Natürlich hätte man Helene Fischer auch dieses Wunder zugetraut. Fünf Minuten vor dem Konzert, nach Stunden des Regens auf dem Messegelände in München-Riem, scheint sich für einen Moment alles zum Guten zu wenden, rechts von der gigantischen Bühne leuchtet gelb-rot die Abendsonne, links ist schon zart ein Regenbogen zu erkennen. Gerade hatte noch Fischer-Ex Florian Silbereisen in der Funktionsjacke die Menge heiß gemacht und „den geilsten Abend, den es jemals gab“ versprochen. Gleich würde der Megastar des deutschen Schlagers herauskommen, die Wolken würden sich teilen und statt vom Himmel würde das Wasser nur noch aus den staunenden Augen der rund 130 000 teils von weither angereisten Fans tropfen, Tränen des Glücks und der Erleichterung über das hollywoodreife Happy End. Was hatten sie nicht alles durchgemacht in den vergangenen Stunden: Starkregen, Flucht in die Messehallen, sogar eine Absage stand zwischenzeitlich im Raum.
Doch das himmlische Wunder fällt aus, es regnet weiter, die Plastikponchos bleiben, die teils knöcheltiefen Teiche auf dem Areal auch. Die ganz Harten feiern trotzdem, aber das einzige Konzert des Schlagerstars in diesem Jahr in Deutschland ist nicht das ausgelassene Fanfest, das sich viele gewünscht hatten. Was nicht an Helene Fischer liegt, die, nachdem ihre Band sich schon ein bisschen warmgerockt hat, plötzlich aus dem Bühnenboden erscheint, makellos wie immer, gesund gebräunt, in einer Art Fischernetz-Body mit Goldglitzer drunter und wehenden Fransen unten dran. Dreimal wird sie sich später noch umziehen.

„Mein Herz zerspringt in alle Teile“

„Genau dieses Gefühl, hab ich immer nur, wenn wir zusammen sind, genau dieses Gefühl, egal, ob Tage oder Jahre vergangen sind“, der Text zur Wiederkehr, und um Gefühl geht es ja immer bei Fischer, deren Songs nicht nur Diskotheken und Bierzelte, sondern auch Herzen in Bewegung bringen. Ihr eigenes natürlich ebenfalls, das nach den ersten paar Nummern im Regen vermutlich bereits ein bisschen schneller pumpt. „Mein Herz zerspringt in alle Teile“, fasst sie ihr Comeback-Glück zusammen. Und verspricht: „Ich bin für euch da und nur für euch.“
Helene Fischer tut persönlich alles, um diesen Eindruck zu erwecken, aber auf dem riesigen Areal zwischen Messehallen und Autobahn stellt sich das beschworene Wir-Gefühl nicht ein. Wer weiter hinten steht oder auf einer der drei extra aufgebauten Tribünen sitzt, hatte kaum mehr das Gefühl, an einem Konzert teilzunehmen, höchstens noch das, mit Fischer in derselben Stadt zu weilen.

Zu „Flieger“ hebt Helene Fischer ab

Die Bühne ist gewaltig, doch was auf ihr geschieht, lässt sich oft nur erahnen. Auf den riesigen Screens sieht man fast immer nur die Sängerin selbst, die Tänzer, die Band, sie bleiben Nebendarsteller der Helene-Show, die nur was die physischen Ausmaße angeht groß ist. Den „Cirque du Soleil“ hatten die Fans nicht erwartet, aber ein bisschen mehr Akrobatik schon. Einmal hebt Helene Fischer ab, zu „Flieger“ natürlich, eingespannt zwischen Seilen, es geht hin und her, aber der Flug erreicht nur die vorderen Reihen.
Für eine Künstlerin, die mit ihren Hallenauftritten Maßstäbe in Sachen Show-Aufwand gesetzt hat, ist das Riem-Open-Air nur Normalmaß – ein Selbstläufer war es auch nicht. Monatelang war von 150 000 Tickets die Rede, am Freitag verkündete der Veranstalter Leutgeb Entertainment Group, dass München ausverkauft ist, mit plötzlich nur noch 130 000 Menschen. Im (Post-)Corona-Jahr 2022 kämpft die Veranstaltungsbranche mit Absatzproblemen, Leutgeb hatte für Andreas Gabalier zwei Wochen zuvor auch „nur“ 90 000 Tickets verkauft, aber dass sogar die Schlagergöttin davon betroffen sein würde, ist doch überraschend.
Oder steckt doch mehr dahinter? Helene Fischers jüngstes Album „Rausch“ erreichte längst nicht mehr die Zahlen der beiden Vorläufer, das lag sicher an der Pandemie, aber vielleicht auch daran, dass sich die mittlerweile 38-Jährige nicht mehr komplett wohlfühlt im Kostüm der netten Schlagersängerin. Die ausgebildete Musicaldarstellerin wollte immer ein Popstar sein – und auf der Münchner Messe merkt man, dass sie den Traum nicht aufgegeben hat. Da sind noch Schunkelhits wie „Und morgen früh küss ich dich wach“, aber die neuen Songs wollen anders sein, verrucht-sexy wie „Vamos a marte“ oder globaler Disco-Pop wie „Liebe ist ein Tanz“.

Michael Jackson winkt bei „Atemlos“

Und selbst die bekannten Hits bekommen ein neues Finish, „Fehlerfrei“ wird zum Hybrid mit dem 90er-Hit „Gonna Make You Sweat“, „Nur mit dir“ endet in Coldplay-Euphorie. Und sogar „Atemlos“ hat sich verändert: Es startet auf einem ziemlich edlen Elektro-Beat und endet als Rock-Feuerwerk zu sprühenden Flammen, zwischendurch singt Fischer zweimal „Dirty Diana“ hinein, aus dem Gitterkorb wie Michael Jackson einst bei „Wetten, dass..?“.

Stuttgart

Helene Fischer ist nicht mehr dieselbe Frau, als die sie vor der langen Pause die Bühne verlassen hat. Sie selbst sagt, etwas gespreizt, dass das an ihrer „neuen Situation“ liege und fügt dann, als der Applaus nur mager ausfällt hinzu: „Ich bin Mama geworden.“ Aber auch die Welt hat sich geändert, und die gebürtige Russin will dazu nicht schweigen, auch wenn ihr politische Worte immer schwer über die Lippen gehen. Alle wünschten sich nur Gerechtigkeit, Liebe und Frieden, sie spricht vom „auch für mich unerklärlichen Krieg“. Sie sagt nichts von Russland oder Ukraine, aber die Fans verstehen.
Es ist ein ernster Moment in einem Konzert, das allen Besuchern in Erinnerung bleiben wird. Als gigantisches Event, als Technik-Spektakel – aber nicht unbedingt als Fest der Gefühle. Das gibt es dann vielleicht 2023 wieder: Im März startet Helene Fischer eine große Hallentournee.

Teures Vergnügen

Für das Konzert auf der Messe München mussten die Fans ganz schön viel Geld hinblättern: Normale Tickets kosteten rund 200 Euro, für frühen Einlass konnte man noch einige Euro drauflegen. Wer eine VIP-Karte für circa 600 Euro erworben, saß trotzdem im Regen – und auf der Tribüne ziemlich weit weg vom Geschehen.
Es war eine Veranstaltung von seltenen Ausmaßen: 150 Meter breit war die Bühne, Dutzende Kameras und 5000 Helfer waren im Einsatz für Vergnügen und Sicherheit der rund 130 000 Besucherinnen und Besucher.