klassisch!: Das Chaos String Quartet und die radikale Musik

Das Chaos String Quartet mit (von links): Sara Marzadori, Susanne Schäffer, Eszter Kruchió und Bas Jongen im Ulmer Stadthaus.
Volkmar Könneke- Chaos String Quartet beeindruckt mit Werken von Bach bis Ligeti im Ulmer Stadthaus.
- Das Konzert umfasst Bachs „Contrapunctus“, Beethovens Große Fuge und Ligetis 2. Streichquartett.
- Höhepunkte: improvisierte Zwischenspiele und eine Zugabe von Piazzollas „Primavera Porteña“.
- Das Ensemble aus Wien begeistert mit technischer Exzellenz und emotionaler Darbietung.
- Publikum reagiert begeistert, Tango-Zugabe wird bejubelt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
„Weil sie brav durchgehalten haben, spielen wir jetzt noch eine Zugabe von Astor Piazzolla“, kündigt Eszter Kruchió fröhlich an: „Primavera Porteña“, den „Frühling“ aus den „Vier Jahreszeiten“ des Argentiniers. Nein, so schlimm war's natürlich nicht. Aber ein außergewöhnliches, ein so forderndes wie begeisterndes Konzert der Reihe „klassisch!“. Und ja, stimmt schon: Ein großes Publikum, das höchst konzentriert das 2. Streichquartett von Györgi Ligeti verfolgt, das war metropolenreif.
Es gibt religiöse, es gibt physikalische Schöpfungsgeschichten: Wie ist unsere Welt entstanden? Welches Chaos herrschte im Kosmos? Viele musikalische Gedanken darüber macht sich das junge, vielfach ausgezeichnete Chaos String Quartet aus Wien, das jetzt in einem spannend durchdachten Programm im Ulmer Stadthaus davon erzählte, wie die Komponisten sich diesen Urzustand und die Explosion der Elemente ausmalten, oder wie sie, in unserer Zeit, klangvoll mit naturwissenschaftlichen Erkenntnissen experimentierten. Oder wie sie, mit ganz unterschiedlichem Erfolg, versuchten, eine Ordnung zu schaffen im unfassbar Möglichen: von Johann Sebastian Bachs „Contrapunctus“ zu Ludwig van Beethovens Großer Fuge B-Dur, einer geradezu atemraubenden Verzweiflungstat des Klassikers.
Ein Streichquartett-Abend unter der Überschrift „geordnetes Chaos“, mit moderner Schärfe und Klangakribie und ebenso historisch informiert gespielt: von Jean-Fery Rebels „Le Chaos“ und Jean-Philippe Rameaus Ouvertüre aus „Zaîs“ aus dem frühen Barock bis in die Gegenwart, zu Alfred Schnittkes harmonisch geschichtetem, collagiertem Andante aus dem Streichquartett Nr. 3 und eben Ligeti. Ein Programm als intellektueller Vortrag: aber gleichermaßen emotional, empathisch und mit exzellenter Technik dargeboten von Susanne Schäffer (1. Violine), Eszter Kruchió (2. Violine), Sara Marzadori (Bratsche) und Bas Jongen (Violoncello).
Pantomimische Einlagen
Doch im Grunde ging's um noch etwas ganz anderes: Das Chaos String Quartet zeigte beispielhaft auf, wie Komponisten radikal und kompromisslos ihre Musik erschaffen, wie sie Grenzen ausloten. Da ist ein Rebel so modern wie ein Beethoven oder ein Ligeti. Dessen 2. Streichquartett war 1968 entstanden, als die Kollegen in Studios für elektronische Musik neue Töne erforschten. Aber der Ungar übertraf sie mit den Mitteln des analogen Streichquartetts: unerhörte Klangflächen, Bewegungsmuster, von zartestem Pizzicato zu schroffesten Attacken.
Und dann überraschte das aus Wien angereiste Ensemble auch noch mit improvisierten Zwischenspielen, humoristisch selbstreferenziellen über das mögliche Chaos in einem Streichquartett: pantomimisches Ein- und Ausatmen (wer gibt den Einsatz?) oder ein ungläubiger Diskurs: „Große Fuge“?
Ein außergewöhnliches, stark beklatschtes Konzert. Und die Belohnung, der Piazzolla in eigener Bearbeitung? Ein mitreißender Tango, bejubelt. Aber eben auch ein kompromisslos modern komponiertes Werk.