Kulturphänomen „Crotch Grab“: Obszön?! Männer und ihr Griff ans Gemächt

Bei Bad Bunny ist der „Crotch Grab“ laut Experten zwar sexualisiert, hat aber auch eine politische Dimension.
Sue Ogrocki/AP/dpa- Der Schrittgriff gilt als verbreitete Geste – von Supermarkt bis Bühne, teils als Komforthandlung.
- Popstars prägten das Phänomen: Michael Jackson machte es legendär, Bad Bunny treibt es weiter.
- Jay-Z erklärte die Geste als Nervositätsreaktion auf der Bühne, Jackson nannte sie unbewusst.
- Kulturwissenschaftler sehen Sexualisierung und Selbstbehauptung, teils mit politischer Dimension.
- Neben Provokation steht Alltagsfidgeting: Jucken, Zwicken oder Stressabbau – auch „Dwerken“ trendet.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Zack, passiert. Irgendwie vulgär und obszön. Hat dieser 20-Jährige das gerade wirklich getan in der Schlange an der Supermarktkasse? Sich in aller Öffentlichkeit durch die Hose den Sack gerichtet? Seit die Jogginghose insbesondere bei jungen Männern zu normaler Alltagskleidung geworden ist, scheint diese beiläufige Handlung für körperlichen Komfort Sitte zu sein. Eierschaukeln beim Einkaufen? Kein Ding! Der „Crotch Grab“ (Griff in den Schritt) ist durch Hip-Hop-Stars und zuletzt etwa Bad Bunny, der jetzt in Europa auf Tour ist, zu einem kulturellen Phänomen geworden.
Legendär geworden ist der Griff einst durch Michael Jackson. Kürzlich startete recht massenwirksam das Biopic „Michael“ im Kino. Vor zehn Jahren sorgte Jogi Löw für Aufsehen, als er sich am Rande des damaligen EM-Auftaktspiels gegen die Ukraine in die Hose griff und dann an den Fingern roch.
Zeit, sich mit dem Trend zum Griff in den männlichen Schritt zu befassen. Der „Crotch Grab“ war in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Thema und wurde auch früh von Frauen kritisiert. Die kanadische Singer-Songwriterin Carole Pope reklamiert etwa für sich, ihn als Provokation auf Bühnen eingeführt zu haben.
Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft
Madonna hielt schon öfter Reden gegen die Doppelstandards, was Männern und was Frauen in Bezug auf den eigenen Körper zugestanden werde. 1990 sagte sie etwa bei einem Konzert in New Jersey: „Die Leute machen immer so ein Drama daraus, dass ich mir in den Schritt greife.“ Bei Männern werde sich da weniger aufgeregt. „Du kannst dich aufregen, wenn ich versuche, dir in den Schritt zu greifen. Aber wenn ich mir selbst in den Schritt greife, dann heißt das einfach nur: Das ist mein Bereich. Lass mich in Ruhe, okay?“
Als er vor mehr als 15 Jahren in der NPR-Radiotalkshow „Fresh Air“ gefragt wurde, warum sich Musik-Stars an die Genitalien griffen, sagte der Rapper und Musikproduzent Jay-Z: „Ich habe dafür eine super Erklärung“. Das Musikbusiness spüle oft unerfahrene Männer nach oben. „Und dann schickt man diese Person, die noch nie vor vielen Leuten stand, auf die Bühne.“
So jemand habe also keinerlei Erfahrung, vor Publikum aufzutreten, sagte Jay-Z im Gespräch mit der Moderatorin Terry Gross. „Wenn man dann da oben steht, fühlt man sich nackt, richtig? Und was macht man als Erstes, wenn man sich nackt fühlt? Man bedeckt sich. Diese Angeberei ist also ein Akt der Nervosität.“
Michael Jackson: „Habe ich das wirklich getan?“
Der King of Pop, Michael Jackson, gab einst eine schüchterne Antwort auf die Crotch-Grab-Frage. Im legendären ABC-Interview von Oprah Winfrey 1993 giggelte Jackson peinlich berührt: „Warum greife ich mir in den Schritt? Ich glaube, das passiert unbewusst.“ Wenn man tanze, interpretiere man die Musik. Dann werde man selbst zu dem Gefühl, das der Sound vermittle.
Und weiter sagte Jackson, damals 34 Jahre alt: „Wenn ich also eine Bewegung mache und plötzlich – bam! – mich selbst anfasse, dann ist es die Musik, die mich dazu bringt. Es ist nicht so, dass ich unbedingt da unten hingreifen muss, und es ist auch nicht gerade die beste Stelle. Man denkt nicht darüber nach, es passiert einfach. Manchmal sehe ich mir die Aufnahmen später an und denke: „Habe ich das wirklich getan?“ Ich bin also ein Sklave des Rhythmus.“

Michael Jackson behauptete, sich beim Tanzen ganz unbewusst in den Schritt zu greifen.
Herbert Spies/dpaDer Kulturwissenschaftler Moritz Ege von der Universität Zürich sieht die Geste nicht ganz so unschuldig. „Also bei Bad Bunny ist es schon sexualisiert, finde ich. Es hat aber gleichzeitig, wie so vieles bei ihm, etwas Beiläufiges. Er hat ja eine Persona geschaffen, die meist ungerührt auftritt.“
Der Griff in den Schritt vermittle etwas Mackeriges, sagt Ege. Es gebe aber einen Unterschied zwischen Bühnenperformance und Alltagsgeste, sagt der Professor für Populäre Kulturen und Empirische Kulturwissenschaft. Wobei der vielleicht gar nicht so groß sei.
„Bei Bad Bunny hat das Ganze auch immer eine politische Dimension. In der Superbowl-Halbzeitpause war das eine Art Selbstbehauptung von Latino-Maskulinität oder einfach auch nur prolliger Männlichkeit in der konservativen Umgebung der Trump-USA“, sagt der Kulturwissenschaftler. „Es geht da vielleicht auch um ein Spiel mit dem gesellschaftlichen Unwohlsein angesichts offensiv sexuell konnotierten Verhaltens. Eine Mackergeste mit absichtlicher Sprengkraft.“
Andererseits, das gibt auch Ege zu, ist das Zurechtruckeln nicht immer etwas Provokantes und Dominantes, das den Genitalbereich betonen und einen Machtanspruch zeigen soll. Heißt also: Manche berühren sich da auch nur selbst, weil es juckt, ziept oder das Skrotum in eine unangenehme Position geraten ist. Der Schrittgriff gehört dann zum sogenannten Fidgeting, ähnlich wie das Spielen mit den Haaren oder Wippen mit dem Bein: In einer komplexen, anstrengenden Welt kann der „Crotch Grab“ ganz simpel ein nervöses Herumspielen zum Stressabbau und zur Selbstberuhigung sein.
Mit Dwerken den Penis zum Schwingen zu bringen
Bei Männern hat sich in den vergangenen Jahren außerdem – in Social-Media-Zeiten geradezu ironisch – ein weiterer Trend bezüglich des Gemächts entwickelt. Auch Superstar Bad Bunny frönt ihm: Es geht um das sogenannte Dwerken. Das Wort ist eine Schöpfung aus „dick“ (englisch für: Schwanz) und Twerken. Twerking ist der Tanzstil, der in gebeugter Haltung durch isolierte Hüftbewegungen den Po zum Vibrieren bringt. Dwerking ist entsprechend das Vor- und Zurückbewegen, um den Penis zum Schwingen zu bringen.
