Roger Waters wird häufig wegen seiner politischen Äußerungen und Aktionen kritisiert. Wie Israel die Palästinenser behandelt, vergleicht er mal mit dem früheren südafrikanischen Apartheid-Regime, mal mit den Nazis und ihren jüdischen Opfern. Der 79-jährige Musiker, der einst die Mega-Band Pink Floyd mit formte, ist für die BDS-Bewegung (Boycott, Divestment and Sanctions) aktiv. Diese ruft dazu auf, Israel wirtschaftlich, politisch und kulturell zu boykottieren. Auch zum Krieg in der Ukraine hat er eine klare Meinung: US-Präsident Joe Biden sei ein „Kriegsverbrecher“, sagte er unlängst in einem Interview. Die Nato sei schuld an dem Konflikt, sie habe ihn durch ihre Osterweiterung bis an die russische Grenze begonnen.

OB Reiter ist schockiert

Die Münchner Stadtspitze hatte sich schon vor vier Jahren mit Waters angelegt, weil sie seinen Auftritt in der Olympiahalle ablehnte – er spielte dennoch. Umso schockierter waren nun OB Dieter Reiter (SPD) und seine zwei Bürgermeisterinnen, als sie erfuhren, dass die städtische Betreibergesellschaft des Olympiageländes die Halle im Mai 2023 erneut vermietet hat – an Waters, der dann auf Europatour sein wird.
„Ich hatte davon keine Kenntnis“, sagt Reiter in einem Statement. Dass das Konzert auf städtischem Grund stattfinden soll, „irritiert mich sehr“. Ähnlich äußern sich Katrin Habenschaden (zweite Bürgermeisterin, Grüne) sowie Verena Dietl (dritte Bürgermeisterin, SPD), die meint: „Es hat keiner gewusst, es wurde nicht thematisiert“.

Schwierige Rechtslage

Intern kracht es nun heftigst. Nils Hoch, Vize-Geschäftsführer der Olympiapark-Gesellschaft, sagt nur, dass das gelte, was er schon zu Wochenbeginn gesagt habe. Das Thema werde aber „weiter besprochen“. Laut Hoch ist die Rechtsabteilung der Gesellschaft zum Ergebnis gekommen, dass man sich der Anfrage der Waters-Konzertveranstalter nicht verweigern könne. Denn das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig hatte Anfang des Jahres in einem Rechtsstreit zwischen einem BDS-Vertreter und der Stadt München entschieden, dass die Kommune einen Saal für eine BDS-Veranstaltung zur Verfügung stellen muss.

Propaganda, Kunst und Kommerz

Gilt das aber auch für ein Konzert vor 15 000 Menschen, auf dem vermutlich auch BDS-Propaganda betrieben wird, das aber vor allem eine künstlerische und kommerzielle Angelegenheit ist? Dazu will derzeit niemand eine Einschätzung geben. Schweigen herrscht auch zur Frage, warum die Gesellschaft niemandem vorher Bescheid gesagt hat. „Zukünftig müssen sensible Konzerte im Aufsichtsrat besprochen werden“, sagt Bürgermeisterin Dietl.

Große Künstler mit kruden Ansichten

„Wish You Were Here“, „Shine On You Crazy Diamond“, „Comfortably Numb“ – Pink Floyd hat mit Roger Waters und seinem Kollegen und Gegenspieler David Gilmour Rock-Geschichte geschrieben. Doch immer wieder kommt die Frage auf, wie man mit großen Künstlern umgehen soll, die krude oder gar gefährliche Ansichten vertreten. Im März setzte man in München den Philharmoniker-Chefdirigenten Valery Gergiev vor die Tür, weil dieser sich als Putin-Freund nicht vom russischen Angriff auf die Ukraine distanzierte.
Der Fall Waters ist für die Wissenschaftlerin Miriam Heigl klar. Sie leitet in München die „Fachstelle für Demokratie“, die über Rechtsextremismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit aufklärt. „Roger Waters bespielt immer wieder“, so sagt sie, „die Klaviatur antisemitischer Stereotype“. Seine Äußerungen zum russischen Angriffskrieg seien „durchzogen von Verschwörungsmythen“. Es sei „unerträglich“, wenn er diese auf einer städtischen Bühne verkünde.

Konzertveranstalter positioniert sich

Auch Waters‘ Konzertveranstalter, gibt sich nachdenklich. Ein Sprecher von FKP Scorpio Konzertproduktionen teilt mit: „Wir verurteilen die BDS sowie den schrecklichen Angriffskrieg Russlands klar.“ Darüber stehe man auch „im engen Dialog mit dem Management, das unsere Ansichten kennt“.
In München wird nun daran gearbeitet, Waters doch irgendwie von der Olympiahalle fernzuhalten. OB Reiters Forderung an die Verantwortlichen lautet, „nochmal zu prüfen, ob dieses Konzert tatsächlich stattfinden muss“.

Vorwürfe auch gegen die Nobelpreisträgerin

Kritik Der BDS-Bewegung fühlt sich nicht nur Roger Waters verbunden – auch die Autorin Annie Ernaux steht ihr offenbar nahe. Die Vergabe des Literaturnobelpreises an die Französin löst deswegen bei jüdischen Organisationen in Deutschland Irritationen aus. Die Auszeichnung sei „ein Rückschlag für den weltweiten Kampf gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Mittwoch.
Hintergrund Ernaux hat unter anderem 2018 zusammen mit 80 Kultur- und Kunstschaffenden zum Boykott der Kultursaison „Frankreich-Israel“ aufgerufen und 2019 zum Boykott des Eurovision Song Contests in Tel Aviv. Schuster: „Das Signal, das von diesem Nobelpreis ausgeht, ist für Jüdinnen und Juden auch in Deutschland gerade nach der skandalösen Documenta äußerst verstörend.“
Erwartung Der geschäftsführende Vizepräsident des Auschwitz Komitees, Christoph Heubner, kritisiert Ernaux ebenfalls – und erwartet eine Reaktion: „Sie wird bei ihrer Nobelpreis-Rede Gelegenheit haben, sich hierzu zu erklären und die Grenzen ihrer Vorurteile zu überschreiten. Das ist sie ihren Leserinnen und Lesern, nicht nur in Israel, schuldig.“ dpa