Ein Schauspieler sei stets in Gefahr, durch seine Einfühlung in viele Rollenfiguren das Empfinden für die eigene Persönlichkeit zu verlieren, sagte Michael Degen einmal. Er selbst habe sich davor nur retten können, indem er zeitweise weniger Angebote angenommen und sich andere Aufgaben wie das Schreiben gesucht habe.
Dennoch gelang es dem 1932 in Chemnitz geborenen Degen, mit einer Fülle extrem unterschiedlicher Theater-, Film- und Fernsehrollen zu einem der angesehensten und populärsten Darsteller des Landes zu werden. Der stets sympathisch und bescheiden auftretende Künstler mit der attraktiven Gentleman-Ausstrahlung ist im Alter von 90 Jahren am Samstag in Hamburg gestorben, wie der Rowohlt-Verlag am Dienstag  mitteilte.
Degen gelang es, auch als Autor Aufsehen zu erregen – mit oft autobiografisch inspirierten Büchern wie „Nicht alle waren Mörder. Eine Kindheit in Berlin“ (1999). In der 2006 von Jo Baier für die ARD verfilmten Geschichte erzählt Degen von Ereignissen, die ihn sein Leben lang nicht losließen: Sein jüdischer Vater Jakob, ein Sprachenprofessor und Kaufmann, starb 1940 an den Folgen seiner KZ-Haft in Sachsenhausen.
Um ihrer Deportation zu entgehen, verbrachten Michael und seine Mutter Anna einige Kriegsjahre als sogenannte „U-Boote“ in Berlin – untergetaucht bei Helfern, an die Degen in seinem Werk dankbar erinnert. Jahrzehnte später, 1986, musste er erleben, dass Neonazis seine Hamburger Wohnung verwüsteten und er Morddrohungen erhielt, nachdem er gegen ein Treffen von SS-Veteranen protestiert hatte.
Zu seinem 90. Geburtstag am 31. Januar gratulierte ihm Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und zeigte sich von seinem Lebensweg beeindruckt. „Ihre Biografie spiegelt den Abgrund deutscher Geschichte. Trotz allem, was Ihnen und Ihrer Familie angetan wurde, haben Sie sich nicht von Deutschland abgewandt“, sagte Steinmeier.
Zu seinem Ehrentag erklärte Degen, wie sehr ihn das Wiedererstarken rechter Kräfte entsetze. „Dass junge deutsche Juden wieder um ihr Leben fürchten müssen, dass Antisemitismus und Rassismus nicht zu tilgen sind, lässt mich mit ohnmächtiger Wut zurück.“ Und angesichts seines eigenen Einsatzes dagegen in Büchern, Rollen und Gesprächen fügte er hinzu: „Glauben Sie mir, das ist keine befriedigende Bilanz nach 90 Jahren Leben.“
Allgemein präsent war der Schauspieler, der mit seiner dritten Ehefrau zuletzt in Hamburg lebte, zuletzt vor allem im Unterhaltungsfernsehen – als eitler Vice-Questore Patta in der „Donna Leon“-Krimidauerserie der ARD. Doch der Akteur hat alles gespielt – ob Shakespeare, Molière oder Brecht, an ersten Häusern in Berlin, Salzburg, Wien, München oder auch Hamburg, unter Regiestars wie Peter Zadek, George Tabori und Ingmar Bergman. Er hat auch selbst als Regisseur gearbeitet.
Einem großen TV-Publikum war Degen 1979 als Bendix Grünlich in Franz Peter Wirths „Die Buddenbrooks“ bekannt geworden. Mit der NS-Vergangenheit setzte er sich unter anderem in Egon Monks „Die Geschwister Oppermann“ (1983) und in Michael Kehlmanns „Geheime Reichssache“ (1987), wo er Hitler verkörperte, auseinander.
Doch der Schauspieler, der – wie er es einmal formulierte – vier Kinder zu ernähren hatte, trat häufig auch in Zuschauerhits auf: von „Diese Drombuschs“ an der Seite von Witta Pohl in den 1980er und 1990er Jahren über „Derrick“ und „Klinik unter Palmen“ bis zu „Traumschiff“ und „Rosamunde Pilcher“. Seinem Renommee hat es nicht geschadet.

Mit 17 nach Israel ausgewandert

Degen stand immer gern auf den deutschen Bühnen. 1949 war er als 17-Jähriger – nach Studium und erstem Engagement am Deutschen Theater Berlin – auf Wunsch seiner Mutter nach Israel ausgewandert. Dort diente er bei den Streitkräften und trat an den Kammerspielen von Tel Aviv in neuhebräischer Sprache auf. „Was mich 1951 zur Rückkehr nach Deutschland bewegt hat, war mein Beruf“, erklärte er.
Er habe „große Sehnsucht“ verspürt, „wieder einmal in deutscher Sprache auf der Bühne zu stehen“. Bald wirkte er in Brechts Berliner Ensemble im Ost-Teil der Stadt. In das Land im Nahen Osten kehrte Degen jedoch immer wieder für Dreharbeiten und Gastrollen zurück. Bis zuletzt war er deutscher und israelischer Staatsbürger.

In „Donna Leon“ online zu sehen

In der ARD-Mediathek (ardmediathek.de) sind derzeit einige der Donna-Leon-Verfilmungen mit Michael Degen als Vice-Questore Patta verfügbar: Etwa „Das goldene Ei“, „Tierische Profite“, „Reiches Erbe“, „Schöner Schein“ und „Das Mädchen seiner Träume“.