Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys
: Zwei falsche Italiener träumen von Rimini

Dolce Vita aus Bayern: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys haben mit Italo-Schlager die Charts erobert und spielen in ausverkauften Hallen. Ihr neues Album heißt passenderweise „Kult“.
Von
Marcus Golling
Augsburg
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Von Bayern über Italien auf den Schlager-Olymp: Roy Bianco (links) und die Abbrunzati Boys.

Von Bayern über Italien auf den Schlager-Olymp: Roy Bianco (links) und die Abbrunzati Boys.

Ludwig van Borkum

Die „MS Abbrunzatissima" würde ein perfektes Traumschiff für das ZDF abgeben. Sie würde die Hotspots der italienischen Küste abfahren, Cinque Terre, Amalfi, Rimini, Venezia. Lauter Deutsche in den Kabinen, an Bord zarte Liebelei, ein paar Verwirrungen, aber nichts, was ein Kapitän Silbereisen nicht in den Griff bekäme. Oder besser noch: Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys, denen wahrscheinlich auch auf einem Luxusliner die Herzen zufliegen würden. An Land klappt das seit einigen Jahren verblüffend gut: umjubelte Festivalauftritte, ausverkaufte Hallen, jetzt schon das zweite Nummer-eins-Album, „Kult", das eben mit dem Song über die „Abbrunzatissima" ab- und später auch noch in Santorin und Bardolino anlegt.

Geografisch kompliziert, musikalisch ganz leicht: Die sechsköpfige Gruppe aus Augsburg und München singt selbst erfundene Italo-Schlager einem jungen Publikum vor, das früher vielleicht noch Indie gehört hätte. Und mittlerweile kommen auch die Eltern und „Bambini“ zu den Konzerten.

„Kult“ eben, aber für Roy Bianco ist das nicht nur der schmierige kleine Bruder von Kultur, sondern auch „die große heilige Schwester“, wie er im Video-Interview sagt. „Jede Religion kommt aus einem Kult. Man trifft sich in Frieden und Freude in der Mitte der Gesellschaft und einigt sich für eineinhalb Stunden darauf, sich selbst zu vergessen und danach etwas von dieser Utopie in den Alltag hinüberzuretten." Klar, dass es bei solchen Bacchanalien auch mal rauschhaft zugeht.

Roy Bianco hieß früher mal Roberto Bianco, der Witz kam nicht bei jedem gut an, der Bezug zum Augsburger Schlagergott Roy Black ist sowieso lustiger. Einen echten Menschen dahinter gibt es für Fans und Medien nicht, nur eine fiktive Bandbiografie: Laut dieser lernen sich Bianco und sein musikalischer Partner 1981 in Sirmione am Gardasee kennen. 1982 starten sie ihre Karriere als Duo, 1984 kommt die Showband (Ralph Rubin, Eisensepp, Bungo Jonas und Blechkofler) dazu. 1997 dann der große Eklat zwischen den Frontmännern, Jahre der Funkstille. Doch 2016 das Comeback, 2020 das Album „Greatest Hits“, 2022 mit „Mille Grazie“ die erste Nummer eins.

Und jetzt eben „Kult“. Immer noch vollgepackt mit Italien- und Schlager-Klischees, „Goodbye, Arrivederci", „Sophia Loren" und „Weiße Rosen“, aber auch mit ein paar Haken in Richtung Pop, Rock, Indie, Polka. Und zum Teil aufgenommen in den Londoner Abbey Road Studios, das macht den Musikfan hellhörig. „Wir sind Fans des deutschen Schlagers der 50er und 60er Jahre, wir sind Fans von Italien, wir sind Fans von unseren Fans, die wir gerne Tifosi nennen", erklärt Co-Frontmann Zanti alias Die Abbrunzati Boys, in Wirklichkeit nur eine Person. Und was ist mit den Beatles? „Wir sehen uns in einer Linie mit John Lennon und Paul McCartney.“

Natürlich ist das alles nicht ernst gemeint, die Großkotzigkeit ist genauso gespielt wie der italienische Akzent bei manchen (!) Songs. Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys klingen nicht wie eine Italo-Schlagerband aus den 80ern, eher wie eine deutsche Hochzeitskapelle aus den 90ern, die italienisch klingen will. Schlager ist für sie, wie Zanti erklärt, „ein authentisches deutsches Musikgenre“, das erfunden wurde, „um Gefühle von Sehnsucht und Weite zu erzeugen".

Der Schlager soll seine Würde zurückbekommen

Die Band verstehe es als ihre Aufgabe, dem Schlager die Würde zurückzugeben. „Wir waren ja weg nach 1997, wir können und wollen uns mit der Zeit danach nicht identifizieren." Mit Ballermann wollen die Bayern nichts zu tun haben. Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys funktionieren ähnlich wie die Schlager-Spaßmacher der 90er, Leute wie Dieter Thomas Kuhn mit dem Brusthaartoupet: Das Publikum braucht die Ironie, um sich der Schlagerseligkeit hingeben zu können. Ein paar Aperol Spritz helfen sicher auch, wenn man sich in den „Schlagerstrudel" begibt, so heißt die Antwort der Band auf den „Circle of Death" der Heavy-Metal-Fans.

Schlager, so sagt Roy Bianco, könne die Menschen zusammenbringen. Er habe „nicht den Auftrag, alle gesellschaftlichen Missstände anzusprechen. Er darf unschuldig, seicht und naiv sein. Und doch gibt es, und das ist eine Tatsache, eine Welt außerhalb dieser Schlager-Utopie." In der ist Italien nicht mehr nur die Filmikone Sophia Loren, sondern auch die Faschistin Giorgia Meloni. Bröckelt damit nicht das Fundament, auf dem die Band steht? Die Abbrunzati Boys: „Wir würden uns niemals anmaßen, ein Bild von Italien zu zeichnen, wie es wirklich ist. Trotzdem sehen wir bei solchen Entwicklung mit großer Sorge in den Süden.“ Die Band sei nicht politisch, sondern mache Unterhaltung – aber „Unterhaltung mit Haltung". Ihre Message: sich mit Liebe begegnen, Unterschiede zulassen, sich selbst nicht zu ernst nehmen und das Leben genießen.

Am Ende steht der Olymp, davor kommt die Tour

Am 21./23. Juni 2024 spielen Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys auf dem „Southside“ und dem „Hurricane“, im Herbst folgt eine Tournee durch große Hallen, Berlin und Frankfurt sind schon ausverkauft. Befindet sich die Band auf dem Gipfel ihres Erfolges? Zanti: „Bei Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys kann es keinen Peak geben, es geht immer nur weiter und hoch hinaus, bis wir uns auf dem Schlager-Olymp beseelt niederlassen können, nach Jahrzehnten harter Arbeit."

Der Running Gag darf ruhig noch ein bisschen weiterlaufen, auch wenn er vielleicht nicht mehr ganz so frisch ist wie zu Beginn der Karriere. Scusi: des Comebacks. Roy Bianco: „Jetzt fahren wir erst einmal die Lorbeeren ein, die wir uns mit den Alben verdient haben. Dieses und das nächste Jahr werden auf jeden Fall der absolute Oberhammer."

Auf großer Tour im Herbst

Im Herbst sind Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys auch im Süden und Südwesten unterwegs. Karten gibt es noch für die Konzerte in der KIA Metropol Arena Nürnberg (24. Oktober), in der MHP Arena Ludwigsburg (6. November) und in der Olympiahalle München (15. November). Erhältlich sind diese bei den bekannten Vorverkaufsstellen oder online über shop.abbrunzatissima.de.