Christine Wunnicke
: „Wachs“ erzählt von zwei Frauen, die ihre Zeit mitformten

Ein historischer Roman ohne Zierrat: Christine Wunnicke schreibt über weiblichen Forscherdrang im Paris des 18. Jahrhunderts.
Von
Marcus Golling
Ulm
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Christine Wunnicke: Wachs. Berenberg, 176 Seiten, 24 Euro.

Christine Wunnicke: Wachs. Berenberg, 176 Seiten, 24 Euro.

Berenberg Verlag
  • Christine Wunnicke’s historical novel "Wachs" features Marie Bihéron and Madeleine Basseporte.
  • Marie Bihéron was an anatomist; Madeleine Basseporte was a botanical artist in 18th century Paris.
  • The book focuses on their scientific pursuits and challenges in a male-dominated society.
  • Wunnicke's prose is noted for historical accuracy and unique style.
  • "Wachs" spans various times and characters, making it an engaging read.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Christine Wunnickes historische Romane sind keine dicken Schmöker, sondern kommen schnell auf den Punkt. „Wachs“, ihr erstes eigenes Werk seit „Die Dame mit der bemalten Hand“ (2020), beginnt an einem Novemberabend im Paris des Jahres 1733. Eine 13-Jährige schleicht sich in eine Kaserne und teilt dort, sobald sie den ersten Offizier zu fassen bekommt, diesem ohne große Umstände den Grund ihres ungebetenen Besuchs mit: „Ich möchte eine Leiche kaufen, so Sie eine für mich haben.“ Sie würde auch gerne „eine Subskription anmelden, für den ganzen Herbst und Winter“.

Das seltsame Mädchen ist Marie Bihéron (1719-1795), in ihrer Zeit bekannt geworden als Anatomin und Herstellerin überraschend lebensechter anatomischer Präparate aus Wachs, die selbst bei Hofe bewundert wurden. Eine selbstbewusste Frau, ein weibliches Gesicht der französischen Aufklärung. Genau wie Madeleine Basseporte (1701-1780), eine Künstlerin, die sich als Pflanzenmalerin in den königlichen Gärten einen Namen machte.

Wissensdurst statt erotische Lust

Wunnicke macht Basseporte und ihre Zeichenschülerin Bihéron nicht nur zu den Protagonistinnen ihres Buches, sondern auch zu einem Liebespaar. Aber anders als etwa in ihrer Cowboy-und-Künstler-Novelle „Missouri“ spielt die homosexuelle Beziehung nach ihrem ziemlich feurig-verführerischen Beginn keine zentrale Rolle. Stattdessen erzählt das Buch vor allem vom weiblichen Wissensdurst und vom Bestehen in der Männerwelt des 18. Jahrhunderts, in den Jahren zwischen Absolutismus und Revolution.

Positiv könnte man den Mangel von Erotik und Emotion als Fokussierung deuten: Diese zwei Frauen leben in erster Linie für ihre Arbeit, bei der sie von Männern eher gestört werden. Basseporte von ihrem ahnungslosen Chef, der statt ihrer auf den fertigen Bildern unterzeichnet. Bihéron etwa von dem großen Aufklärer Denis Diderot, der bei ihr allerdings kaum mehr als ein verwirrter Schüler ist. Ein Nebendarsteller, wie alle männlichen Figuren, außer vielleicht der Quasi-Enkel Edmé.

„Wachs“ bietet keine stringente Erzählung, sondern springt zwischen den Zeiten und Figuren, lässt große Lücken, umkreist die Geschehnisse in bisweilen ziemlich abgedrehten Episoden. Ein Vergnügen wird das Buch vor allem durch Wunnickes Sprache: Die Prosa der 58-jährigen Münchnerin ist getränkt mit historischen Begriffen, aber frei von Zierrat oder Gossenkitsch. Wieder ein außergewöhnliches Buch einer außergewöhnlichen Autorin.