Wenn Roland Kaiser zurückschaut, sagt er „Danke!“. Wenn er nach vorn schaut, sagt er „Ja zu allem, was kommt!“ Dann singt er „Wir geh’n durch die Zeit“ und nimmt seine Fans in der Stuttgarter Porsche-Arena mit auf eine Reise: durch seine Karriere, in die Welt der Gefühle, Sehnsüchte und Lüste.
Er komme ja noch aus dem letzten Jahrtausend, witzelt er und erinnert sich an seine Anfänge vor 50 Leuten, die sich fragten: „Wer ist das? Was will der? Wie heißt der überhaupt?“ Das fragt sich heute keiner, aus Ronald Keiler ist Roland Kaiser, einer der Großen des deutschen Schlagers, geworden. Mit Verbeugung, Luftküsschen und „Ich glaub, es geht schon wieder los“ beginnt die Show. Und wie es losgeht, die Fans jubeln vom ersten Augenblick an. Der Mensch sei das einzige Lebewesen, das sich selbst infrage stellen könne, erzählt Kaiser. Aber zu viel zweifeln solle man nicht: „Besser an die denken, die an uns glauben.“ Die Fans glauben an ihn. Er zahlt es zurück.
„Dich zu lieben“, „Ich will dich“, es geht in Roland Kaisers Liedern fast immer um dieses „Du“. Deswegen heißen ja auch so viele Platten von ihm entsprechend: Er ist entweder „In Gedanken bei dir“ oder schon „Auf dem Weg zu dir“, und sowieso immer ist er „Verrückt nach dir“. Dass eine seiner erfolgreichsten Scheiben „Lebenslänglich du“ heißt, ist geradezu programmatisch. Entscheidend aber ist: Dieses „Du“ ist jede, die seine Musik hört.
Das Publikum ist freilich nicht nur jünger als gedacht, es sind auch durchaus Männer anwesend. Klar, in den Liedern haben sie ebenso eine Rolle: „Sag ihm, dass ich dich liebe“.
Kennern seiner Werke könnte aufgefallen sein, „dass meine Lieder auch mal erotische Inhalte haben“, juxt Kaiser, der Schwerenöter mit Leichtigkeit. Da komme schon mal die Frage auf: Hat er das alles selbst erlebt? Nicht doch, dann wäre er ja nicht 66, sondern 166! „Aber einiges schon. Ich sag aber nicht, was.“
Der nette Lustmolch von nebenan: „Für Sekunden Heimlichkeit fühl ich dich durchs Kleid“, heißt es da, und manchmal möchte er „eine Nacht das Wort Begehren buchstabieren“. Da bleibt kein Auge trocken, und sonst wohl auch nichts. Ganz zu schweigen vom „Kelch der Lust“, aus dem er einst getrunken hat,  na ja, er wisse auch nicht, was er sich da beim Texten gedacht habe, räumt Kaiser, der Lendenlyriker, ein.
Als junger Mann hat er Werbung in einem Autohaus gemacht, heute ist er Traumverkäufer, seriös, aber augenzwinkernd. Sowieso erweist er sich als pragmatischer Romantiker: „Es geht sowieso irgendwann alles vorbei“, aber Hauptsache: „Du liegst neben mir heut Nacht“.
Die Stimme hält diese Nacht gut durch, wird sogar ausdrucksvoller; erstaunlich, dieser Mann hat eine Lungentransplantation hinter sich. Dazu hängt sich die stattliche Band samt Background-Sängerinnen rein, Impulse setzen Akkordeon, Saxophon und sogar ein Streichquartett.
Ein paar Lieben habe man im Leben, führt Kaiser aus, wenn man großes Glück habe, ist sogar eine Lebensliebe dabei. Das gelte auch für Musiker: Man könne ein paar Hits haben, aber mit großem Glück sei eben auch ein Lebenslied dabei. So geht es mit „Santa Maria“ in die Pause: „Umdada, umdada, umdada, uh ah . . .“
Danach wird wieder Gas gegeben, gut 30 Lieder singt Roland Kaiser an dem Abend. „Hab ich zuviel riskiert?“ Keineswegs! Er feiert sein Alter dank Udo Jürgens „Mit 66 Jahren“. Und natürlich fordert er auch: „Lieb mich ein letztes Mal“.
Kaiser präsentiert sich als passionierter Hobbyflieger, Char­meur und Anzugträger. Tadellos steht er da, er ist einer mit Haltung. Sozial und politisch engagiert er sich, er hat sich für die SPD ins Zeug gelegt und schon mehrfach als Pegida-Gegner  das Wort ergriffen, ohne der Stadt Dresden die Freundschaft aufzukündigen. Im Gegenteil: Jahr für Jahr werden dort am Elbufer die „Kaisermania“-Nächte zelebriert.
Aber er wird auch in Stuttgart gefeiert. Und er ist lieb zu seinen Fans. Wird er fotografiert, bietet er gleich an: „Ich kann noch interessanter gucken!“ Schließlich kommt sein zweites Lebenslied, es ist – mit Maite Kellys gedreht – das erfolgreichste Schlagervideo überhaupt: „Warum hast du nicht nein gesagt“, und das Publikum sagt: Jaaaaa! und bekommt Zugaben. „Extreme“, „Joana“, „Dich zu lieben“. Dann, es geht auf elf zu, bedankt er sich und wünscht den Fans „Zeit zum Träumen, Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Lachen und Zeit zum Leben“. Roland Kaiser singt „Bis zum nächsten Mal“, und viele werden ihn beim Wort nehmen.

Mehr Kompilationen als Alben

Seit Mitte der 70er Jahre hatte Roland Kaiser 33 Alben und 25 Singles in den Charts. Mit „Santa Maria“, der Cover-Version des Oliver-Onion-Hits, hatte er 1980 eine Nummer eins, im Jahr darauf war er mit „Dich zu lieben“ ganz oben in den Album-Charts. Kaiser hat 26 Studio- und sechs Live-Alben herausgebracht, zudem sind sage und schreibe fast 50 Kompilationen mit seinen Liedern erschienen.