Das Bennewitz Quartett gilt in der internationalen Kammermusikszene als ein herausragender Kulturbotschafter Tschechiens. Die Musiker aus Prag waren schon zu Gast bei den großen Festivals in Salzburg oder Luzern und spielen im November auch wieder in der Elbphilharmonie. Im Stadthaus spielen sie am Mittwoch nächster Woche, 17. November, 20 Uhr, Werke der von den Nazis ermordeten jüdischen Komponisten Hans Krása und Erwin Schulhoff. Und dazu große Klassik und Romantik: Streichquartette von Haydn und Dvorak. Ein Gespräch mit Stepan Jezek, dem zweiten Geiger.

Erzählen Sie uns die Geschichte des Bennewitz Quartetts und seines Namens?

Stepan Jezek: Die Initiative ging 1998 von einem meiner Freunde aus, und ein alter Violinlehrer sagte zu ihm: „Schau, du bist doch sehr nahe von Privrat, dem Geburtsort von Antonin Bennewitz, geboren.“ Bennewitz war ein böhmischer Geiger, der sein eigenes Quartett besaß und sehr einflussreich war. Als Lehrer hat er eine ganze Generation an guten Geigern musikalisch großgezogen, unterrichtet und begleitet. Auch drei Mitglieder des Böhmischen Quartetts – das war das erste international bedeutende Streichquartett unseres Landes – sind Schüler von Bennewitz gewesen, darunter Josef Suk.

Wussten Sie von Anfang an, in welche Richtung Sie sich als tschechisches Ensemble bewegen wollten?

Ganz am Anfang hatten wir noch gar keine Ahnung, wer wir als Quartett überhaupt sind. Wir spielten einfach so gut, wie wir konnten (lacht). Aber nach drei, vier Jahren, als wir unser Studium beendet hatten, fingen wir an, bei unterschiedlichen Quartetten Meisterklassen zu besuchen – und trafen dabei auf jemanden, mit dem sich die künstlerische Kooperation als besonders fruchtbar herausstellte: Rainer Schmidt vom Hagen Quartett. Wir waren völlig fasziniert von der Art und Weise, wie er mit uns umging. Insofern empfinden wir uns nicht als ein typisch tschechisches Quartett, da wir doch sehr im Sinne des deutschen Streichquartett-Repertoires – Haydn, Mozart, Beethoven, Schubert, Mendelssohn, Schumann, Brahms – aufgewachsen und geprägt worden sind.

Dann sind Sie sozusagen ein tschechisches Quartett mit deutschen Wurzeln?

Was uns wohl wirklich besonders macht, ist, dass wir uns die Werke unserer Heimat auf der deutschen Grundlage erarbeitet haben. Und dies ist untypisch für tschechische Ensembles, die normalerweise gerade andersherum beginnen. Sie starten mit Smetana und Dvorak – und dann schauen sie mit ihrer tschechischen „Brille“ auf das klassische Repertoire. So gesehen war und ist unser Weg ziemlich unorthodox, was bei unserem heimischen Publikum auch manchmal für einige Überraschungsmomente sorgt.

Lassen Sie uns über das Programm sprechen, das Sie in Ulm spielen werden. Sie beginnen zum Aufwärmen mit einem Quartett von Haydn…

Haydn ist nicht zum Warming Up! Wie viele andere Ensembles auch beginnen wir mit Haydn, weil er das Streichquartett „erfunden“ und die Tradition begründet hat – und das vom Start weg auf höchstem Niveau. Das C-Dur-Quartett op. 54/2 ist solistisch und virtuos konzipiert. Besonders auffallend sind die Ecksätze des Werks, die mit Themenkontrasten und kontrapunktischen Finessen arbeiten. Wir lieben dieses Werk sehr.

Als nächstes spielen Sie zwei Werke aus dem 20. Jahrhundert, zunächst „Thema und Variationen“ von Hans Krása.

Dieses Variationswerk verbreitet die verträumte Aura der Schwarzweiß-Filme aus der „guten alten Zeit“ – wie romantisch es damals doch noch war. Und der Song „Youth at Play“ spielt eine Rolle: So beginnt das Werk sehr süß, aber dann wird die Bearbeitung doch sehr modern, so dass die Variationen an verschiedenen Stellen regelrecht „wild“ werden können.

Sind die „Fünf Stücke für Streichquartett“ von Erwin Schulhoff aus dem gleichen Holz geschnitzt?

Das ist auf jeden Fall auch ein ganz fantastisches Werk. Die „Fünf Stücke“ sind wie ein Mosaik verschiedenster Charaktere. Schulhoff ist einer der wenigen Komponisten, der Haydn auf eine Art sehr ähnlich ist: weil er es geschafft hatte, Humor in seine Stücke einzuflechten, ohne dabei peinlich zu werden. Schulhoff hatte die „Fünf Stücke“ Darius Milhaud gewidmet, was viel über die Komposition aussagt, da sie ähnlich frech, charmant und prägnant geschliffen ist wie die des Franzosen, der auch gut mit Humor umgehen konnte.

Es folgt ein absolutes Highlight böhmischer Quartettkunst: Dvoraks letztes Streichquartett op. 106 in G-Dur. Was bedeutet es Ihnen?

Ich bin sehr glücklich darüber, dass wir Opus 106 spielen können und nicht das „Amerikanische Streichquartett“ von Dvorak spielen müssen, das oft von uns verlangt wird. Dvorak wird ja oft auf wenige Werke reduziert, auch auf die 9. Sinfonie „Aus der Neuen Welt“, das Cellokonzert, das Dumky-Trio. Das ist sehr schade, denn gerade sein letztes Quartett ist ein absolutes und dabei sehr komplexes Meisterwerk aus der Zeit, in der er zum großen sinfonischen Komponisten avancierte. Die Melodien sind so wundervoll gestaltet,  er wusste immer ganz genau, wo die Grenze zum Kitsch verläuft.

Streichquartette im Stadthaus

Kammermusik im Stadthaus: In der Reihe „klassisch!“ spielt das Bennewitz Quartett am Mittwoch, 17. November, 20 Uhr, Werke von Joseph Haydn, Hans Krása, Erwin Schulhoff und Antonin Dvorak. Karten im SÜDWEST PRESSE Hapag Lloyd Reisebüro (Hafenbad 4) und auf www.swp.de/ticketshop