PEN Berlin unterwegs
: „Wir haben keine Angst vor der freien Rede“, sagt Deniz Yücel

Die Autorenvereinigung tourt vor der Landtagswahl durch Baden-Württemberg. Die Podien sind prominent besetzt, doch diskutieren soll vor allem das Publikum.
Von
Marcus Golling
Stuttgart/Ulm
Jetzt in der App anhören
Debattenzirkus auf Ostdeutschland-Tournee: Deniz Yücel (l.) und Aron Boks von der Schriftstellervereinigung PEN Berlin am Rande einer der Diskussionsveranstaltungen aus der Reihe "D<s wird man ja wohl noch sagen dürfen".

Auf Tour für die freie Rede: PEN-Berlin-Sprecher Deniz Yücel (links) und Poetry-Slammer Aron Boks am Rande einer der Diskussionsveranstaltungen im Jahr 2024.

Dilek Mayatürk-Yücel/PEN Berlin
  • PEN Berlin organisiert ab 26. Januar 2026 eine Gesprächsreihe zur Landtagswahl in Baden-Württemberg.
  • Thema ist „Heimat“ – 22 Termine an verschiedenen Orten, Publikum soll aktiv diskutieren.
  • Prominente Gäste regen Diskussionen an, u. a. Thea Dorn, Michel Friedman und Heinz Bude.
  • 2024 wurde das Format in Ostdeutschland erfolgreich getestet, mit hitzigen, aber respektvollen Debatten.
  • Ziel: Spaltung der Öffentlichkeit überwinden und freie Rede fördern – Eintritt ist kostenlos.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Es sei alles „sehr kurzfristig“, gibt Deniz Yücel zu. Deswegen hat der Sprecher der Autorenvereinigung PEN Berlin sogar Verständnis dafür, dass niemand aus dem Mercedes-Vorstand zugesagt habe für die Gesprächsreihe „Hallo Baden-Württemberg, reden wir über Heimat“. Es könne aber auch sein, „dass sie im Moment keine Lust haben, sich den Bürgerinnen und Bürgern zu stellen“. Aus der Wirtschaft hätte man gerne noch mehr Vertreter auf dem Podien gehabt, sagt er. Aber da sitzen schon Schriftstellerinnen und Kommunalpolitiker, Wissenschaftler und Journalistinnen, in Kulturzentren und Theatern, aber auch in einer Göppinger Kirche, bei einem Sigmaringer Schützenverein und in der Business-Lounge des Freiburger Stadions.

Dort hingehen, wo die Menschen sind, allen die Möglichkeit zum Sprechen und Zuhören geben: Das ist die Idee der Gesprächsreihe vor der Landtagswahl am 8. März 2026 in Baden-Württemberg. Erster Termin ist am Montag, 26. Januar 2026, im Nationaltheater Mannheim, mit Thea Dorn und Michel Friedman. Danach geht es bis 25. Februar weiter: 22 Termine, 22 Orte, 66 Menschen auf den Podien – und hoffentlich noch sehr viel mehr im Publikum. Denn diskutieren soll in erster Linie der Saal. Yücel: „Wir haben keine Angst vor der freien Rede, auch nicht vor der bescheuerten oder extremistischen – es wird schon jemand dagegenhalten. Dieses Vertrauen haben wir.“

Das Format wurde 2024 schon erprobt

Warum der PEN Berlin diesen Aufwand betreibt? „Ein bisschen großspurig formuliert: Wir machen das, weil es sonst keiner macht.“ Wichtigster Förderer sei der Bund, das meiste passiere aber ehrenamtlich. Der Autorenverband hat das Format 2024 erprobt, im Vorfeld der Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg. „Das wird man ja wohl noch sagen dürfen“, lautete der Titel damals. „Es gibt einen großen Anteil von Menschen, die sagen, man könne seine politische Meinung in Deutschland nicht frei äußern“, sagt der PEN-Berlin-Sprecher. „Wir wollten dahin gehen, wo diese Ansicht stärker ist als in dem Großstadtmilieu, in dem die meisten unserer Mitglieder leben.“

2026 in Baden-Württemberg ist das Überthema ein anderes, noch weiteres als die Meinungsfreiheit: Heimat. „Ist das noch/schon mein Land?“, lautet der Untertitel der Reihe. Yücel glaubt, dass jeder der 22 Abende anders verlaufen werde, auch von den Themen her. Er zitiert den Schriftsteller Jean Améry: „Heimat ist Sicherheit.“ Dagegen stünden die Ängste der Menschen in vielen Kreisen und Milieus: Angst vor dem wirtschaftlichen Niedergang, vor Arbeitslosigkeit, vor einer unkontrollierten Zuwanderung, vor einer Machtübernahme der Rechtsextremisten, vor der Klimakatastrophe, vor Krieg.

Über all das wird aus Sicht des PEN Berlin zu oft in abgeschlossenen Zirkeln diskutiert. Diesmal seien aber alle eingeladen, bei freiem Eintritt. Sprecher Yücel: „Das größte Problem ist die Spaltung von Öffentlichkeit. Unser Ziel ist, soweit wir das können, an jedem Abend diese Spaltung zu überwinden, in Calw oder Bad Mergentheim, aber natürlich auch in Freiburg und Heidelberg.“ Diese Absicht zeigt sich auch auf den Podien: Dort sitzen etwa der Soziologe Heinz Bude, der frühere Stuttgarter Grünen-OB Fritz Kuhn oder die Schriftstellerin Eva Menasse, aber auch Steffen Mayer, der Landesvorsitzende des Bunds Deutscher Kriminalbeamter, die BR-Journalistin Julia Ruhs oder die frühere AfD-Politikerin Joana Cotar.

Ein Poetry-Slammer fungiert als Saalmikrofon

Doch die Gäste sollen jeweils nur den Anstoß für die Diskussion geben, jeweils etwa eine halbe Stunde lang. Dann ist das Publikum dran, wie schon 2024 wird der Schriftsteller und Poetry-Slammer Aron Boks als „Saalmikrofon“ fungieren. Jeder dürfe etwas sagen, nur nicht zu beliebiger Zeit oder in beliebiger Länge, betont Deniz Yücel. Freie Rede – und freie Widerrede.

In Sachsen, Thüringen und Brandenburg was das offene Format 2024 nach Einschätzung des PEN Berlin ein Erfolg. Als „sehr hitzig, aber nie aggressiv“, beschreibt Yücel die Diskussionen. „Hinterher kamen alle zu uns und haben gesagt: Danke, dass ihr diesen Abend ermöglicht habt, ich hätte nicht gedacht, dass es überhaupt möglich ist, miteinander zu reden.“

Ob es im Südwesten ähnlich laufen wird? „Wir haben uns gefragt, ob die Leute in Baden-Württemberg genauso geladen sind und genauso viel Redebedarf haben. Aber ich bin da zuversichtlich, schließlich ist der Wutbürger eine schwäbische Erfindung.“

Der Verband und der Sprecher

Der PEN Berlin wurde 2022 gegründet, nachdem es bei der Mitgliederversammlung des PEN-Zentrums Deutschland in Gotha zum Streit kam. 2023 wurde die Vereinigung auf Deutsch schreibender oder im deutschsprachigen Raum lebender Autoren, Publizisten, Schriftsteller, Übersetzer und Verleger vom PEN International anerkannt. Ende 2025 hatte der Verein nach eigenen Angaben 720 Mitglieder. Deniz Yücel und Thea Dorn sind die amtierenden Sprecher, zum Board gehören unter anderem noch Lucy Fricke, Joachim Helfer und Ijoma Mangold.

Deniz Yücel, geboren 1973, ist Autor und Journalist, seit 2015 für die „Welt“. Von 2016 bis 2017 saß der gebürtige Hesse, damals Türkei-Korrespondent, in türkischer Untersuchungshaft. Ihm wurde Terrorpropaganda vorgeworfen. Nach der Entlassung am 16. Februar 2018 reiste er zurück nach Deutschland. Später wurde er in Abwesenheit zu einer Haftstrafe verurteilt. Über seine Zeit in U-Haft schrieb Yücel das Buch „Agentterrorist“.