Unionsfraktionschef Jens Spahn (r.) und sein Mann Daniel Funke sind via Leihmutterschaft Eltern geworden.

Unionsfraktionschef Jens Spahn (r.) und sein Mann Daniel Funke sind via Leihmutterschaft Eltern geworden.

Annette Riedl/dpa

Wie politisch ist das Private?

16. Juli 2026

Sehr geehrte Leserin, sehr geehrter Leser,

Daniel Funke und Jens Spahn

Unionsfraktionschef Jens Spahn (r.) und sein Mann Daniel Funke sind via Leihmutterschaft Eltern geworden.

Annette Riedl/dpa

es gibt Entscheidungen, die so wichtig und wegweisend für das ganze Leben sind, dass alles andere dahinter zurücktritt. Zum Beispiel: Will ich Mutter oder Vater werden? Und: Wie wichtig ist mir dieser Wunsch, welche Wege bin ich bereit zu gehen, um ihn umsetzen zu können? Aber ist so eine Entscheidung deshalb rein privat und hat niemanden etwas anzugehen – oder wird sie, im Gegenteil, zum Gradmesser für die eigene Integrität, weil sich in einem solchen Moment zeigt, ob die eigenen Werte auch dann noch gelten, wenn es wehtut?

Der Fall von Jens Spahn regt zum Nachdenken über diese Frage an, denn der Unionsfraktionschef und sein Mann Daniel Funke haben öffentlich gemacht, dass sie mithilfe einer Leihmutter aus den USA Eltern eines Sohnes geworden sind. In Deutschland ist das verboten, die Union will an dieser Regelung festhalten. Im Ausland ist es möglich, allerdings normalerweise nur mit dem nötigen Kleingeld. Privates Lebensglück ist dem Paar zu gönnen, doch muss die Gesellschaft wirklich akzeptieren, dass ein Politiker in Deutschland geltende Gesetze umgeht, für die die eigene Partei maßgeblich verantwortlich ist – und mit denen sich weniger finanzstarke Bürger mit dem gleichen schwer erfüllbaren Lebenstraum abfinden müssen? So sensibel das Thema ist: Das ist pure Doppelmoral.

Wer, etwa in der Corona-Krise, von Bürgerinnen und Bürgern verlangt, sich an Gesetze zu halten, auch wenn es wehtut und man selbst anderer Meinung ist, muss bei sich selbst die gleichen Maßstäbe anlegen. Oder sich für einen politischen Richtungswechsel einsetzen – auch dazu hätte Spahn, im Gegensatz zum Durchschnittsbürger, alle Mittel.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in den Tag!

Herzliche Grüße aus der Chefredaktion

Ihre Judith Conrady