Roman von Heike Geißler
: „Michaela Kohlhaas“, eine mögliche und unmögliche Frau

Ein außergewöhnliches Buch: Heike Geißler überschreibt die berühmte Kleist-Novelle aus feministisch-antikapitalistischer Perspektive.
Von
Marcus Golling
Ulm
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Heike Geißler ist unter anderem Trägerin des Heinrich-Böll-Preises.

Heike Geißler ist unter anderem Trägerin des Heinrich-Böll-Preises.

Heike Steiweg
  • Roman „Michaela Kohlhaas“ überschreibt Kleists Vorlage aus feministischer, kapitalismuskritischer Sicht.
  • Protagonistin bricht aus bürgerlichem Leben als Friedhofsvizechefin aus und wird obdachlos.
  • Antagonist ist ein Galerist, der Wohnungen aneignet – sie verliert Wohnung, Arbeit und Halt.
  • Ich-Erzählerin hilft zeitweise, idealisiert sie aber auch; Beziehung bleibt ambivalent.
  • Sprache ist anspielungsreich und surreal, das Umherirren endet im einsamen Tod im Wald.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

In Heinrich von Kleists berühmter Novelle verliert der Rosshändler Michael Kohlhaas ein paar gute Pferde – und beginnt deswegen einen unfassbaren Rachefeldzug. Und dann gibt es jetzt auch noch Michaela Kohlhaas: Die Heldin in Heike Geißlers gleichnamigen Roman hat nichts zu verlieren, sie besitzt „in etwa nichts“ und „verspürte kein Bedürfnis (…), etwas daran zu ändern“. Und doch fällt sie aus ihrem bürgerlichen Leben. Aus ihr wird jedoch keine Rächerin, der am Ende vom Henker Gerechtigkeit widerfährt, sondern eine ungehörte Ruferin, die alleine zugrunde geht: eben kein weiblicher Kohlhaas, sondern fast das Gegenteil.

Diese „große Frau des Jahrhunderts, deren Lebenszeit nicht reichte, ihre volle Größe zu entfalten“: Heike Geißler hat ihr mit ihrem einzigartigen Roman ein sprachmächtiges Denkmal gebaut, 253 Seiten, die sich lesen wie in Marmor gehauen oder in Bronze gegossen. Und wie bei Michael stehen auch bei Michaela die Handlungen in keinem Verhältnis zum erlittenen Unrecht, zumindest auf dem ersten Blick. Der Text betont immer wieder, sogar ein bisschen zu oft, dass die Kohlhaas für mehr steht als für sich selbst: „Michaela Kohlhaas, diese Überraschung, dieses Ereignis, diese mögliche Frau."

Vom Friedhof hinaus ins Leben

Zunächst führt die Protagonistin, die „vor etwas mehr als 40 Jahren in einer eiskalten Januarnacht zur Welt“ kam, ein unbescholtenes Leben als stellvertretende Vorsteherin eines Leipziger Friedhofs, auf dem sich kaum noch jemand beerdigen lassen möchte. „Sie steuerte auf kein großes Ereignis zu, eher auf das Ergebnis einer stillen, sich im Grunde ihre Herzens vorbereitenden, gewaltigen Rechnung, einer Auf- und Abrechnung.“ In ihrer Geschichte ist Wenzel von Tronka kein Junker wie bei Kleist, sondern ein Galerist, der sich durch Mauschelei mit der Politik vormals kommunale Wohnungen unter den Nagel gerissen hat: „Mir, du Hasenkind, gehört der ganze Block, und wenn du mich ärgerst, bald auch dein Haus. Egal, wo du wohnst.“

Die Kohlhaas wohnt bald nirgendwo mehr und doch überall. Von einem Moment auf den anderen verlässt sie ihre Wohnung, ihre Arbeit, ihr Leben. Sie wird zu einer Vagabundin, die ungebunden durch die Welt schreitet, ein Beispiel für andere. Beziehungsweise zu einer Obdachlosen, die keine Bindungen mehr hat, ein Ärgernis für die Gesellschaft. Regelmäßigen Kontakt hat sie nur noch zur Ich-Erzählerin, Mutter von zwei Kindern (wie die Autorin), die von einem Ausbruch aus dem geregelten Leben, aus der Frauen- und Mutterrolle zwar fantasiert, aber nie auch nur den ersten Schritt tut.

Manchmal hilft diese Friedhofsbekanntschaft der Kohlhaas, sie stattet sie mit dem Karnevals-Kettenhemd und dem Wikingerhelm aus, die bald ihr Markenzeichen werden, und lässt sie später in ihrer Datsche wohnen – bis sie von den Nachbarn hinausgemobbt wird. Die Erzählerin blockiert sie aber auch zeitweise auf ihrem Handy, um nicht im Urlaub gestört zu werden. Hat schon Nervpotenzial, diese Kohlhaas, die stinkende, schimpfende, schnorrende „Frau des Jahrhunderts“. Dabei ist es ja die Ich-Erzählerin, die sie auf diesen Sockel aus Pathos stellt.

Ein feministischer Schelminnenroman

Aus schlechtem Gewissen? Oder ist die „mögliche Frau“ nur ein Hirngespinst oder eine Projektionsfläche für das Unbehagen am eigenen Funktionieren in der vom Kapitalismus pervertierten Gesellschaft? Es würde in Geißlers bisheriges Werk passen. So schrieb die 1974 geborene Leipzigerin in „Saisonarbeit“ (2014) über ihre Zeit als Amazon-Aushilfskraft, in ihrem Essay „Verzweiflungen“, 2025 mit dem Bayerischen Buchpreis prämiert, sucht sie nach den Ursprüngen der Menschenfeindlichkeit. „Michaela Kohlhaas“ lässt sich auf mehrere Arten lesen, auch als feministischer Schelminnenroman. Diese Uneindeutigkeit ist eine große Stärke. Und das Fremdeln mit der Sprache und der Figur ist von Geißler gewollt.

Der Text ist anspielungsreich, humorvoll und bisweilen surreal: Geißler lässt die Protagonistin wie „Mutter Courage“ alleine einen Planwagen durch die moralisch verheerten (ost)deutschen Lande ziehen, wie diese begegnet sie der menschlichen Niedertracht in allen Facetten – und ist dabei auch selbst keine Heilige, trotz der historisierend-übergeigten Sprache. Logisch, dass die Kohlhaas mit ihrem Helm und ihrem Wagen auf einem Mittelaltermarkt landet, wo sie als Nicht-Gastronomin dem Publikum nichts zu bieten hat. Später wird sie, bereits in wärmende Felle gehüllt, für eine Bärin gehalten.

Letztlich hat die Geschichte aber kein Ziel: Je mehr Michaela Kohlhaas herumirrt, desto mehr entfernt sie sich von den Menschen, bis zu ihrem einsamen Tod im Wald, der schon am Anfang vorgezeichnet wird. Am Ende eins zu werden mit der Natur, das ist in dieser gottlosen Welt vielleicht die letzte Hoffnung, die bleibt.

Heike Geißler: Michaela Kohlhaas. Suhrkamp, 253 Seiten, 24 Euro.