Der erste Hauch von Frühling lag schon in der Luft – aber unmöglich: Zur Berlinale gehört der eisige Berliner Winter, der Menschen in die Kinos treibt. Warme Gefühle auf der Leinwand, bunte Lichter am Potsdamer Platz, ein Hauch von Glamour an diesem unwirtlichen Ort: So ist die Berlinale. Vielleicht dieses Jahr ein bisschen milder, ein bisschen weiblicher und ein bisschen grüner.
So besteht der Rote Teppich 2019 laut Bundesentwicklungsministerium aus Meeresmüll, recycelten Fischernetzen und abgenutzten Teppichen. Statt im Magen von Fischen landet der Plastikschrott auf Berliner Asphalt, unter den Absätzen der Prominenz, die am Eröffnungsabend erwartet wird.
Ob sich die ein Beispiel genommen hat: Fleecejacken aus recyceltem Plastik und das kleine Schwarze aus fairer Produktion?  Iris Berben, die ganz in Rot erscheint, könnte sich ein Stück vom Teppich abgeknapst haben. Auch Meret Becker könnte vom Thema inspiriert worden sein. Ihr aufregender Jumpsuit scheint  aus  glänzenden Fischschuppen zu bestehen. Ansonsten sind viele elegante, schwarze Kleider zu sehen – wie bei Sibel Kekilli – und reichlich Glitzer.
Vor Beginn seiner letzten Berlinale hat Direktor Dieter Kosslick betont, dass private Entscheidungen politisch seien: Soll es ein billiges T-Shirt sein oder ein teures, faires? Das Leitthema der diesjährigen Berlinale lautet: „Das Private ist politisch“. Wie der Teppich ist auch dieser Spruch recycelt – und trotzdem aktuell, wie der Eröffnungsfilm „The Kindness Of Strangers“ der Dänin Lone Scherfig eindrücklich demonstriert.
Scherfig portraitiert Menschen in New York, die allesamt einsam und verloren wirken – und am Rande des Scheiterns stehen. Da ist die junge Clara (Zoe Kazan), die mit ihren beiden Söhnen vor ihrem brutalen Mann in die Stadt flieht. Da ist die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough), die sich mit mehreren Jobs über Wasser hält. Da sind der kürzlich aus dem Gefängnis zurück ins Leben katapultierte Marc (Tahar Rahim) und sein Anwalt John Peter (Jay Baruchel), der es nicht verkraftet, schuldige Täter zu verteidigen. Sie alle schlagen sich durchs Leben. „Ich habe eine Vorliebe für Charaktere, die nicht besonders heroisch sind“, erklärt Lone Scherfig bei der Pressekonferenz. Ihre Protagonisten verfolgen private Ziele. Und trotzdem ist das Politische greifbar. Das Leben gleicht einem Balanceakt in schwindelnder Höhe. Ohne soziales Sicherungsnetz führt es direkt vom Kaviar zur Suppenküche. Der Staat erscheint dabei wenig hilfreich.
Rettung bringen zufällige Begegnungen mit Fremden. „The Kindness of Strangers“ gerät so zu einer melancholischen, tief schürfenden, aber optimistischen Hommage an die Menschlichkeit. Die aufmerksamen, zarten Beziehungen zwischen den Protagonisten stehen im Gegensatz zu einer Welt, die nicht vorkommt, aber trotzdem präsent ist: etwa die aufgeheizte Stimmung der Weltpolitik und die Beleidigungs-Kultur auf Social-Media-Plattformen.
Scherfig war schon mehrmals auf der Berlinale zu Gast. 1991 wurde ihr Debütfilm, „The Birthday Trip“, in der Sektion Panorama gezeigt. „Italienisch für Anfänger“ (2000) wurde mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Auch „Wilbur Wants To Kill Himself“ (2002) und „An Education“ (2009) liefen hier.
Unter den 17 Regisseurinnen und Regisseuren, die ins Rennen um die Bären gehen, sind prominente Namen wie der Franzose François Ozon, die Spanierin Isabel Coixet und die Polin Agnieszka Holland zu finden. „The Kindness of Strangers“ ist einer der sieben Wettbewerbs-Beiträge von Frauen. Noch ist das Geschlechter-Verhältnis damit nicht ausgeglichen – aber vielleicht auf dem Weg dorthin. Kosslick kündigte an, während des Festivals die Erklärung „50/50 2020“ zu unterschreiben. Es wird an seinen Nachfolgern – ein Mann und eine Frau – sein, die Ziele umzusetzen.

Grütters rügt deutsche Filmindustrie

Mit Blick auf ein dramatisch schlechtes Kinojahr hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters der Filmbranche ins Gewissen geredet. „Zur Wahrheit gehört, dass wir 2018 nicht nur viel Sonne, sondern auch wenig zugkräftige Filme hatten – auch zu wenig zugkräftige Filme aus Deutschland“, sagte die CDU-Politikerin in Berlin während des Produzententages zu Beginn der Berlinale. 2018 war die Zahl der Kinobesucher um knapp 14 Prozent eingebrochen.

Grütters sprach von „einem gewissen Missverhältnis zwischen Investition und Ertrag“, zwischen deutscher Filmförderung und Zug- und Strahlkraft sowie der Zahl deutscher Filmerfolge. „Wenn eine Branche derart massiv mit Steuergeld unterstützt wird wie die Filmbranche, darf und muss auch nach dem Nutzen dieser Förderung gefragt werden.“ Die Fördertöpfe seien gut gefüllt, das solle auch so bleiben. Es müsse aber über die Verteilung von Förderung gesprochen werden. Deswegen will Grütters im ersten Halbjahr 2019 an einem runden Tisch mit allen Verantwortlichen über Änderungen sprechen. dpa