Erotik Experiment: Wie klingt Sex als Musik? Ein Tüftler verwandelt Lust in Klang – mit Hörbeispiel
Samtene Klangflächen, sanfte Schwingungen, ein sich steigerndes Pulsieren: So schön klingt Sex. Zumindest wenn Michael Frauenfeld ihn in Musik verwandelt. Seit ein paar Jahren beschäftigt er sich damit – im Selbstversuch.
Michael Frauenfeld sitzt im ICE und spielt Soundfiles auf seinem Laptop vor. Der extravagant gekleidete Mann um die 60 ist in Stuttgart eingestiegen. Er erläutert im Zug seine technisch-künstlerisch-sinnliche Leidenschaft, zeigt Skizzen. Und erzählt seine Geschichte.
Michael Frauenfeld ist nicht sein echter Name. Aber er weiß, dass viele Menschen für seine Kunst nicht bereit sind. Gerade in seiner Heimatstadt – einer mittelgroßen Stadt in Deutschland – will er damit unerkannt bleiben. Nur seine engsten Freunde wissen von seinem Projekt. Aber in der Anonymität des ICE lässt sich gut darüber reden.
Anspannung und Entspannung
„Es geht nicht um den Orgasmus„, sagt er, der sei für sein Projekt geradezu langweilig, „Bei einer 40-minütigen Sinfonie kommt‘s auch nicht nur auf den Schlussakkord an.“ Es geht ihm um „das Rauf und Runter“ der körperlichen Empfindungen, aber auch der Emotionen.
Kreativität und Technik haben Frauenfeld immer gleichermaßen fasziniert. Beruflich hat er mit Informatik zu tun, er beschäftigt sich aber ebenso leidenschaftlich mit Physik – und mit Mode. Er liebt es, sich zu verkleiden, und erinnert sich, wie er sich zu einer „Rocky Horror Show“ geradezu „extrem“ in Schale geworfen habe: als Frank N. Furter.
Er mag Rollenspiele, erzählt von Fetischmodepartys und dass er es bewundert, wie David Bowie die Androgynität in die Pop-Kultur brachte. Auch die Smart-Fashion-Szene, die Kleidungsstücke mit digitalen Funktionen entwickelt, hat es ihm angetan. Er liebt Mode als Ausdruck der Persönlichkeit, denkt über Synästhesie nach, also die Verflechtung verschiedener Sinneswahrnehmungen. Doch wie kam er auf den Klang der Sexualität?
Mit Klang Geschichten erzählen
Früher hat er Klarinette gespielt, und schon lange begeistert ihn elektronische, auch experimentelle Musik. Frauenfeld liebt das Tüfteln an Sounds: „Ich erzähle gern mit Klang Geschichten.“ Und weil er „ein gewisses Körpergefühl“ hat, stieß er, nach Anregungen suchend, auf Sonifikation. „Ich wollte schon immer Erotik hörbar machen.“
Er fand Wissenschaftler, die EEG-Daten sonifizieren, beschäftigte sich mit Sexualforschung, recherchierte zum Thema Ekstase. Er tauschte sich mit der US-Neurowissenschaftlerin Nicole Prause aus. Die forscht zu Sexualverhalten, Sucht und der Physiologie sexueller Reaktionen, auch zu Pornografie, wird deswegen in den USA oft angefeindet. Frauenfeld aber schwärmt: Die Professorin sei „richtig klasse“.
Wer sexuelle Körperdaten in Musik verwandeln mag, muss findig sein. Der Puls mag zwar einen Rhythmus liefern, „aber der Puls von 180 beim Orgasmus ist noch nichts Spezifisches“, weiß Frauenfeld. Mehr Eigenart besitze der Hautleitwert, der übrigens auch von Lügendetektoren gemessen wird: „Der geht nach dem Orgasmus exponentiell runter.“ Doch sonifiziert, klinge der Hautleitwert nur „unspektakulär flächig“.
Also hat Frauenfeld „ein paar Sachen gebastelt“, die Muskelspannung und Kontraktionen messen, und sich verkabelt. Das liefere „spezifische Messwerte“: Höhere Erregung führt zu höheren Frequenzen. Frauenfeld zeigt ein Diagramm mit der Plateau-Phase vor dem Höhepunkt und dem Abfallen der Spannung während des Orgasmus.
Nacktheit ist ein Tabu
Der Tüftler öffnet seine Tasche und zieht eine der gebastelten „Sachen“ heraus, die ohne falsche Scham als Anal-Sonde zu bezeichnen ist. Die schmale Sonde hat er mittels 3D-Drucker aus hochwertigem PLA-Kunststoff „nach anatomischen Gesichtspunkten“ gefertigt. Sie sei sehr zuverlässig: „Man kann mit dem Ding sogar tanzen, und es funktioniert trotzdem.“
Frauenfeld betont, die Angelegenheit habe „nichts mit Pornografie zu tun“. Nacktheit sei für ihn sogar ein Tabu, er trägt bei der Sonifikation einen Overall, um eben nicht anzüglich zu sein: „Ich kann mich nicht da vorn hinstellen und an mir mit einem dicken Vibrator rummachen.“ In Performances würde er einen Motorradhelm tragen, „damit niemand mein Gesicht sieht“. Überhaupt: „Man sieht nichts!“
Der Kunst-Akt als Sex-Akt? Keinesfalls trete er mit jemand zusammen auf, betont Frauenfeld. Er sei zwar ein schräger Vogel, auch nicht gehemmt, aber nun mal ein treuer Ehemann. „Mit jemand oder an jemand“ will er die Sonifikation also nicht betreiben. „Es ist alles Eigenerfahrung.“
Duett mit sich selbst
Dabei wird nicht nur seine Lust zu Klang, umgekehrt kann Frauenfeld Vibratoren in seinem Catsuit auch über Musik ansteuern. Eine Wechselwirkung, ein Duett mit sich selbst: Musik führt zu Erregung, Erregung verändert wieder die Musik. Durch die Sonifikation werde er sich seiner Sexualität mehr bewusst, sagt Frauenfeld. Er liebe es, „diese Wärme zu spüren und dieses Nachglühen“.
„Play Me“ hat er sein Projekt getauft. Der Begriff des Klang-Körpers erhält so eine ganz andere Bedeutung. „Ich werde zum erotischen Musikinstrument“, sagt Frauenfeld und strahlt. Sein erster Anlauf, mit „Play Me“ bei einem internationalen Kunstfestival aufzutreten, scheiterte aber. Einen Auftritt in seiner Heimatstadt kann er sich nicht vorstellen: „Dort sind Leute schon für einfachere Sachen gesteinigt worden“, sagt er und blickt nachdenklich aus dem Zugfenster.
Frauenfeld träumt von einer Performance auf dem Berliner „CTM Festival for Adventurous Music and Art“. Er schmunzelt: „Abenteuerlich, das passt zu mir.“ Bis dahin bastelt er am Prototyp seines „Play Me“-Catsuits weiter, der Anzug wäre „cool für ein solches Event“. Er hat auch schon mit einer New Yorker Musikerin zusammengearbeitet, allerdings setze die nur auf Pop-Musik und sei zu sehr auf den Orgasmus als Beat-Grundlage fixiert.
„Das Galoppierende Pferd“
Und die Musik? Die basiert auf pentatonischen, also asiatisch oder orientalisch klingenden Tonleitern. „Ich möchte, dass es schön ist“, betont Frauenfeld. Die Tracks schwingen und pulsieren wie frühere Sequencer-Musik von Elektronik-Bands wie Tangerine Dream. Irgendwie „trippy“, findet Frauenfeld. Solche Klangwelten gefallen ihm, seit er als jugendlicher „Radio-Schrauber“ Kurzwellen-Sounds entdeckte.
Seinen Musik-Nummern hat er chinesische Namen gegeben, „Nanfeng“, also „Südwind“. Andere heißen „Fliegende Schwalbe“ oder „Galoppierendes Pferd“. Angenehm fließen sie dahin – und passen so zur Botschaft: „Es geht mir um die Schönheit körperlicher und seelischer Erregung.“
Damit packt Michael Frauenfeld zusammen, verabschiedet sich und steigt in Frankfurt aus dem ICE. Er verschwindet im Bahnhof, unterm Arm hält er die Tasche mit seinen „Sachen“ und mit seinem Laptop. Auf dem sich musikgewordene Lust befindet.
Was ist Sonifikation?
Akustik Sonifikation ist die Darstellung von Daten in Klängen. So wie Daten visuell (etwa mittels Kurven und Diagramme) sichtbar gemacht werden können, ist das auch akustisch möglich. Durch Sonifikation können Bedeutungen, Strukturen und Gesetzmäßigkeiten von Daten hörbar gemacht werden. Bekannte Anwendungen von Sonification sind das Sonar (Ortung im Raum und unter Wasser durch Schallimpulse) und der Geigerzähler (zum Messen radioaktiver Strahlung). Sonifikation hat aber nicht nur technisch-wissenschaftliche, sondern auch didaktische und ästhetisch-künstlerische Anwendungsbereiche.



