instagram vom Lifestyle italienischer Großmütter.
LorenzoxDixColax / Imago- Trend „Nonnamaxxing“ zeigt Sehnsucht nach „Dolce Vita“ als Gegenentwurf zur Hektik.
- Auf Social Media idealisieren junge Leute Nonnas: Kochen, Spazieren, Garten, gemeinsames Essen.
- Medienwissenschaftlerin betont: Frühere Nonna-Rollen waren hart – viel Fürsorge- und Feldarbeit.
- Kritik möglich: Unsichtbarkeit von Frauenarbeit und Pflege wird ausgeblendet.
- Abgrenzung zu „Tradwives“: konservatives Rollenbild gilt als gefährlich, „Nonnamaxxing“ als kurzlebig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wer Stress verspürt, sehnt sich häufig nach Ruhe, Entschleunigung und der Möglichkeit, abzuschalten. Doch wie soll das gehen: einfach mal nicht produktiv sein und das Weltgeschehen an sich vorbeiziehen lassen, wenn man permanent online und erreichbar ist?
Dem Social-Media-Trend „Nonnamaxxing“ zufolge ist die Antwort ganz einfach: ein bisschen mehr Italien wagen. Bei dem Begriff handelt es sich um einen typischen Ausdruck der zeitgenössischen Internetkultur, zusammengesetzt aus dem italienischen Wort für Großmutter (Nonna) und der Endung „-maxxing“. Sinngemäß wird damit die Optimierung einer Eigenschaft oder eines Lebensbereiches bis zum Äußersten bezeichnet.
Seit einigen Monaten nun schwärmen immer mehr Angehörige der Gen Z auf Tiktok oder Instagram über den Lifestyle italienischer Großmütter. In professionell produzierten Kurzvideos lassen sich Nonnas bei alltäglichen Tätigkeiten beobachten. Wie sie mit Engelsgeduld von Hand Pasta produzieren, lange Spaziergänge machen, hingebungsvoll Essenstafeln herrichten oder sich genügsam der Gartenarbeit widmen.
Sehnsucht nach einer entspannten Lebensart
Wahlweise inszenieren sich auch junge Frauen als imaginierte Großmütter, die vor malerischer Kulisse stricken, häkeln oder sich anderen Beschäftigungen hingeben, die für ein achtsames Leben stehen sollen. Eine kanadische Firma für Hautpflegeprodukte, die bereits zu Beginn des Jahres mit dem Begriff „Nonnamaxxing“ auf Instagram warb, fasst die Kernelemente wie folgt zusammen: stets nur mit frischen Zutaten kochen, überall zu Fuß hingehen, fremde Menschen anlächeln – und kein Social Media nutzen.
Friederike Herrmann ist Medienwissenschaftlerin und Professorin für Journalistik und Kommunikationswissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) bezeichnet sie den Social-Media-Trend als Ausdruck einer Sehnsucht nach dem, was landläufig „Dolce Vita“ genannt wird: die Vorstellung einer entspannten italienischen Lebensart, in der das Miteinander wichtig ist, gemeinsames Kochen, Essen und genussvolles Leben zelebriert werden.
Eine Vorstellung also, die sich nur zu gut als Alternative zu einem Leben in der modernen Gesellschaft eignet, das häufig geprägt ist von Verausgabung, Erschöpfung und dem ständigen Drang nach Selbstoptimierung.
Dabei ist das Leben italienischer Großmütter im vergangenen Jahrhundert keineswegs so beschwerdefrei gewesen, wie es online dargestellt wird. Schließlich war die Verteilung der Geschlechterrollen auch in Italien strikt und schränkte die Frauen in ihrer Freiheit ein. Ihnen oblagen Fürsorgearbeit, Gartenanbau und Haushalt; auf dem Land auch ein großer Anteil der landwirtschaftlichen Arbeit – alles ohne größere technische Unterstützung und damit viel aufwändiger als man es sich heute vorstellen mag.
„Die Nonnas auf dem Land haben oft Schwerstarbeit geleistet, um die Familien mitzuversorgen. Die Gärten mussten gegen widrige Umstände gepflegt werden und auch das Pastakochen war beileibe kein Freizeitvergnügen“, sagt Herrmann. Es sei nicht ungewöhnlich, dass romantisierte Vorstellungen mitunter stark von historischen Bedingungen abweichen, und der Nonnamaxxing-Trend thematisiere ja durchaus einen Gegenentwurf zur Hektik der Gegenwart.
„Aber man kann schon sagen, es nervt, dass nach Jahrzehnten der Debatten und feministischen Analysen so wenig reflektiert wird, dass ein Nonna-Dasein vielleicht nicht nur die reine Idylle gewesen ist.“ Wollte man den Trend nicht nur als Ausdruck einer Sehnsucht betrachten, sagt die Professorin, könnte man die „Ausblendung der schwierigen Rolle von Frauen, die Unsichtbarkeit ihrer Arbeit und die Abwertung von Pflegearbeit kritisieren.“
Naive, kurzweilige Erscheinung
Eindeutig abgrenzen lasse sich „Nonnamaxxing“ aber von einem anderen Internet-Phänomen, das aus den USA stammt und sich in den frühen 2020er Jahren auch hierzulande größerer Beliebtheit erfreute: Influencerinnen, die sich als „Tradwives“ bezeichnen und auf Social Media ihr Dasein als traditionelle Ehefrauen zelebrieren. Ein Lifestyle, angelehnt an die 1950er Jahre, basierend auf einem streng konservativen Welt- und Erscheinungsbild, das eindeutige Rollenverteilungen zwischen den Geschlechtern fordert.
Und der, wie die Professorin betont, Einschränkungen der Wahl von Lebenswegen, rechtliche Entmündigungen, (finanzielle) Abhängigkeit und Altersarmut von Ehefrauen konsequent ausblendet. Dieses Phänomen hält Herrmann für „gefährlich, da all diese traditionellen Vorstellungen schöngeredet und auch von rechtspopulistischer Seite instrumentalisiert werden.“
„Nonnamaxxing“ sei hingegen eine kurzweilige Erscheinung, die derzeit durch die digitale Welt geistert, aber auch wieder verschwinden werde. Der Wunsch, dem eigenen stressigen Alltag durch Nachahmen des Lebens einer italienischen Großmutter zu entkommen, sei vielleicht ein bisschen naiv, sagt Herrmann. Es sei aber nichts, „über das man sich groß echauffieren müsse.“
Der „Tradwives“-Trend aus den USA
Eine Tradwife (Kurzform für traditional wife, zu Deutsch „traditionelle Ehefrau“) ist eine Frau, die sich bewusst für ein Leben in einer sehr konservativen Rollenteilung entscheidet. Sie verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere und konzentriert sich stattdessen ganz auf den Haushalt, das Kochen, Backen und die Erziehung der Kinder, während der Mann als alleiniger Ernährer fungiert.
Auf Plattformen wie TikTok oder Instagram präsentieren sich Influencerinnen als Tradwives oft im Stil der 1950er-Jahre (mit Petticoat, gepflegtem Äußeren und Lächeln) bei häuslichen Tätigkeiten. Somit besteht ein grotesker Widersprich zur Realität: Denn die auf Social Media gezeigten Hausfrauen sind durch ihre eigene Tätigkeit als Influencerinnen wirtschaftlich meist selbst aktiv und erzeugen ein geschöntes, oft unerreichbares Idealbild.
