Bombastische Bühnenshows, zehntausende Menschen, die dicht gedrängt und ekstatisch ihre Lieblingsbands feiern, Zelte und Pavillons, so weit das Auge reicht: Es wirkt zu Beginn surreal, was sich da auf dem Nürnberger Zeppelinfeld zuträgt. Zwei Jahre in Folge war wegen der Corona-Pandemie an große Musikfestivals nicht zu denken. Doch am Pfingstwochenende hat das Warten ein Ende: Deutschlands größtes Zwillingsfestival startet durch. Rock am Ring in der Eifel und der „kleine Bruder“ Rock im Park in Franken.
Dabei ist „klein“ relativ: 75 000 Besucher meldet der Veranstalter für die 26. Ausgabe. Die meisten haben schon vor zwei, drei Jahren ihr Ticket gekauft und mussten es zweimal „swappen“, also aufs jeweilige Folgejahr umschreiben, sowie den entsprechenden Nachweis mitführen.
Doch abgesehen davon und von übers Festivalgelände verteilten Desinfektionsmittelspendern erinnert vor Ort nichts mehr an die Pandemie. Die Festivalisten zelebrieren die Abkehr von einer Realität, die für sie zuletzt phasenweise schwer zu ertragen war. Das galt auch für die ganze Veranstaltungsbranche, die ohne staatliche Hilfen wohl vollends in die Knie gegangen wäre.

Eine neue Zeitrechnung

So bricht in Nürnberg eine neue Zeitrechnung an, die sich ganz wie die vorpandemische Vergangenheit anfühlen soll – und es doch nicht überall tut. Argo-Konzerte, eventimpresents und DreamHaus haben die Großveranstaltung nämlich auf vielen Ebenen weiterentwickelt. Die Besucher tragen Armbänder mit einem Chip, auf den Geldbeträge geladen werden können. So ist das Infield gänzlich bargeldlos, was den Ablauf an den zahlreichen Essens- und Getränkeständen erleichtert. Die Kehrseite der Medaille: Das Trinkgeld fürs Thekenpersonal dürfte merklich kleiner ausfallen in diesem Jahr.
Ebenfalls neu: Themen wie Umweltschutz und respektvolles Miteinander werden deutlich stärker in den Mittelpunkt gerückt. Mitarbeiter sammeln vom ersten Tag an Müll auf den Campingplätzen, und wer sich auf irgendeine Weise bedrängt fühlt, kann von einem der „Awareness-Teams“ nach „Panama“ begleitet werden, eine Art geschützter Rückzugsraum auf dem Festivalgelände.
Musikalisch gelingt es den Veranstaltern weitestgehend, ihr für 2020 geplantes Programm zu halten. Der ursprünglich geplante Headliner System Of A Down fiel aus dem Programm, dafür liefern Volbeat, Green Day und Muse bombastische Rockshows ab und lassen sich von ihren Fans feiern. Überhaupt finden sich viele Namen im Programm, die schon auf historischen Festivalplakaten zu lesen sind. Placebo etwa, aber auch The Offspring und Korn. Fürs junge Publikum performen Marteria, Casper und viele weitere der insgesamt 67 Künstler, die drei Tage lang drei Bühnen bespielen. Sie liefern den Soundtrack zu einem triumphalen Auftakt der deutschen Rockfestival-Saison.