Salzburger Festspiele 2026
: Im allerletzten Nachtbus

Peter Handkes Text „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ entpuppt sich bei den Salzburger Festspielen auf der Bühne als anregendes Spiel der Fragen und Ungewissheiten.
Von
Otto Paul Burkhardt
Salzburg
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Schnee von gestern, Schnee von morgen

Marina Galic (r.) und Jens Harzer spielen in Jossi Wielers Inszenierung des Handke-Textes „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ auf der Bühne Gedanken-Pingpong.

Ruth Walz
  • Uraufführung von „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ bei den Salzburger Festspielen.
  • Peter Handke war anwesend, kam zum Applaus auf die Bühne und erhielt lange Ovationen.
  • Regie: Jossi Wieler zeigt das Selbstgespräch als Dialog von Jens Harzer und Marina Galic.
  • Sprache pendelt zwischen Monolog und Gegenrede – mit Ironie, Zitaten und Wortspielen.
  • Weitere Vorstellungen im Salzburger Landestheater am 31. Juli sowie am 1. und 5. August.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Beim Schlussapplaus kam er dann auf die Bühne, gab den Profis, die soeben seinen Text gespielt hatten, einen freundlichen Knuff und ließ geduldig minutenlange Ovationen über sich ergehen. Und da sich sein Stück ums Gehen und Erkunden dreht, reckte er beim Abgang – halb trotzig, halb schalkhaft – seinen Gehstock in die Höhe. Ja, Peter Handke, 83, Nobelpreisträger, Poet, Spaziergänger und Pilznarr, war extra nach Salzburg gekommen – zur Uraufführung seines 24. Bühnenstücks. „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ heißt der 74-seitige Text, der wieder eine geistesblitzreiche Unterhaltung mit sich selbst und anderen ist. Ein vielstimmiger Bewusstseinsstrom, ein Spiel des Fragens. Der Untertitel lautet in gewollt skurriler Umstandskrämerei: „Das Lautwerden des einen Kreuz-und-Quer-Gehenden zeit seines jeweiligen Innehaltens“. Worüber sich lange nachdenken ließe.

Schon öfter hat Handke Formen von Selbstgesprächen erprobt, in Salzburg etwa „Immer noch Sturm“ (2011) und „Zdenek Adamec“ (2020). Jetzt also „Schnee von gestern, Schnee von morgen“. Die Sprache irrlichtert zwischen wildem Denken und ironischer Selbstdistanz. Doch sie wirkt milder, ohne Zorn-Exkurse. Die Hauptfigur, der „Kreuz-und-Quer-Gehende“, ein Alter Ego Handkes, trägt zusammen, „was ihm begegnet“. Ein federnder Ast, ein Apfel am Wegesrand. Er zitiert die Beatles und die alten Griechen, ruft nach Elvis und erinnert an Spinoza, wechselt lust- und geistvoll zwischen Monolog und Gegenrede, zwischen Wortklauberei und der allmählichen Verfertigung der Gedanken beim Gehen. Das Schnee-Bild im Titel deutet an: Was wichtig scheint und glitzert, kann schnell dahinschmelzen.

Schwierig, diesen Lesetext auf der Bühne zu performen. Jens Harzer, seit langem handkeaffin, und Marina Galic vom Berliner Ensemble versuchen es dennoch. Regisseur Jossi Wieler zeigt bei den Salzburger Festspielen (27. Juli 2026) den dialogischen Bau dieses Selbstgesprächs. Harzer und Galic machen daraus Gedanken-Pingpong. „Oder auch nicht“ ist eine häufige Wendung, mit dem Gesagtes relativiert wird. Sie fabulieren, sinnieren, raunen, spintisieren. Verwandeln sich auch schon mal – mit roten Mützen und gemalten Bärtchen – in absurde Beckett-Clowns. Denn Handke bricht den Ernst seiner Querfeldein-Denkereien oft durch Kalauer wie „O Alter, o Wut, o Verzweiflung! Ihr könnt mich, alle!“

Dieses Gedankenspiel, man könnte auch Wortschneegestöber sagen, findet bei Wieler am Rande eines Sperrmüllhaufens zerlegter Möbel statt, die noch wiederherstellbar wären – „oder auch nicht“, um mit Handke zu sprechen. Trümmer oder Baumaterial? Das Duo zwängt sich zeitweise in einen engen Schrank, befreit sich, um sich wieder in den assoziativen Fluss der Beobachtungen einzugrooven, den Handkeschen Gedanken-Free-Jazz.

Irgendwann startet Harzer doch noch ein Solo: Nachbilder aus Handkes Werken flackern auf, ein Gewitter aus Tschechow-, Kleist- und Hölderlin-Zitaten prasselt nieder. Nur einmal fällt das Wort Krieg. Zwischendurch Ratschläge an sich selbst: „Utopische Stellungnahmen vermeiden.“ Keine Bescheidwisserei. Gewissheiten geraten ins Wanken.

Feiner Höhepunkt im Schauspielprogramm

Plötzlich ist Schluss mit dem Hin und Her. Harzer geht nach hinten ab, Marina Galic verkündet: „Der Kreuz-und-Quer-und-Querfeldein-Geher lebt nicht mehr hier – ich bin jetzt, für sein letztes Wegstück, sein Erzähler, und dann sein Chronist.“ Handke lässt sein anderes Ich, den Gehenden, verschwinden. Ein Abschiedstext? Immerhin, der Verschollene soll noch gesehen worden sein, „als letzter Fahrgast hinten zusammengekauert im allerletzten Nachtbus“. Oder als „Mitglied einer Steppenwandergruppe“.

Wielers Regie beschränkt sich auf szenischen Minimalismus. So bewahrt der knapp 100-minütige Gedankenstrom seine Leichtigkeit, seine Selbstironie, seinen Flow, bleibt in der Schwebe, meidet das sowieso überall Gesagte. Trotz dieses verbalen Ausweichtanzes ist spürbar, was gemeint ist. Alles in allem: ein feiner Höhepunkt im Schauspielprogramm des Festivals. Viel Jubel vor allem für Handke, den „Kreuz-und-Quer-Gehenden“.

Weitere Vorstellungen

Drei weitere Aufführungen des Schauspiels „Schnee von gestern, Schnee von morgen“ im Salzburger Landestheater stehen bei den Salzburger Festspielen am 31. Juli sowie am 1. und 5. August auf dem Programm. Tickets gibt es unter salzburgerfestspiele.at.