Architekt in Barcelona
: Visionär und Sonderling – vor 100 Jahren starb Antoni Gaudí

Der Katalane prägte eine radikal neue Architektur, sah sich selbst aber als Mann Gottes. Sein Lebenswerk, die Sagrada Família, ist heute ein Touristenmagnet.
Von
Jan-Uwe Ronneburger, dpa, und Sabine Schüller, kna
Barcelona
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Ein Blick auf die Basilika der Sagrada Família in Barcelona. Vor 100 jahren starb ihr Architekt Antoni Gaudí.

Emilio Morenatti/AP/dpa
  • 100 Jahre nach Gaudís Tod: Der Architekt prägte Barcelonas Sagrada Família tiefgreifend.
  • Gaudí war gläubig und asketisch, half Armen – er starb 1926 nach einem Straßenbahnunfall.
  • Sagrada Família blieb unvollendet; Krieg zerstörte Pläne, Rekonstruktion erfolgte über Modelle.
  • Stil des Modernisme: Naturformen, „mystisches Licht“, Technik und Ästhetik eng verzahnt.
  • Heute Besuchermagnet mit Einnahmen und Folgen fürs Viertel – höchster Kirchturm seit Februar.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Wenn Papst Leo XIV. am 10. Juni zum Grab Antoni Gaudís in die Krypta der Basilika Sagrada Família in Barcelona hinabsteigt, dann ehrt er dort einen Bruder im Geiste. Wie der „gute Amerikaner“ Robert Prevost war auch der Architekt des heutigen Wahrzeichens von Barcelona von Demut und tiefem Glauben geprägt, trat für die Armen ein, ehrte die Natur als Ausdruck göttlicher Harmonie und lebte bescheiden ohne jeden Prunk.

Wie weit Ideal und Wirklichkeit auseinander liegen können, musste Gaudí jedoch am eigenen Leib erfahren: Als er 1926 auf dem Weg zum Gebet in einer Kirche von einer Straßenbahn angefahren wurde, wollte dem Schwerverletzten zunächst niemand helfen, weil man den ärmlich gekleideten Architekten für einen Bettler hielt.

Tod im Armenkrankenhaus

Drei Tage später, am 10. Juni 1926, starb Gaudí in einem Armenkrankenhaus im Alter von 73 Jahren. Gaudís Lebenswerk, die Sagrada Família, war bei seinem Tod nach der Grundsteinlegung 1882 erst zu rund 15 Prozent fertig. Krypta und Apsis-Außenwand waren erbaut, die Geburtsfassade teilweise, vier Türme halbfertig. Gaudí selbst sagte auf Fragen zur Fertigstellung: „Mein Kunde hat keine Eile.“ Das gilt bis heute und die Vollendung des Monumentalbaus wird erst für die 2030er Jahre erwartet.

Der Bau konnte nach Gaudís Tod nur unter großen Schwierigkeiten fortgesetzt werden. Im Spanischen Bürgerkrieg ab 1936 wurde zudem sein Atelier zerstört, die Baupläne, Gipsmodelle und Zeichnungen gingen größtenteils verloren. Architekten, die noch mit ihm gearbeitet hatten, halfen, aus Bruchstücken der Modelle und Fotos die Entwürfe zu rekonstruieren, wobei Gaudís mathematisch bestimmte Entwürfe diese Aufgabe erleichterten.

Gaudí, 1852 im südkatalanischen Reus geboren, entwickelte früh eine Architektur, die historische Vorbilder weit hinter sich ließ. Seine Schaffenskraft war enorm: Parallel arbeitete er an Wohnhäusern, Sakralbauten und städtebaulichen Projekten. Er schuf Räume, in denen Statik, Ornament und Symbolik eine Einheit bilden. Sein Stil wird dem katalanischen Modernisme zugerechnet, einer Variante des Jugendstils, die Handwerk, Kunst und symbolische Gestaltung zu Gesamtkunstwerken verschmelzen lässt. Der Architekt setzte diese Idee konsequent um: Fassaden wölben sich wie Wellen, Säulen verzweigen sich wie Bäume, Mosaike und Dachstrukturen erinnern an Drachen oder Wirbeltiere.

Gaudí vermied die gerade Linie, denn die „gehört zum Menschen, die krumme Linie gehört zu Gott“, soll er der Überlieferung nach gesagt haben. Die Säulen im Inneren ähneln Bäumen, die sich zur Decke hin verzweigen und einen steinernen Wald bilden. Das Licht der bunten Glasfenster wandert von Grün für Geburt bis zu Rot, was Leiden und Tod symbolisiere. Gaudí sprach von „mystischem Licht“. Trotz der Anlehnung an die Natur wirken die Räume zum Teil wie nicht von dieser Welt. So könnte das Innere des Marienturms die Kulisse für einen Science-Fiction-Film abgeben.

Radikale neue Formensprache

Schon zu Lebzeiten polarisierte Gaudí. Für manche war er ein visionärer Erneuerer, für andere ein exzentrischer Sonderling. Sein asketisches Leben, das Ignorieren vieler gesellschaftlicher Normen und die radikal neue Formensprache brachten ihm auch Kritik und Spott ein. Zeitgenössische Karikaturen stellten seine Häuser bisweilen als Märchenkulissen oder groteske Bauwerke dar. Um deren Praxistauglichkeit scherte sich der Meister selbst übrigens nicht unbedingt: Als sich eine Eigentümerin der Casa Milà – heute zusammen mit Geburtsfassade und Krypta der Sagrada Família und fünf weiteren Werken Gaudis Teil des Unesco-Weltkulturerbes – bei ihm darüber beschwerte, dass sie keine gerade Wand für ihr Klavier in der Wohnung finde, empfahl ihr der Architekt, zur Geige zu wechseln.

Zugleich zeigt die (ebenfalls von der Unesco geschützte) Casa Batlló, wie Gaudí ästhetische Vision und technische Funktionalität vereint. Das Belüftungssystem war für die Zeit ungewöhnlich modern: Luftzirkulation und Temperierung wurden ingenieurtechnisch geplant, sodass die Räume ästhetisch, organisch und funktional optimal gestaltet wurden.

Antoni Gaudí orientierte sich bei seinem Entwurf der Sagrada Família an den Formen der Natur. So erinnern die Säulen im Innenraum der Basilika an in den Himmel wachsende Bäume.

Jan-Uwe Ronneburger, dpa

Das Gesamtwerk Gaudís ist übersichtlich, er arbeitete nur in Barcelona und Umgebung, in seinen letzten Lebensjahren konzentrierte er sich ausschließlich auf die Sagrada Família. Die Finanzierung des Kirchengebäudes erfolgt allein durch Spenden und Eintrittsgelder – 2025 kamen knapp 4,9 Millionen Besucher und sorgten für Einnahmen in Höhe von 134,5 Millionen Euro. Damit ist die Basilika das meistbesuchte Bauwerk des Landes.

Doch der Erfolg hat seinen Preis. Das Viertel rund um die Kathedrale erstickt unter Touristenmassen. Mieten steigen, Anwohner werden verdrängt, Wohnraum weicht Touristenunterkünften, kleine Geschäfte werden zu Souvenirläden umgewandelt. Gaudís ursprüngliche Idee einer Kirche als „Bibel aus Stein“ als Trost für die des Lesens oft unkundigen Arbeiter und ihre Familien, die während der Industrialisierung unter unsäglichen Bedingungen schufteten, ist in Vergessenheit geraten. Eintrittskarten ab 26 Euro müssen heute rund zwei Wochen im Voraus gekauft werden, und wer zu den kostenlosen Messen in die Kirche möchte, muss sich besser ein paar Stunden vorher anstellen.

Der höchste Kirchturm der Welt

Der Jesus-Turm im Zentrum der Basilika erreichte im Februar mit der Aufsetzung des begehbaren Doppelkreuzes die endgültige Höhe von 172,50 Metern. Das weithin sichtbare Doppelkreuz aus Stahl und Glas wurde in Deutschland gefertigt. Seither ist die Sagrada Família die höchste Kirche der Welt – ein Titel, den bisher das Ulmer Münster innehatte. Für die Öffentlichkeit wird das fast 100 Tonnen schwere Kreuz voraussichtlich ab 2027 zugänglich sein und dann einen atemberaubenden Rundblick auf die Mittelmeermetropole erlauben.