Schwäbischer Künstler: Maler und Revolutionär – vor 500 Jahren starb Jerg Ratgeb

Der Herrenberger Altar von 1519 ist ein Prunkstück der Staatsgalerie Stuttgart.
Staatsgalerie Stuttgart- Jerg Ratgeb: Maler und Bauernführer, vor 500 Jahren in Pforzheim gevierteilt.
- Berühmtestes Werk: Herrenberger Altar (1519/1521) in der Staatsgalerie Stuttgart.
- Provokation: Christus als Freund der Armen, Pilatus mit Zügen Kaiser Maximilians I.
- Judas-Darstellung als Premiere: sichtbare Erektion, alle sieben Todsünden angedeutet.
- Ratgeb kämpfte 1525 als Kanzler/Kriegsrat; Vermächtnis: Preis seit 1977, heute in Reutlingen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Er führte den Pinsel und die Waffen: Jerg Ratgeb (manchmal auch Jörg) war ein hochbegabter Maler und ein kriegerischer Bauernführer. Seinen politischen Kampf bezahlte er mit seinem Leben: Vor 500 Jahren – das genaue Datum ist unbekannt – wurde er in Pforzheim gevierteilt. Seine Kunst hat aber die Jahrhunderte überstanden und löst auch heute noch Erstaunen beim Betrachten aus.
Sein berühmtestes Werk ist der Herrenberger Altar, der heute zur Sammlung der Stuttgarter Staatsgalerie gehört. Darin wird Christus zum Freund der einfachen Leute, während die Schergen und Mächtigen als fette, arrogante Herren erscheinen. Pontius Pilatus trägt Züge von Kaiser Maximilian I. und wird von einer Flagge mit dem Reichsadler begleitet – eine Provokation der Obrigkeit.
Die Wollust ist Judas leicht anzusehen
Am skurrilsten ist aber die Darstellung des Judas in einer Abendmahlsszene, die mehr an eine Spelunke erinnert. Dem Verräter werden alle sieben Todsünden angedichtet, darunter die Wollust: Ratgeb malt Judas mit einer Erektion. Eine kunsthistorische Premiere.
Jerg Ratgeb wurde um 1480 in Schwäbisch Gmünd geboren. Als Maler machte er schnell Karriere und leitete eine Werkstatt mit bis zu zehn Mitarbeitern. Zwischen 1514 und 1518 malte er im Frankfurter Karmeliterkloster den größten Wandgemäldezyklus nördlich der Alpen. Den Altar für die Herrenberger Stiftskirche – der laut Staatsgalerie im Herbst 2027 eines der wichtigsten Exponate einer großen Ausstellung über württembergische Tafelmalerei der Spätgotik wird – vollendete er 1521.
Seine Konfrontation mit der Obrigkeit hatte einen sehr persönlichen Hintergrund: Ratgeb ehelichte eine Leibeigene des Herzogs Ulrich von Württemberg. Trotz seines Ansehens und seiner Bemühungen gelang es ihm nie, seine Frau und die gemeinsamen Kinder aus der Knechtschaft freizukaufen. Dieser Makel kostete ihn seine Bürgerrechte in Heilbronn und machte ihn zu einem Heimatlosen, der zwischen Stuttgart, Heilbronn und Frankfurt umherzog. Er sah sich und seine Familie als Opfer des Feudalsystems.

Ein Novum in der Kunstgeschichte: Judas hat auf dem Altar eine sichtbare Erektion.
Staatsgalerie StuttgartAls 1525 der Bauernkrieg ausbrach, erblickte Ratgeb darin die Chance auf Veränderung. Die Bauern forderten in ihren „Zwölf Artikeln“ die Abschaffung der Leibeigenschaft und mehr Gerechtigkeit. Ratgeb, inzwischen Ratsmitglied in Stuttgart, verhandelte zunächst mit den Aufständischen. Doch bald wechselte er die Seiten und wurde zu einer führenden Figur der Rebellion. Als Kanzler und Kriegsrat kämpfte er für die Sache der Bauern.
Ratgeb wurde verraten und gefasst
Die Bewegung scheiterte. Nach der entscheidenden Niederlage bei Böblingen im Mai 1525 floh Ratgeb, wurde jedoch verraten und gefasst. Man machte ihm wegen Hochverrats den Prozess. Die Anklage lautete auf Aufruhr und eine frühere Allianz mit dem vertriebenen Herzog Ulrich. Das Urteil war der Tod durch Vierteilung, eine besonders entehrende Strafe für Verräter.
Das Vermächtnis des schwäbischen Künstlers und Politikers lebt aber fort. Er wurde zu einer Symbolfigur des Widerstands. In der DDR stilisierte man ihn zum frühbürgerlichen Revolutionär. Sein Leben wurde verfilmt, in Romanen erzählt und auf die Bühne gebracht. Heute erinnern Schulen, Straßen und Plätze in Baden-Württemberg an den Maler und Rebellen. In Herrenberg entstand zum 500. Jubiläum des Bauernkriegs im vergangenen Jahr ein Skulpturenpfad, der sein Werk würdigt.
Ein Preis als Erinnerung
Der Künstler HAP Grieshaber stiftete 1977 den Jerg-Ratgeb-Preis für Kunst, die sich für Freiheit und Menschlichkeit einsetzt. Zu den Preisträgern zählen prominente Namen wie Emil Schumacher (1987) oder Lucian Freud (2002). Inzwischen wird die Auszeichnung alle vier Jahre in Reutlingen vergeben. Der Preis ist mit einer Ausstellung im Kunstmuseum Reutlingen und einer begleitenden Publikation verknüpft.