Der Tieftöner aus der Streicherfamilie steht im nächsten „klassisch!“-Konzert im Mittelpunkt. Und ein Virtuose spielt am 26. Oktober im Stadthaus das Kontrabass-Recital: der 35-jährige Wies de Boevé aus Belgien, 2016 Gewinner des ARD-Musikwettbewerbs und Solo-Kontrabassist des Symphonieorchesters des Bayerischen Rundfunks.

Herr de Boevé, war der Kontrabass schon in jungen Jahren Ihr erstes Instrument?

Als ich fünf Jahre alt war, habe ich mit dem Geigenspiel angefangen. Ich komme aus einer großen Familie, habe fünf Geschwister, und alle haben ein Instrument erlernt. Einer meiner Brüder hat Kontrabass gespielt, schon bald aber wieder damit aufgehört. Das Instrument stand dann im Haus herum, und meine Eltern meinten, ich solle es doch einmal damit versuchen. Bis zu meinem siebzehnten Lebensjahr spielte ich Geige und Kontrabass parallel, dann habe ich mich für das große Instrument entschieden.  

Was fasziniert Sie so am Kontrabass?

Geschichtlich ist der Kontrabass deshalb so interessant, weil er sowohl zur Gamben- als auch zur Violinfamilie gehört. Und musikalisch ist er vielleicht sogar das meistbenutzte Instrument. Denken Sie nur an Richtungen wie den Jazz oder die Weltmusik! Das Cello spielt dort eher keine Rolle, wohl aber der Kontrabass. Mein Instrument ist letztlich paradox, denn es ist einerseits ein totaler Außenseiter, andererseits absolut essenziell für ganz viele Musikrichtungen und -stile.

Wann tritt der Kontrabass in der Musikgeschichte zum ersten Mal so richtig in Erscheinung?

Solistisch rückt er Mitte des 18. Jahrhunderts mit Joseph Haydns leider verloren gegangenem Kontrabasskonzert in den Fokus, und in der frühen Wiener Klassik erlebt er dann auch seine erste Blütezeit. In seiner langen Geschichte hatte der Kontrabass mal vier, fünf oder sechs Saiten, und er stand für alle möglichen Stimmungen. Kammermusikalisch tritt der Kontrabass aber schon ein Jahrhundert früher in Erscheinung, bereits bei Heinrich Ignaz Franz Biber gibt es sehr exponierte Kontrabass-Stellen.

Lassen Sie uns über die Werke sprechen, die Sie in Ulm spielen werden. Den Abend beginnen Sie mit „I Puritani“ von Giovanni Bottesini.

Bottesini war im 19. Jahrhundert nicht nur ein begnadeter Kontrabassist, sondern auch Dirigent und Komponist. Er selbst wollte als spielender beziehungsweise dirigierender Komponist gesehen werden, nicht als komponierender Spieler. Oft, wenn er eine Oper dirigierte, hat er zwischen den Akten Stücke für sein Instrument gespielt. „I Puritani“ hat er vermutlich als Zwischenmusik für Bellinis gleichnamige Oper komponiert und auch aufgeführt. Das Publikum war damals ganz wild darauf, Bottesini zu erleben. Er war ein Superstar, der die ganze Welt bereist hat.

Wer war Adolf Mišek, von dem Sie seine 2. Sonate für Kontrabass und Klavier aus dem Jahr 1911 spielen?

Mišek war wie Bottesini Komponist und Kontrabassist in Personalunion. Der Grund, warum es so viele komponierende Kontrabassisten gab, hängt mit dem mangelnden Repertoire zusammen. Was ich an Mišek besonders schätze, ist die Tatsache, dass er es war, der die ersten richtig großen Sonaten für das Instrument geschrieben hat. Er war dabei kein Erneuerer, seine Musik bewegt sich stets in romantischen Bahnen, auch und gerade in der leidenschaftlichen e-Moll-Sonate. Das Stück steht mir auch deshalb so nahe, weil es mich sehr beeindruckt hat, als ich es das erste Mal auf CD hörte. Für den Deutschen Musikwettbewerb hatte ich das Stück dann aber doch vorbereitet – und ihn damit dann auch gewonnen (lacht).

Den Namen Jacob Druckman und das Stück „Valentine“ für Solo-Kontrabass kennt man hierzulande auch kaum. Was hat es damit auf sich?

Druckman war ein sehr einflussreicher amerikanischer Dirigent und Komponist, der immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmitteln war. „Valentine“ ist sicherlich das für den Kontrabass wirkmächtigste Stück, das ich in Ulm spielen werde. Ich hatte schon lange vor, dieses Solo-Stück einzuüben, zumal mir auch mein Lehrer öfter gesagt hatte: „Wies, das musst du unbedingt einmal anpacken.“ Ulm wird übrigens die Premiere sein für mich, da konzertiere ich mit „Valentine“ dann wirklich zum allerersten Mal vor Publikum (lacht).

Was bedeutet der Titel „Valentine“?

Er bezieht sich auf die Liebe zwischen dem Instrument und seinem Spieler, die das Stück bei der Beschäftigung mit ihm entfacht. Das Werk ist extrem schwierig. Alle Farben und Töne, die dem Instrument zur Verfügung stehen, sind darin zu hören. Ich spiele es nicht nur mit dem Bogen, sondern benutze den Kontrabass auch wie eine Pauke und setze meine Stimme dazu ein, die Aufführung wird also eine echte Performance (lacht). „Valentine“ spiegelt auch den Zeitgeist der wilden 60er Jahre wider. Das Werk bricht dabei radikal mit Hörgewohnheiten. Klänge und Geräusche werden zur Kunst, die vorher nicht dazugerechnet wurden. Dabei ist „Valentine“ aber klug gearbeitet und bei aller Geräuschhaftigkeit sehr intim, es geht halt um die Liebe (lacht).

Die zwei Werke von Reinhold Glière, die Sie zum Schluss spielen, gehören auch zum Kernbestand Ihres Repertoires, richtig?

Auf jeden Fall! Es sind sogar die Stücke, die ich am meisten mit dem Kontrabass verbinde. Glière hat „Prelude & Scherzo“ und „Intermezzo & Tarantella“ für Sergei Kussewizki komponiert. Dieser russisch-amerikanische Dirigent, Komponist und Kontrabassist war im 20. Jahrhundert wichtig für das Instrument. Seine eigenen Werke sind eher weniger spannend, im Unterschied zu denen von Glière. Dessen Tonsprache ist stets moderat, er hat sich eher Tschaikowsky als Schostakowitsch angenähert.  In den Werken darf mein Instrument wieder in allen Farben und Klängen schwelgen – aber anders als bei Druckman (lacht).

Kontrabass-Recital in Ulm

Mit einem außergewöhnlichen Abend geht die „klassisch!“-Reihe im Stadthaus weiter: Am 26. Oktober (Mittwoch), 20 Uhr, gehört einem Kontrabassisten die Bühne. Wies de Boevé, 1987 in Belgien geboren, ist dann zu Gast, am Klavier begleitet von Tomoko Takahashi. Karten für das Kontrabass-Recital: SÜDWEST Presse + Hapag-Lloyd Reisebüro im Hafenbad, an allen Reservix-Vorverkaufsstellen und unter swp.de/ticketshop