Ein Weltkriegskarabiner, eine Leuchtpistole, eine Blindgänger-Handgranate, mehrere hundert Patronen scharfe Munition, Butterflymesser, Springmesser, Schlagringe, ein Gewehrgranataufsatz, mehrere hundert Gramm Marihuana und eine kleine Menge Amphetamin. Das haben Kriminalbeamte und Sonderkräfte am Donnerstag zwischen 6 und 10.15 Uhr bei neun Durchsuchungen gefunden: an sieben Orten im Landkreis Neu-Ulm sowie von Wohnungen in den Landkreisen Biberach und Dillingen. Im Zentrum der Aktion stand eine Wohnung in Bellenberg: Dort vermuteten die Beamten eine „größere Menge an Funden“ und rechneten damit, diese vor Ort entschärfen oder sprengen zu müssen, sagt Holger Stabik, Sprecher des Polizeipräsidiums Schwaben Süd/West.

Foto von Pistole über Whatsapp verschickt

Eine geschlossene Gruppe im Nachrichtendienst „Whatsapp“ hatte den Anstoß zu den Ermittlungen gegeben: Zehn Männer zwischen 18 und 41 Jahren tauschten sich darin über das Sondengehen aus – die gezielte Suche mit einem Metalldetektor nach Gegenständen im Boden.

Ein 32-Jähriger aus Vöhringen war Administrator der Gruppe, in der er laut Polizei auch „politisch rechtsgerichtete Nachrichten und Kommentare“ sendete. Als ein 29-jähriges Gruppenmitglied dies kritisierte, soll der Vöhringer ihn beleidigt und bedroht haben.

Der 29-Jährige stellte deshalb schon 2019 Anzeige, die Polizei Illertissen ermittelte und leitete mit der Staatsanwaltschaft Memmingen im November 2019 die erste Durchsuchung in Altenstadt ein: bei einem 25-Jährigen, der im Whatsapp-Chat eine Pistole als „Bodenfund“ gepostet hatte. Gefunden wurden damals außer dieser Pistole weitere Waffen, darunter eine vollautomatische scharfe Maschinenpistole, sowie „eine größere Menge explosivfähiger Chemikalien zum Herstellen von Schwarzpulver“. Der 25-Jährige wurde nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen wieder entlassen.

Der Vorwurf: Verstöße gegen Waffengesetz, Handel mit Betäubungsmitteln

„Die Ermittlungen haben sich dann ausgeweitet“, sagt Polizeisprecher Stabik: Auf insgesamt 18 Beschuldigte. Fünf von ihnen werden Verstöße gegen das Kriegswaffenkontrollgesetz und das Waffengesetz vorgeworfen; im Mittelpunkt stand dabei der  32-jährige Gruppenadministrator aus Vöhringen. Der Mann soll mit Betäubungsmitteln gehandelt und Waffen zum Kauf angeboten haben. Zudem ermittelt die Polizei wegen des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen, Volksverhetzung, Gewaltdarstellung und der öffentlichen Aufforderung zu Straftaten.

Nach Bellenberg führten die Ermittler weitere Hinweise, dass eine Familie dort „eine Vielzahl an illegalen Waffen, Granaten und Patronen“ besitzen soll.  Es sei noch nicht bekannt, ob es sich dabei um legale Deko-Waffen, scharfe Waffen oder beim Sondengehen gefundene Blindgänger handelt.  Vater, Mutter und Sohn im Alter von 54, 51 und 20 Jahren stehen offenbar in Kontakt mit den Sondengängern, waren jedoch nicht Teil der Chatgruppe.

Die Polizei fand bei den Durchsuchungen in Wohnungen von Sondengängern auch Weltkriegskarabiner. Das Symbolbild zeigt eine Mauser 98K. Der Karabiner wurde in der Reichswehr und ab 1935 in der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg verwendet.
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Ermittler: Es handelt sich wohl nicht um Reichsbürger

Da die Polizei nicht ausschließen konnte, bei den Durchsuchungen auch Blindgänger zu finden, waren neben Beamten der hiesigen Reviere Spezialkräfte im Einsatz: Mitglieder der Technischen Sondergruppe und des Sachgebiets Waffen des Bayerischen Landeskriminalsamts, auch das Landesamt für Denkmalpflege war beteiligt. Gesprengt oder entschärft werden musste jedoch keiner der Funde, die Stabik den einzelnen Orten nicht zuordnen möchte. „Es bestand keine Gefahr für die Bevölkerung“, sagt er – die Gefahr für die Beamten liege darin, dass man bei solchen Einsätzen „nie weiß, worauf man stößt“.

Den Namen der Chatgruppe gibt die Polizei auf Nachfrage nicht preis. Ermittelt werden soll, ob der Gruppe neben dem Sondengehen „strafbare politische Motivationen“ zugrunde liegen. Die Beweismittel werden ausgewertet, die Waffen teilweise vom Landeskriminalamt begutachtet. Ob sich die Beteiligten außerhalb des Chats persönlich kennen, sei unklar, sagt Stabik: „Dem Reichsbürger-Milieu gehören sie unseren Erkenntnissen nach nicht an.“

Nach den Razzien am Donnerstag befindet sich ein 26-Jähriger aus dem Kreis Biberach in Untersuchungshaft. Er soll mit Drogen gehandelt haben. Die weiteren Beschuldigten „wurden nach Beendigung der polizeilichen Maßnahmen entlassen“, teilt die Polizei mit.