AC/DC live auf dem Wasen: Auf dem Highway ist die Hölle los

Eingespieltes Dreamteam: AC/DC-Sänger Brian Johnson und Gitarristenlegende Angus Young beim Megakonzert in Stuttgart.
Udo EberlNicht nur auf den Highways ist am Nachmittag vor dem Konzert von AC/DC rund um den Cannstatter Wasen die Hölle los. Auch die S-Bahnen sind proppenvoll, und der Strom der Fans, die auf dem Weg zum Open-Air-Gelände an der tags zuvor noch von Peter Maffay bespielten, im Verhältnis geradezu putzig wirkenden Bühne vorbeiziehen, will nicht enden. 90.000 werden es am Ende sein. Besucherrekord auf dem Wasen. 85.000 sollen es einst beim legendären Konzert von Guns N’ Roses im Jahr 1992 gewesen sein, und immerhin 70.000 beim ersten Wasen-Konzert von Angus Young und Co vor 14 Jahren.
Zwar sind die sommerlichen Temperaturen mit 27 Grad durchaus erträglich, doch die Getränke finden reißenden Absatz – wie auch die T-Shirts der Band, die unter 50 Euro nicht zu haben sind, oder rote Teufelshörnchen, die später bei einbrechender Dunkelheit auf vielen Köpfen leuchten werden. Passend zu vielen Gesichtern und Nacken, da Sonnenschutz anscheinend nur etwas Softies ist. Beim Treff der Hardrock-Generationen sind viel Familien unterwegs, der Frauenanteil ist wie immer auffallend hoch. Wer nicht auffallen will, trägt hier Schwarz.
Als „The Pretty Reckless“ mit ihrer Support-Show beginnen, kümmert das noch nicht allzu viele der Hardrock-Reisenden, doch die Klangqualität überrascht. Zusätzlich zur Tonanlage an der Bühne pumpen auf dem Gelände verteilte Boxentürme den Sound mit reichlich Druck und erstaunlich klar über die Köpfe der Fans. Sängerin Taylor Momsen, die mit einer Hauptrolle in der TV-Serie „Gossip Girl“ populär wurde, gibt im schwarzen Negligé die laszive Vortunerin, zeigt mit einem lauten „Hände hoch!“, dass sie sich ein paar Brocken Deutsch draufgeschafft hat und singt „Make Me Wanna Die“ sehr lebendig und mit sympathischer Krächzestimme. Auffällig: Das wirklich starke Solo ihres Gitarristen Ben Phillips in „Heaven Knows“ lässt die Angus-Fans ziemlich kalt.
Ein heulender Wolf, ein getuntes Auto
Punkt 20 Uhr ist es dann endlich so weit. Ein Wolf heult auf der LED-Wand, über die dann ein getunter Wagen röhrend gen Stuttgart rast. Dann betreten die Altmeister die gewaltige Bühne. Angus Young, einziges noch verbliebenes Urmitglied der australischen Band, ist in einer Schuluniform mit kurzen Hosen im edlen weinroten Samtcord am Start und wird die Krawatte erst nach einigen Songs lockern. Die weißen Beine passen zum Haar, das zunächst noch von der Kappe mit dem großen A gezähmt wird. Er begeistert auf dem Laufsteg im Opener „If You Want Blood“ mit dem Duckwalk.
Sänger Brian Johnson, wie immer mit Ballonmütze ausgestattet und seit 1980 am Mikrofon, breitet immer wieder die Arme aus, rollt schon mal mit den Augen, nuschelt grinsend irgendetwas von „Rock ’n’ Roll-Herzinfarkt“ und fragt im ohrenbetäubenden Riff-Gewitter kaum hörbar „Do You Feel Good?“ Ansagen sind eben nicht ihr Ding.
Hinten gehen Gitarrist Stevie Young, der Neffe des Leadgitarristen, Drummer Matt Laug und Bassist Chris Chaney, die beide bereits in der Band von Alanis Morissette spielten, an die routinierte und geradezu stoische Rock-Arbeit. Mit um die 110 Dezibel rollt der immergleiche massive Rock über den Platz. „Back in Black“, „Thunderstruck“ und mit abgelassener Riesenglocke „Hells Bell“: AC/DC wissen was die Fans auf ihrer „Power Up“-Tour hören wollen.
Überraschungen gibt es nicht, und das ist gut so. In wenigen Momenten will Johnsons Rockröhre nicht ganz so wie er das will, aber der gute Mann ist immerhin schon 76 Jahre alt und hat sich nicht geschont. Ebenso beachtlich der Auftritt des 69-jährigen Angus Young, der an diesem Abend locker Kilometergeld verlangen könnte und von Solo zu Solo rast. In „Sin City“ malträtiert er die Saiten gar mit dem Gitarrengurt.
Da hält selbst die abfahrende S-Bahn für eine kurze Fotosession der Fahrgäste an. Während Young vor der Wand der Gitarrenboxen fast abhebt, zeigt Johnson dem Publikum in „High Voltage“, dass er noch unter Starkstrom steht. In den Pausen zwischen den Songs ist es meist seltsam ruhig auf der Bühne, auch in der Menge. Durchschnaufen ist angesagt. Dann kommt „Highway to Hell“, und Angus Young gibt das Teufelchen an der Klampfe. Warum gerade im Break von „Whole Lotta Rosie“ das ansonsten solide Rhythmusgerüst ins Wackeln gerät? Egal.
Mit seinem fast zehnminütigen Solo in „Let There Be Rock“ ganz ohne Band darf Angus den Traum leben, den so viele Gitarristen haben. Und er liebt es. Dann die Zugaben: Das bombastische „T.N.T.“ fordert von den Fans und ihren Stimmen noch einmal alles, dann werden in „For Those About to Rock“ die Kanonen für den großen Salut geladen, und um 22.10 Uhr endet der Hardrock-Sommerabend mit einem Feuerwerk.
Verletzungen und Panikattacken
Nach Ende des Konzerts gab es auf dem Wasen jedoch noch größere Probleme: 17 Besucherinnen und Besucher wurden laut SWR verletzt. Die Stadt Stuttgart bestätigte einen entsprechenden Bericht. Grund war offenbar falsche Kommunikation auf dem Gelände: Das Publikum wurde zu den Notausgängen geleitet, die aber weiterhin geschlossen waren, eine korrigierende Durchsage wurde von vielen nicht beachtet. Dadurch kam es auf dem Gelände zu großem Gedränge, einzelne erlitten Platzwunden, Schnittverletzungen, Panikattacken und Kreislaufprobleme.
