Künstlerhaus Ulm: Süße Präzision

Heidemarie Ziebandt: „4 hoch 4“.
Foto: Julika Nehb- Ausstellung „Von Neuem“ zeigt geometrische Arbeiten mit Zuckerwürfeln im Künstlerhaus Ulm.
- „4 hoch 4“ umfasst 1024 Würfel, je eine Seite schwarz, vier Würfel pro Quader – 256 Varianten.
- Anordnung regt zum Zählen an, zwischen Zufall und System bleibt die Frage offen.
- In der Vitrine hängen farbige Zuckerstücke locker – ein Zugeständnis ans Unkontrollierbare.
- Acrylfäden wirken wie gespannte Fäden, doch sie sind sorgfältig gemalte Linien; bis 18. Oktober.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Zucker nur in Form von großen Kolben zu kaufen. Nachdem sich seine Frau beim „Zuckerbrechen“ verletzt hatte, entwickelte der Leiter einer mährischen Zuckerfabrik, Jacob Christoph Rad, 1843 eine praktikablere Form: den Zuckerwürfel. Dass seine Erfindung 150 Jahre später als künstlerisches Material genutzt werden würde, hatte Rad dabei vermutlich nicht auf dem Zettel: Während die Amerikanerin Kara Walker die politischen Dimensionen des Rohstoffs zwischen Sklaverei und Kolonialismus 2014 in einer riesigen Skulptur thematisierte, interessiert sich die Steinenkircher Künstlerin Heidemarie Ziebandt für den Zuckerwürfel als genormtes, serielles Industrieprodukt selbst: Sie integriert ihn in ihre geometrisch-abstrakten Arbeiten und baut daraus reduzierte rechteckige Objekte.
Zugeständnis ans Unkontrollierbare
Das größte Werk ihrer neuen, sehenswerten Ausstellung im Künstlerhaus Ulm heißt „4 hoch 4“. Es besteht aus 1024 kleinen, auf je einer Seite schwarz bemalten Zuckerwürfeln, immer vier Stück zu einem Quader zusammengefügt. Das sind immerhin 256 verschiedene Kombinationen. Beim Betrachten fängt man unwillkürlich an zu zählen und zu prüfen, ob sich nicht doch eine Variation an einer anderen Stelle wiederholt. Ist die Anordnung an der Wand purer Zufall oder Kalkulation — und wenn letzteres, welchem System folgt Ziebandt? In den Kaffee werfen möchte man diese Würfel jedenfalls nicht. Diese Kalkulation hat ihr Gegenstück in der großen Vitrine: Weitere kleinere Zuckerstücke in verschiedenen Farben hängen dort recht locker an der Wand und wirken wie ein sanftes Zugeständnis ans Unkontrollierbare.
Auch in ihren nicht zuckerbasierten Arbeiten schwankt die konkret-konstruktiv arbeitende Künstlerin zwischen Kontrolle und optischer Täuschung. Auf den ersten Blick wirkt es so, als hätte Ziebandt dünne Fäden nach einem Waben- oder Rasterprinzip über die Leinwand gespannt. Tatsächlich handelt es sich aber um sehr sorgfältig aufgetragene Acrylfarbe.
„Von Neuem“: Die Ausstellung ist bis 18. Oktober zu sehen: Do+Fr 14-18 Uhr, Sa+So 12-16 Uhr, Künstlerhaus Ulm