Kruder & Dorfmeister im Gespräch: „Unser Trademark war, dass da etwas Gutes kommt“

Blicken gerne auf ihre Produktionen der 90er-Jahre zurück: Peter Kruder (links) und Richard Dorfmeister.
Andreas H. Bitesnich- Kruder & Dorfmeister feiern das 25. Jubiläum ihres Albums "K&D Sessions" mit einer Sammler-Box und Tour.
- Die 6LP- und 3CD-Box erscheint am 25. Oktober 2024 und enthält seltene Tracks und ein 40-seitiges Booklet.
- Live-Auftritte in Deutschland: Hamburg, München, Berlin und Frankfurt im Herbst 2024 und Frühjahr 2025.
- Das Duo reflektiert ihre Karriere und plant neue Projekte während der Tour.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Musik von Kruder & Dorfmeister ist entspannt, die Schöpfer selbst offenbar auch. Schon vor einem Jahr hätten sie den 25. Geburtstag ihres Millionenseller-Albums „K&D Sessions“ feiern können, aber die Jubiläumsbox und die internationale Jubiläumstour kommt erst jetzt. Die Produktion der Box sei so aufwendig gewesen, da habe man sich lieber Zeit gelassen, erklärt Peter Kruder auf Nachfrage. Wir haben uns mit ihm und seinem Kollegen Richard Dorfmeister für einen Video-Call getroffen und über alte und neue Zeiten geredet.
Eine Frage für die Jüngeren vorweg: Wie waren die 90er-Jahre denn nun? So wie auf der 90er-Party oder eher so wie auf den „K&D Sessions“?
Peter Kruder: Wie schon Falco gesagt hat: Wer sich an die Zeit noch erinnern kann, der war nicht wirklich dabei! Für uns jedenfalls war es mehr „K&D Sessions“ als 90er-Party.
Vor 25 Jahren lief gefühlt in jedem Café Kruder & Dorfmeister. Warum traf ihre damalige Musik den Nerv der Zeit?
Richard Dorfmeister: Wahrscheinlich, weil wir selber nie im Kaffeehaus waren. Wir waren hauptsächlich im Bedroom-Studio, im Club oder im Plattenladen unterwegs. Deswegen haben wir zuerst gar nicht so mitbekommen, wie sich das verbreitet hat. Auch der Ibiza-Sound war dann beeinflusst von dem, was wir gemacht haben. Aber wir waren auch nicht dauernd auf Ibiza, sondern am Arbeiten.
Beim Wieder-Hören der „K&D Sessions“ war ich überrascht, wie sehr diese Musik aus der Zeit gefallen scheint, weil viele Zutaten – Dub, Rare Grooves oder Bossa – in der elektronischen Musik von heute kaum mehr eine Rolle spielen.
Kruder: Das würde ich überhaupt nicht sagen! Dub ist total präsent, Bossa steckt in den ganzen spanischen Sachen. Aber natürlich: nicht mehr so, wie es bei uns war.
Worauf wir uns einigen könnten: Der Stil-Eklektizismus auf dem Dancefloor ist weitgehend verschwunden.
Kruder: Auf unserem Dancefloor ist das nicht so, wir spielen von 80 bis 180 BPM! Aber es ist schon so, dass sich der Sound in den Clubs irgendwo zwischen 120 und 135 BPM eingependelt hat und meistens von einer Four-to-the-Floor-Bassdrum dominiert ist. Aber die jetzt jungen Clubs machen auch wieder Downtempo und mischen verschiedene Sachen. Der Zyklus geht auf sein Ende zu!
Als die „K&D Sessions“ erschienen sind, erlebte die Tonträger-Industrie goldene Jahre. Von Ihrem Album wurden mehr als eine Million Einheiten verkauft. War der Erfolg damals ein bisschen surreal für Sie?
Dorfmeister: Darüber haben wir gar nicht nachgedacht. Es waren ja auch nicht sofort eine Million, das hat sich über die Zeit akkumuliert. Der Erfolg basierte sicher auch darauf, dass wir zuvor Jahre lang in allen Clubs der Welt unterwegs waren. Dass dann die Goldenen Schallplatten gekommen sind, hat dann gut zu den goldenen Jahren gepasst.
Das Allmähliche passt zu Ihrer Musik. Ihre Remixes versperren sich heutigen Hörgewohnheiten, manchmal dauert es Minuten, bis sie sich entfalten. Wie wichtig ist Zeit für Sie?
Dorfmeister: Pink Floyd haben sich auch Zeit gelassen! Wir waren nie auf Chart-Hits aus. Die Sessions sind eine Bündelung von mehreren Jahren und Stimmungen, die sich zum richtigen Zeitpunkt gut ausdrücken. Es geht um eine Geschichte.
Haben Sie Lieblinge in den Tracks der „K&D Sessions“? Andere als früher vielleicht?
Kruder: Die Musik war immer in unseren DJ-Sets präsent, wir haben vieles weiterentwickelt oder neu editiert. Aber dadurch, dass wir jetzt das komplette Album mit Band live spielen, beschäftigen wir uns jetzt wieder mit Tracks, die wir lange nicht angefasst oder verwertet haben. Das ist superinteressant, weil es ein neues Spielfeld ist. Und eine Super-Herausforderung.
Ändern sich die Stücke durch die neue Darbietung?
Kruder: Die Möglichkeiten sind endlos, das ist jetzt ein Anfang. Wir sind alle gespannt, wie das alles Ende 2025 klingt, wenn die Tour vorbei ist.
Ihr Anspruch als Remixer war immer, eben nicht nur die Spuren neu zu arrangieren, sondern ein komplett neues Stück um einige wenige Original-Elemente zu kreieren. Warum dieser Aufwand?
Kruder: In der damaligen Zeit hatten Remixe den Anspruch, mehr zu leisten als das Original ein bisschen anders klingen zu lassen. Wenn man etwa erfuhr, dass von Andrew Weatherall, den wir alle bewundert haben, ein Remix kommt, wusste man, dass das ein mega-psychedelisches Disco-Fest wird! Irgendwann war es dann bei uns auch so, dass die Fans und DJs allein schon wegen der Kombination Kruder & Dorfmeister mit Depeche Mode gedacht haben: Wow, was wird das jetzt?
Auf „K&D Sessions“ sind sowohl Arbeiten für nahestehende Kollegen wie die Sofa Surfers als auch solche für Popstars wie Depeche Mode oder Madonna enthalten. Hat die Prominenz auch Ihre Herangehensweise beeinflusst?
Dorfmeister: Sicher. Es ist einfach spannend, wenn etwas für Artists machen kann, die man bewundert. Manchmal war es aber einfach auch Glück oder ein gutes Zusammenspiel. Bei Madonna waren wir schon vorher in Kontakt mit dem A&R ihres Labels. Der hat uns immer wieder Sachen angeboten, bis wir gesagt haben: Hör auf damit, send us the real shit! Und dann kam das Angebot für Madonna. Das war aufregend – und unser letzter gemeinsamer Remix.
Was erwarteten die Auftraggeber seinerzeit, wenn sie einen Remix bei K&D bestellten? Oder ist „bestellten“ das falsche Wort?
Kruder: Von uns ist nie etwas verlangt worden, wir hatten immer freie Hand. Deswegen haben unsere Mixes immer „K&D Session“ geheißen, mit „TM“ für Trademark dahinter. Und unser Trademark war, dass da etwas Gutes kommt. Wir haben immer extrem positives Feedback bekommen.
Was macht einen guten Remix aus?
Dorfmeister: Für mich ist ein Remix gut, wenn durch ihn das Stück besser wird. Ich nehme da als Beispiel gerne „Riders on the Storm“ von den Doors. Als irgendwann die Stems (die getrennten Gruppenspuren der Aufnahme, d. Red.) davon in Umlauf kamen, habe ich es auch mal versucht. Aber das war sinnlos. Das ist so, wie es ist, perfekt.
Für die Neuausgabe der „K&D Sessions“ haben Sie nicht nur Alternativ-Versionen mancher Tracks und Raritäten aus dem Archiv geholt, Sie haben auch eine Band für Live-Auftritte zusammengestellt. Wie klappt das ohne Dave Gahan oder Bone Thugs’n Harmony auf der Bühne?
Kruder: Wir wollen unser Publikum überraschen. Deswegen wollen wir vorher gar nichts verraten, was genau da passieren wird. Ganz ehrlich: Wenn ich ein Konzertticket um 60 Euro kaufe und vorher schon weiß, was da los ist, ist das so wie ins Kino zu gehen, wenn ich das Ende vom Film schon kenne.
Durch das Internet und die sozialen Medien ist das inzwischen eher der Normalfall.
Kruder: Was wir gemacht haben, war immer das Gegenteil davon. Wir waren ein Mysterium, haben fast nie Interviews gegeben und lieber die Musik für sich sprechen lassen. Und jetzt müssen wir so viel erklären, dass es eh schon unangenehm für uns ist! (lacht)
Danke, dass ich Sie trotzdem behelligen durfte! Noch eine Frage: Zuletzt haben Sie beide viel die eigene Vergangenheit aufgearbeitet. Ist in Zukunft auch wieder Neues von Kruder & Dorfmeister zu erwarten?
Kruder: Unsere Lieblingsfrage! (schmunzelt) Wir arbeiten daran. Während der Live-Tour werden wir auch wieder ins Studio gehen, wenn wir Zeit haben. Aber wie Richard so schön sagt: Alle unsere Platten haben eine Geschichte. Es wird nur eine neue Platte geben, wenn es eine gute Geschichte dazu gibt.
Zum Geburtstag gibt es die „K&D Sessions“ live
Kruder & Dorfmeister haben mit ihrem Mix aus Downbeat, Dub, Trip-Hop und Drum 'n' Bass den Sound der 90er-Jahre mitgeprägt, als DJs, Produzenten und Remixer. Ihre bekanntesten Veröffentlichungen sind ihre Mix-CD aus der Reihe „DJ-Kicks“ (1996) und ihre Remix-Sammlung „K&D Sessions“ (1998). Zum verspäteten 25. Geburtstag des letzteren Albums erscheint am 25. Oktober 2024 über das Label !K7 Records eine limitierte 6LP- und 3CD-Box. Enthalten ist neben sechs raren Zusatz-Tracks auch ein 40-seitiges Booklet mit Fotos und Geschichten aus der Entstehungszeit.
Im Herbst 2024 und im Frühjahr 2025 präsentieren Kruder & Dorfmeister ihre Sessions live: in Deutschland am 25./26. Oktober 2025 in der Elbphilharmonie Hamburg (ausverkauft), am 3. Februar 2025 in der Isarphilharmonie München (ausverkauft), am 4. Februar 2025 in der Philharmonie Berlin und am 5. Februar 2025 in der Alten Oper Frankfurt.


