Zweiter Weltkrieg in BW: Die Vergangenheit im Keller – Stuttgarts dunkle Historie im Krankenhausbunker
Rolf Zielfleisch ist vorangegangen in den Raum, auf dessen Tür die Nummer 2 steht. Es ist kalt und dunkel, die nackten Betonwände leuchten schwach hellgelb. An ihnen sind die Spuren vorbei schrammender Betten eingraviert. Dann schaltet Zielfleisch das Licht an. Man zuckt zusammen.
In der Mitte des Raums steht ein Mensch, der sich über einen OP-Tisch beugt. Er trägt OP-Kittel, Maske und eine altertümliche Stirnleuchte. Alte medizinische Geräte, wie ein Beatmungsgerät mit einer Äther-Flasche aus Glas und Gummischläuchen, sammeln sich um ihn. Daneben liegen auf einem Tischchen mehrere Instrumente: eine Geburtszange mit zwei langen Griffen; ein Bluttransfusionsset, das die direkte Blutübertragung von Mensch zu Mensch ermöglicht; ein Hauthobel, der bei Verbrennungen die Haut abzieht. Er liegt schwer in der Hand.
Im ersten Moment ist nicht erkennbar, dass der vermeintliche Chirurg in Wahrheit eine Schaufensterpuppe ist. „So eine Führung hat auch immer etwas Schauriges“, sagt Zielfleisch. Der Rentner ist der Vorsitzende des Vereins „Schutzbauten Stuttgart“. Dieser widmet sich der Geschichte und Dokumentation von Räumen, deren vorrangiger Bauzweck der Schutz der Bevölkerung gewesen ist, wie zum Beispiel Bunker.
Bunker unter dem Garten des Gesundheitsamts
An einem kalten, schneereichen Januartag führt Zielfleisch durch solch einen Ort: ein ehemaliger Krankenhausbunker aus dem Zweiten Weltkrieg unter dem heutigen Gesundheitsamt in Stuttgart. Bevor die Behörde 1970 in das Gebäude einzog, befand sich hier eine Frauenklinik. Bereits 1934 waren in deren Keller Luftschutzräume integriert worden, allerdings ohne OP-Räume. Deshalb wurde 1940/41 unter dem Garten in wenigen Monaten ein Bunker errichtet. Zwangsarbeiter aus Frankreich mussten beim Bau mithelfen. Der Bunker bot Platz für 28 Intensivpatienten und diente der Klinik bei einem Luftangriff als Operationsstätte.

Ein altes Röntgengerät der Firma Siemens. Dieses war bis 2005 bei einem Arzt in Leipzig noch im Einsatz bis der Verein es zu Ausstellungszwecken erhielt.
Verena EiseleUm hineinzugelangen, steigt man im Treppenhaus der Behörde lediglich ein paar Stufen hinunter. Ein Pfeil mit der Original-Aufschrift „Zum Bunker“ auf der grauen Betonwand zeigt den Weg an. Ein langer, neonflimmernder Korridor erstreckt sich Besuchern. An seinem Ende kommt man vor einer dicken Tür an – „Gasschleuse“ steht auf der Wand dahinter. Ihre Aufgabe war es, das unkontrollierte Eindringen von Giftgas zu verhindern. Die komplette Technik für das Betreiben des Bunkers wurde nach dem Krieg jedoch entfernt und wiederverwertet. Das wird an der Decke deutlich: Keine Metallrohre und Kupferkabel zu sehen, nur kahler, angeranzter Beton.
Korridor um Korridor, Tür um Tür
Das eigentliche Herz des Bunkers liegt aber dahinter: Wieder stößt man auf einen langen Korridor, dieses Mal mit zehn Türen ausgestattet. Alle durchnummeriert. Hinter jeder Tür wartet ein Raum mit einer anderen Funktion.

Der Korridor im Krankenhausbunker mit den beschrifteten Türen.
Verena EiseleZielfleisch öffnet die Tür mit der Nummer 1. Ein alter gynäkologischer Stuhl steht in der Mitte des Raums im Schein des allgegenwärtigen, grellen Neonlichts. Sein Bezug ist vergilbt. Davor steht eine OP-Lampe, daneben eine alte Babywaage. Das Licht geht aus. Plötzlich ist es stockfinster. Wie viele Frauen wohl unter diesen Bedingungen in den Wehen lagen?

Ein zeittypischer gynäkologischer Stuhl im Zentrum des Bunkers.
Verena EiseleZielfleisch fährt mit dem Licht an seinem Handy an den Wänden entlang. Überall dort, wo es die Wand berührt, leuchtet die Stelle schwach gelb auf. Das liegt daran, dass der OP-Raum komplett in fluoreszierender, radioaktiver Farbe gestrichen ist. Dank eines zusätzlichen Notstromaggregates konnten Chirurgen so trotz Dunkelheit operieren – zumindest für eine Stunde, so lange hätte die Strahlkraft damals ausgereicht. Während des Kriegs gab es in Stuttgart 550 Alarme und 53 Luftangriffe. Bei jedem Alarm brachte das Personal die Patienten hinunter in den Bunker. „Sie haben Ungeheures geleistet“, sagt Zielfleisch.
Zwangsabtreibungen und Sterilisationen
Er schaltet das Licht wieder an. Hier behandelten Gynäkologen unter anderem die dramatisch ansteigenden Gebärmuttervorfälle in der Kriegszeit. Aufgrund schwerster Arbeit der Frauen in der Industrie und deren Mitarbeit beim Stollenbau verdoppelte sich die Anzahl an solchen Vorkommnissen: Während es 1939 noch jährlich 35 solcher Vorfälle gab, waren 1944 rund 80 Frauen davon betroffen.
All diese Arbeit klingt heroisch. Dann zeigt Zielfleisch auf ein Regal neben dem Stuhl. Dort liegt eine Art Haken – ein Instrument, das zur Abtreibung verwendet wurde. Es ist ein Symbol für die furchtbaren Geschichten, die der Bunker birgt. Er ist nämlich auch ein Ort, wo Ärzte NS-Verbrechen begangen haben. Sie führten in der Frauenklinik die ersten Zwangsabtreibungen und -sterilisationen durch.

Verschiedene Instrumente, unter anderem der Hauthobel und ein Haken, der zur Abtreibung benutzt wurde.
Verena EiseleDer Bunker unter dem Gesundheitsamt ist ein Zeugnis dieser Verbrechen. Es ist besonders, dass er noch existiert, denn von allen gebauten Bunkern im Dritten Reich ab 1940 machten Krankenhausbunker lediglich fünf Prozent aus. Mittlerweile steht das komplette Gebäude unter Denkmalschutz. Der Verein kümmert sich seit 2018 um den Bunker und bietet Führungen an. Zur Veranschaulichung stattete er ihn mit altem Operationsequipment aus.
Instrumente erzählen das Grauen der NS-Medizin
Dadurch will der Verein die bisher kaum aufgearbeitete NS-Gesundheitspolitik in Stuttgart aufzeigen. Man stehe in der Landeshauptstadt bei diesem Kapitel noch ganz am Anfang, sagt Zielfleisch. Er ist in den Raum mit der Nummer 8 gegangen. Hier stehen drei Betten, in einem liegt wieder eine Schaufensterpuppe. Ein Kinderbett steht an der Wand. Wieder ein Sinnbild für die Verbrechen von Ärzten.

Ein Krankenzimmer im alten Krankenhausbunker. Links das Kinderbett.
Verena EiseleDie abgerissene Kinderklinik „Olgäle“, die Vorgängerin der heutigen Olgaklinik, war unterirdisch mit dem Bunker verbunden. Deshalb wurden mehrere Kinder hier behandelt und durch den Gang verlegt. Manche von ihnen fielen der organisierten Tötung durch die Nazis zum Opfer (siehe Infokasten). Der Gang ist bis heute noch nicht gefunden worden, muss aber noch existieren. Nach dem Krieg war die Frauenklinik komplett zerstört, der Bunker hielt jedoch stand. 1970 zog das Gesundheitsamt in das wieder aufgebaute Gebäude.
Ärzte oft nie zur Rechenschaft gezogen worden
In Stuttgart befand sich eine der 30 „Kinderfachabteilungen“, wo die Nationalsozialisten Kinder mit Behinderung sowie auffälligem Verhalten systematisch ermordet haben – in der NS-Ideologie verharmlosend „Euthanasie“ genannt. Der Stuttgarter Arzt Dr. Karl Lempp war damals stellvertretender Leiter des Gesundheitsamts sowie Chefarzt der städtischen Kinderklinik. Lempp ist für den organisierten Mord an mindestens 52 Kindern in einer solchen „Abteilung“ verantwortlich. Er behielt trotzdem seine Position als stellvertretender Leiter des städtischen Gesundheitsamts bis 1949. Leiter des städtischen Kinderkrankenhauses blieb er bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1950. Der Professorentitel wurde ihm 1954 verliehen. Er eröffnete eine Praxis in Stuttgart, wo er weiterhin als Arzt praktizierte. Er wurde nie für seine Taten verurteilt.
Zielfleisch steht jetzt wieder im Bunkerkorridor. Die Führung ist zu Ende. Durch die Gasschleuse geht es zurück in die Lobby des Gesundheitsamts. Menschen gehen geschäftig ein und aus. Zwei Welten in einem Gebäude – zwei Welten, die aufeinanderprallen. Die Vergangenheit ruht im Bunker. Die Gegenwart zieht in der Eingangshalle der Behörde vorbei.
Führungen durch den Bunker
Der Bunker ist für die Öffentlichkeit zugänglich, allerdings sind nur Gruppenführungen möglich. Diese sind nur unter der Woche möglich, da eine Besichtigung an die Öffnungszeiten des Gesundheitsamts gebunden sind. Pro Person kostet solch ein Besuch neun Euro. Auf der Website des Vereins „Schutzbauten Stuttgart“ ist eine Anmeldung möglich: www.schutzbauten-stuttgart.de










