Vergleich der Schülerleistungen
: Wie schneiden Schüler in Baden-Württemberg ab?

Baden-Württemberger Schüler bringen in Mathe und Naturwissenschaften stabile Leistungen. Das zeigt der neue Ländervergleich des IQB. Doch ein Problem bleibt.
Von
Mathias Puddig
Berlin/Stuttgart
Jetzt in der App anhören

Ein Schüler an einem Gymnasium meldet sich.

Armin Weigel/dpa

Herr Müller hat ein Problem. Sein Tank ist zu sieben Achteln leer, doch bis zur nächsten Tankstelle sind es noch 60 Kilometer. Insgesamt fasst der Tank 55 Liter Benzin, das Auto verbraucht auf 100 Kilometer 7,5 Liter. Schafft Herr Müller das, oder muss er das letzte Ende der Strecke laufen?

Die Frage stammt aus dem Aufgabenpool des IQB-Bildungstrends, für den im vergangenen Jahr fast 45.000 Neuntklässler in ganz Deutschland geprüft wurden. An diesem Freitag sind in Berlin die Ergebnisse der Studie vorgestellt worden. Für Baden-Württemberg mit einer guten Nachricht: Obwohl die Herausforderungen im Bildungsbereich gewachsen sind, bringen die Neuntklässler im Land stabile Leistungen. Gegenüber 2012 ist keine signifikante Veränderung zu erkennen, während andere Länder sich verschlechtert haben. In Mathe liegen die Leistungen der Schüler aus dem Südwesten auf dem vierten Platz hinter Bayern, Sachsen und Thüringen.

„Das ist erfreulich“, findet Bildungsministerin Susanne Eisenmann (CDU). „Wir sind auf keinem schlechten Weg.“ In den Vorjahren war Baden-Württemberg bei Erhebungen mit anderen Schwerpunkten – etwa Deutsch – stark abgerutscht.

Viel mehr Kinder mit Migrationshintergrund

Denn tatsächlich sind die Herausforderungen in Baden-Württemberg seit 2012 größer geworden. So ist im Untersuchungszeitraum der Anteil von Schülern mit Migrationshintergrund um 14 Prozentpunkte gewachsen und liegt jetzt bei 43,2 Prozent. Das ist nach Hessen der zweithöchste Wert in einem Flächenland und liegt deutlich über dem Bundesschnitt. Deutschlandweit hat gut jeder dritte Schüler (33,6 Prozent) einen Zuwanderungshintergrund - ein Anstieg um 6,8 Prozentpunkte.

Besonders deutlich verschlechterten sich in der Vergleichsuntersuchung alle ostdeutschen Länder bis auf Sachsen. Das legt zwar den Verdacht nahe, dass der Generationswechsel unter den Lehrern und auch der Lehrermangel in den neuen Ländern eine Rolle gespielt haben. Bildungsforscherin Stanat betont jedoch: „Das sehen wir noch nicht in den Daten.“

Sie vermutet etwas anderes dahinter: „Dass Bayern und Sachsen so robust da stehen, liegt vielleicht auch daran, dass sich da so wenig verändert hat.“ Es sei „ungut“, wenn auf jeden kleinen Ausschlag sofort politisch reagiert würde.

Schlechtere Leistungen vor allem am Gymnasium

Auf eine solche Veränderung weist allerdings auch Susanne Eisenmann hin. So sind in Baden-Württemberg insgesamt die Leistungen zwar stabil geblieben, die von Gymnasiasten hätten sich jedoch verschlechtert. Eisenmann vermutet, dass das mit dem Wegfall der verbindlichen Grundschulempfehlung zu tun hat. Anders als etwa in Bayern können in Baden-Württemberg die Eltern entscheiden, ob ihr Kind zum Gymnasium geht oder nicht. Die Folge: Zwischen 2012 und 2018 ist die Zahl der Gymnasiasten um mehr als zehn Prozent gestiegen. Daraus ergebe sich die Frage, ob dieser Wegfall sinnvoll war oder nicht, sagt Eisenmann. „Das werden wir uns sehr genau anschauen.“

Handlungsbedarf gibt es aber auch bei der Geschlechtergerechtigkeit. Denn einerseits sind von den negativen Entwicklungen zwischen 2012 und 2018 die Jungen deutlich stärker betroffen als die Mädchen. Zugleich fällt aber auf, dass die Jungen ihre Fähigkeiten und ihre Interessen im Vergleich zu den Mädchen oft überschätzen. Vor allem im Fach Physik, wo Schülerinnen und Schüler gleich gute Ergebnisse geliefert haben, zeigt die Studie, dass die Jungen ihr Können deutlich besser einschätzen als die Mädchen. „Das ist wichtig, weil es einen Einfluss darauf hat, welchen Beruf und welches Studium ich nachher wähle“, erklärt Bildungsforscherin Stanat und spricht sich für eine differenziertere Förderung von Jungen und Mädchen aus.

Erste Erhebung, die Füchtlingskinder erfasst

Auf ein weiteres Ergebnis weist der Hamburger Bildungssenator Ties Rabe (SPD) hin. „Dies ist die erste Studie, wo alle Flüchtlingskinder drin sind“, sagt er. Deutschlandweit macht das etwa zwei Prozent der gesamten Schülerschaft aus. Auf den Leistungsstand habe sich das jedoch nicht ausgewirkt, sagte Rabe und findet: „Das ist bemerkenswert.“ Dabei muss allerdings berücksichtigt werden, dass Sprachkenntnisse in Mathe und den Naturwissenschaften oft eine nicht ganz so große Rolle spielen wie im Deutschunterricht.

Eine andere gute Nachricht hat die Untersuchung übrigens für Herrn Müller, dem Autofahrer mit dem fast leeren Tank. Er wird die Tankstelle noch erreichen. Tatsächlich werden am Ende seiner Strecke noch mehr als zwei Liter Benzin übrig sein.

Das könnte Dich auch interessieren: