Novelle von Maxim Biller
: „Der unsterbliche Weil“ ist jetzt ein Sterblicher

Maxim Biller erzählt von einem tschechisch-jüdischen Schriftsteller, der Stalinismus und Nationalsozialismus überlebt hat und doch verloren gegangen ist.
Von
Marcus Golling
Ulm
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Maxim Biller: Der unsterbliche Weil. Mit zwölf Fotografien des Autors und einem Nachwort von Marlene Knobloch. Edition 5plus, 80 Seiten, 18.90 Euro.

Maxim Biller: Der unsterbliche Weil. Mit zwölf Fotografien des Autors und einem Nachwort von Marlene Knobloch. Edition 5plus, 80 Seiten, 18,90 Euro.

Edition 5plus
  • Novelle „Der unsterbliche Weil“ erzählt das Leben des Prager Schriftstellers Jirí Weil.
  • Weil überlebte Stalinismus und NS-Verfolgung, blieb aber ein Außenseiter der Geschichte.
  • Hauptwerk „Leben mit dem Stern“ führte zu Publikationsverbot und Isolation.
  • Novelle beleuchtet Prags Nachkriegsjahre und gesellschaftliche Ausgrenzung.
  • Enthält Fotos Prags und ein Nachwort; erschienen in limitierter Edition.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Der Anblick dieses Mannes mit dem „hängenden Igelgesicht und dem silbergrau schimmernden Fedorahut“ mache jeden, der ihn sieht, sofort traurig, heißt es zu Beginn von „Der unsterbliche Weil“. Aber sicher nicht so traurig, wie dieser Mensch selbst ist. Der Mann ist der Prager Schriftsteller und Literaturkritiker Jirí Weil, der zu diesem Zeitpunkt, im April 1956, nichts mehr hat, was die Rückschau oder die Vorfreude lohnte. Manche seiner Freunde und Weggefährten sind als Helden gestorben, er hat überlebt. Und weiß jetzt nicht mehr genau, wofür eigentlich.

Maxim Biller, selbst in Prag geboren, stellt in seiner Novelle, die nun in streng limitierter Auflage in der exklusiven Edition der Buchhandlungskooperative 5plus (erhältlich unter anderem bei Aegis in Ulm) erschienen ist, einen Verlierer der Geschichte vor. Jirí Weil (1900-1959), genannt Jirka, war ein überzeugter Kommunist, doch fiel durch sein Stalinismus-kritisches Buch „Moskau, die Grenze“ in Ungnade; nur durch die Fürsprache des Kollegen Julius Fučík entging er dem Tod.

Durch einen fingierten Selbstmord rettete er sich

Dieser wurde später von der Gestapo verhaftet und in Plötzensee ermordet. Weil, ein Jude, entzog sich der NS-Verfolgung zuerst durch eine Scheinehe und schließlich durch einen fingierten Selbstmord. Doch lebendig ist er nur biologisch: Nie mehr fasste er Fuß, sein großer Roman „Leben mit dem Stern“ (1949) brachte ihm in der Tschechoslowakei ein Publikationsverbot ein, später wurde er auch aus dem Schriftstellerverband ausgeschlossen.

Nur rund 60 Seiten lang ist „Der unsterbliche Weil“, inklusive Schwarzweißbilder eines aus der Zeit gefallenen Prags, fotografiert von Biller selbst. Den Rest des Büchleins füllt ein Nachwort von Marlene Knobloch. Aber Biller gelingt es, anhand der Geschichte dieses Außenseiters viel über die Nachkriegsjahre im tschechoslowakischen Prag zu erzählen, in denen manchen (wie Fučík) Denkmäler errichtet wurden, während Querköpfe wie Weil mit Missachtung gestraft werden. „Ich verstehe jeden, der sich von mir lossagen muss und möchte, die Tschechen, die Deutschen, unsere eigenen Leute und erst recht die Kommunisten.“

Billers Ton ist lakonisch, sein Protagonist blickt mit Trauer, aber auch sanfter Verachtung auf die Genossen, die sich mehr denn je vor der Partei in den Staub werfen und der Einfachheit halber ihn opfern, den ohnehin Verdächtigen. Weil hat sich als Mensch in seinem Schicksal eingerichtet, er arbeitet – unsichtbar für die Gesellschaft – im Jüdischen Museum. Doch er will als Schriftsteller wieder sichtbar werden. Bevor auch er, der Unsterbliche, aber jetzt Todkranke, sterben muss.