Gossip in Wiblingen: Tante Beth macht früh Feierabend

Haben noch immer "Real Power", allerdings nicht bis zum Schluss: Gossip in Wiblingen.
Marcus GollingDas Kloster Wiblingen ist nicht nur dekorativ, es hat auch eine Botschaft. Zumindest für Beth Ditto steht das Gemäuer für die Kirche an sich, und mit der hat eine queere Truppe wie ihre Band Gossip so ihre Probleme. „Wir erkennen dich an“, spricht sie die alten Steine direkt an, „jetzt wird es Zeit, dass du uns anerkennst.“ Für ein paar Jahre war Beth Ditto eine Ikone, für die LGBT-Szene, für selbstbewusste Weiblichkeit, für Body Positivity. Sie war ein Star, 2010 nahm sie sogar auf der „Wetten, dass..?“-Couch (beziehungsweise auf Hansi Hinterseer) Platz.
14 Jahre später steht sie mit ihrer wiedervereinten Band auf der Bühne im Klosterhof und wäre gerne „the world's Tante", wie es die inzwischen 43-Jährige formuliert. Sind auch andere Zeiten, rund 1200 Fans sind gekommen, in den Hof würden fünfmal so viele passen. Das im Frühjahr erschienene Comeback-Album „Real Power“ ist gut, konnte aber an die Erfolge von Hits wie „Heavy Cross“ nicht anknüpfen.
Die Ikone hat vielleicht an Zugkraft verloren, die verrückte Nudel ist sie aber noch gerne. Knapper Glitzerbody, orangefarbene Perücke, dickes Make-up: Ditto kommt als kugeliger Disco-Avatar auf die Bühne, frotzelt und giggelt mit ihrer Band und dem Publikum. Tante Beth, der man die Südstaaten-Herkunft deutlich anhört, hat Spaß an deutschen Wörtern. Und sie singt mit ihrer wuchtigen Soulstimme, als ginge es um alles. Sonst aber geht es brav zu, vielleicht liegt es doch am Kloster.
Die Original-Drummerin lässt sich vertreten
Gossip stehen in Wiblingen zu fünft auf der Bühne, von der Dreiertruppe ist nur Gitarrist Nathan Howdeshell dabei, Drummerin Hannah Blilie lässt sich vertreten, dafür zupft Dittos neuer Partner, der Transmann Ted Kwo, den Bass. Einen guten Groove hat die Band, der Disco-Part funktioniert, nur der Punk kommt im etwas dumpfen Sound zu kurz. Dafür bekommt das im Original arg polierte „Move in the Right Direction“ eine schön raues Finish. „Standing in the Way of Control“ ist eh ein Brecher, in Wiblingen packt Ditto noch ein bisschen „Smells Like Teen Spirit“ hinein. Großer Jubel.
Nach einer kurzen Pause kommen Gossip zurück, Ditto wirft ihre Perücke weg – aber leider ist, nach nur etwa 80 Minuten, auch die Energie futsch. Hitze? Jetlag? Enttäuschung? Die zwei ruhigeren Nummern verpuffen, bleibt noch „Heavy Cross“. Aber auch das hat man von Gossip auch schon ganz anders gehört.
