Jazzopen Stuttgart 2025
: Kraftwerk wecken die Sehnsucht nach der Zukunft von gestern

Die Düsseldorfer Techno-Pioniere klingen trotz ihres betagten Repertoires auf dem Schlossplatz sehr gegenwärtig. Nur das Publikum zieht nicht recht mit.
Von
Marcus Golling
Stuttgart
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Willkommen in der "Computerwelt": Kraftwerk bei den Jazzopen, links Mitgründer Ralf Hütter.

Willkommen in der „Computerwelt“: Kraftwerk bei den Jazzopen, links Gründungsmitglied Ralf Hütter.

Leonie Helbich
  • Kraftwerk performte 2025 bei den Jazzopen Stuttgart vor 7000 Zuschauern am Schlossplatz.
  • Ihr betagtes Repertoire, u. a. „Das Model“, klang durch Neuinterpretationen modern.
  • Visuelle Effekte zeigten nostalgische Szenen, z. B. alte Autos auf der „Autobahn“.
  • Publikum blieb zurückhaltend; Schwerpunkt lag auf Konzeptkunst statt Tanzmusik.
  • Thema „Sehnsucht nach früherer Zukunft“ prägte den Auftritt, inkl. Hit „Die Roboter“.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Sternstunden lassen sich nicht einfach wiederholen. Kreist ja auch nicht immer ein Kraftwerk-Fan im Orbit. 2018 wurde Astronaut Alexander Gerst live aus dem Columbus-Labor der ISS zugeschaltet und spielte mit der Band bei den Stuttgarter Jazzopen „Spacelab“. Ein Moment für die Musikgeschichtsbücher, in denen Kraftwerk ohnehin schon ein wichtiges Kapitel füllen: Die Düsseldorfer sind für die Populärmusik der Gegenwart in etwa so wichtig wie die Beatles. Ohne ihre Pionierarbeit gäbe es keinen Synthie-Pop, keinen Techno, womöglich gar keine elektronische Tanzmusik, wie wir sie heute kennen.

Es braucht theoretisch also keinen Astronauten, um ein Konzert der 1970 gegründeten Gruppe auf dem Stuttgarter Schlossplatz zum Ereignis zu machen. Es genügt die Realpräsenz des Quartetts, von dem freilich nur noch Ralf Hütter ein Original ist. Der mittlerweile 79-Jährige steht am linken der ikonischen vier Pulte: Da tun vier Männer in identischen Outfits nicht identifizierbare Dinge. Mensch-Maschinen eben, keine Stars. Mehr Konzeptkunst als Pop-Ereignis.

Das „Spacelab“ fliegt am Fernsehturm vorbei

Echte Aktion – etwa der Flug des „Spacelab“ am Fernsehturm vorbei zu den an diesem Abend ausverkauften Jazzopen – passiert ausschließlich auf den Screens. Normalmenschlich wird es nur, wenn der Techniker sich von hinten anschleicht, um die zickigen Leuchtanzüge der Musiker zu reparieren, was ausgerechnet bei Hütter nicht hinhaut.

Das überwiegend reife Publikum reagiert zurückhaltend auf das Konzert: Die meisten der gut 7000 Besucherinnen und Besucher sind offenbar eher wegen „Das Model“ gekommen als wegen der Dance-Historie. Der wuchtige Sound im Ehrenhof mit den Surround-Effekten löst wenig Bewegung aus.

Schade, denn Kraftwerk arrangieren ihr (in den 80ern weitgehend abgeschlossenes) Werk immer wieder um, fügen es anders zusammen, interpretieren es neu – und verbinden es so mit der jeweiligen Gegenwart. Ein Stück wie „Radioaktivität“ ist genauso sehr ein Artefakt der 70er wie ein Techno-Track von heute. Die Liste der Störfälle im Text enthält inzwischen auch die Havarie von Fukushima.

Auf der „Autobahn“ rasen noch keine SUVs

Gleichzeitig spielen Kraftwerk visuell mit der Betagtheit ihrer Musik. Zu „Das Model“ präsentieren Mannequins von anno dazumal glitzernde Kleider im Schwarzweiß, auf der „Autobahn“ rasen noch keine SUVs, sondern cruisen alte Mercedes-Limousinen und Käfer. Optisch ist das alles eher Playstation 1 als Quantencomputer: monochrome Pixelwolken und Polygone statt KI-generierte Hyperwirklichkeit.

Manches, was in den großen Jahren von Kraftwerk Utopie war, wird heute schon wieder abgeräumt. Weltweit füllen Staaten ihre Atomarsenale, das polyglott-geeinte Europa aus dem „Trans Europa Express“ zerbricht an neuen Nationalismen, das Weltall ist ein Spielplatz zynischer Multimilliardäre. Sehnsucht nach einer Zukunft von gestern: Wenn Kraftwerk als Zugabe nach rund zwei Stunden „Die Roboter“ spielen, wird einem fast warm ums Herz.