Unis in BW
: Jura-Studium jetzt auch als Bachelor – alles, was man wissen muss

HintergrundWer nach fünf Jahren Studium die Jura-Abschlussprüfung nicht besteht, steht vor dem Nichts. Der neue Bachelor im Land soll das ändern. Doch wie funktioniert das? Die wichtigsten Fragen und Antworten.
Von
Debora Schreiber
Ulm
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436275868 - Studierende im Hörsaal - Studenten nehmen an der Einführungveranstaltung im Audimax der Ludwig-Maximilians-Universität teil. Für einen KfW-Studienkredit zahlen Darlehensnehmer heute monatlich im Schnitt fast drei mal so viel Zinsen wie noch vor fünf Jahren. (zu dpa "Monatliche Zinsbelastung bei Studienkredit fast verdreifacht") +++ dpa-Bildfunk +++

Gibt es für Studentinnen und Studenten der Rechtswissenschaften neben dem Staatsexamen auch bald die Möglichkeit, den Jura-Bachelor zu machen? Zumindest Konstanz möchten diesen Weg gehen. (Symbolfoto)

picture alliance/dpa
  • BW führt Jura-Bachelor ein, Konstanz plant zeitnahe Umsetzung.
  • Fakultäten zögern wegen hoher Umstrukturierungskosten.
  • Bachelor bietet berufliche Optionen ohne Staatsexamen.
  • Tübingen, Freiburg und Heidelberg skeptisch gegenüber Neuerung.
  • Reform soll Studierenden Sicherheit bei nicht bestandenem Examen geben.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Angehende Juristinnen und Juristen verbringen den Großteil ihres Studiums zwischen hohen Bücherstapeln in der Bibliothek. Dafür gibt es einen guten Grund: Noch bevor sie überhaupt zur Abschlussprüfung, der sogenannten Ersten Juristischen Prüfung, zugelassen werden, müssen sie eine Vielzahl von Leistungen erbringen. Wer die finale Prüfungsreihe nach rund fünf Jahren des Studierens besteht, hat das Staatsexamen in der Tasche, wer nicht, steht wieder ganz am Anfang – und ohne Abschluss da. Denn alles, was bleibt, ist das Abitur als höchster Bildungsabschluss. Das soll sich mit der Neuerung des Landeshochschulgesetzes (LHG) ändern, heißt es aus dem Wissenschaftsministerium in Stuttgart. Hierdurch soll es die Möglichkeit geben, dass Studierende einen Bachelorabschluss verliehen bekommen, ganz unabhängig davon, ob sie zur Ersten Juristischen Prüfung antreten und diese bestehen.

Wann können Studierende aufatmen?

Die Frage, die den meisten Studenten unter den Fingernägeln brennen dürfte, ist: Wann wird es den Jura-Bachelor über die Theorie hinaus geben? Nicht besonders schnell, befürchtet der Landesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften Baden-Württembergs (LRF BW). Das liege am umständlichen Modell. Nach der Wunschvorstellung des Landesverbands sollte es den Bachelor automatisch geben, sobald alle Zulassungsvoraussetzungen für die Erste Juristische Prüfung erfüllt sind. Eben das ermöglicht die Änderung des LHG aber nicht – die Umsetzung in der Breite wird wohl eine langwierige Sache (mit einer Ausnahme, die wir ein paar Absätze weiter unten erklären).

Ist die Einführung des Jura-Bachelors zu umständlich?

„Mit der neuen Regelung im Landeshochschulgesetz (LHG) bedarf es einer Modularisierung des Studiengangs, was normalerweise die Einführung von Abschlussklausuren und eine Anrechnung der Leistungen nach ECTS-Punkten bedeutet“, erklärt der Landesverband und urteilt: „Mit der neuen Regelung ändert sich für den Großteil der Jura-Studierenden in Baden-Württemberg leider erst einmal überhaupt nichts.“

Für die aufwendigen Umstrukturierungsmaßnahmen müssen sich die Fakultäten zudem aus freien Stücken entscheiden, da es diesen durch die neue Regelung selbst überlassen ist, ob sie den integrierten Bachelor einführen oder nicht. Der LRF BW sieht erstmal schwarz und befürchtet, dass die Hochschulen den Bachelor aufgrund der oben genannten Hürden nicht zeitnah etablieren werden. Trotzdem gebe es einen Hoffnungsschimmer: Wenn eine Fakultät erst einmal anfange, würden die anderen vielleicht nachziehen.

Gibt es schon eine Uni, die den Bachelor umsetzen möchte?

Ja, es gibt immerhin eine (das ist die Ausnahme, die wir meinten): Die Universität Konstanz bemüht sich bereits um eine zeitnahe Einführung. „Der Fachbereich Rechtswissenschaft ist seit einiger Zeit bestrebt, einen integrierten Bachelor of Laws im Staatsexamensstudiengang Rechtswissenschaft einzurichten“, teilt die Universität mit. Hierzu laufe derzeit ein Genehmigungsverfahren im Wissenschaftsministerium. Wann und mit welchen konkreten Vorgaben der Bachelor of Laws eingeführt wird, könne angesichts des offenen Verfahrens und der Neuartigkeit des Konzepts noch nicht gesagt werden.

Ziehen andere Universitäten in Baden-Württemberg nach?

Vorerst nicht, wie eine Umfrage der SÜDWEST PRESSE ergab. Wie der LRF BW befürchtet hat, wird in Baden-Württemberg erstmal keine weitere Uni folgen. Die juristischen Fakultäten der Universitäten in Tübingen, Freiburg und Heidelberg begründen diese Entscheidung damit, dass die Gesetzesänderung aufgrund der Bemühungen der Universität Konstanz extra für diese eingeführt und daher auf deren Bedürfnisse zugeschnitten worden sei. Mit dem System der anderen Universitäten sei die neue Regelung jedoch nicht ohne weiteres kompatibel. Aus dem Wissenschaftsministerium heißt es: „Ein Akkreditierungsverfahren ist dem Bachelor immanent – es gewährleistet weltweit Transparenz bezüglich der von den Absolventinnen und Absolventen erbrachten Studienleistungen.“

Die Dekanin der juristischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen Prof. Dr. Christine Osterloh-Konrad befürchtet, dass für die Einführung des Jura-Bachelors umfangreiche Umstrukturierungsmaßnahmen notwendig wären. Im Unterschied zu Konstanz würden in Tübingen deutlich weniger Klausuren geschrieben werden – dafür aber mehr Übungen (Kombination aus Klausuren und Hausarbeiten). Dieses „klassische System“ des juristischen Studiums, das Tübingen, Freiburg und Heidelberg gewählt haben, sei für die Vergabe von Leistungspunkten nach dem Bologna-Modell nicht ohne weiteres vereinbar.

In Tübingen sorgt zudem der neue Gesetzeswortlaut für Skepsis. „Die gesetzliche Zulassung als ‚Modellversuch‘ legt es aus unserer Sicht nahe, zunächst einmal die im Gesetz vorgesehenen fünf Jahre bis zur Evaluation abzuwarten.“ Dann könne das Thema noch einmal aufgegriffen und überdacht werden, teilt die Dekanin mit.

Der Dekan der juristischen Fakultät der Ruprecht Karls Universität Heidelberg Prof. Dr. Andreas Piekenbrock untermauert diese Ansicht: „Das neue Gesetz verlangt eine kapazitätsneutrale Umsetzung.“ Das sei an Unis mit dem klassischen Modell nicht möglich. „Wir müssten weiterhin 386 Studienplätze pro Jahr anbieten, dürften aber für die neuen Prüfungen keine zusätzlichen Ressourcen in Anspruch nehmen.“ Das sei schlicht nicht möglich.

Ähnlich sieht das der Dekan der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, Prof. Dr. Jan Lieder. Die bewährte, klassische Form der Vorbereitung auf die Erste Juristische Prüfung müsse bei der Einführung des integrierten Bachelors aufgegeben werden, sagt dieser. Das liege daran, dass anders als in anderen Bundesländern die baden-württembergische Regelung an der Erforderlichkeit einer Akkreditierung nach den Bologna-Kautelen festhalte.

Für wen kommt der Jura-Bachelor zu spät?

Der LRF BW hofft dennoch auf eine flächendeckende Einführung des Jura-Bachelors in Baden-Württemberg. „Die Fakultäten stehen im Wettbewerb zueinander und dabei schafft der integrierte Bachelor einen Wettbewerbsvorsprung, da sich viele Studierende diesen wünschen und dies bei der Auswahl einer Fakultät ausschlaggebend sein könnte.“ Es fragt sich jedoch, ob Studentinnen und Studenten, die bereits mitten im Studium stecken, die Möglichkeit bekommen werden, den Jura-Bachelor zu erwerben? In Konstanz sei eine gewisse Einschreibung ins höhere Fachsemester anvisiert, ob und inwieweit diese genehmigt wird, sei noch offen, teilt die Universität mit. „Grundsätzlich ist der Bachelor aber auf ein Studium ab dem ersten Semester ausgelegt, es wird eben nicht nur ein Grad verliehen.“ Eine rückwirkende Verleihung des Jura-Bachelors nach nicht bestandenem Examen scheint daher noch unwahrscheinlicher.

Welche Berufe können mit dem Jura-Bachelor ergriffen werden?

Der integrierte Bachelor soll dafür sorgen, dass Studentinnen und Studenten bei nicht bestandenem Examen nicht ohne alles dastehen. Stellt sich die Frage, was das bedeutet. Mit dem Jura-Bachelor könnten nach Auskunft des Wissenschaftsministeriums beispielsweise Berufe ergriffen werden, für die grundlegend juristische Kenntnisse notwendig sind, ohne dass hierfür eine Befähigung zum Richteramt, insbesondere Richter, Staatsanwalt und Rechtsanwalt, vorausgesetzt ist.

Die Dekanin der juristischen Fakultät Tübingen kann sich vor allem den Einsatz von Bachelor-Juristen in Unternehmen vorstellen. Auch dem Dekan der juristischen Fakultät Heidelberg fallen ein paar Einsatzgebiete ein: „als Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, bei Banken, Versicherungsgesellschaften, als Insolvenzberater, oder im Backoffice-Bereich.“

Wird der Bachelorstudiengang Wirtschaftsrecht nun überflüssig?

Den Bachelorstudiengang Wirtschaftsrecht gibt es seit einigen Jahren, etwa in Mannheim. Die Befürchtung, dass dieser durch den neuen integrierten Bachelor überflüssig wird, verneint der Landesverband rechtswissenschaftlicher Fachschaften Baden-Württembergs. „Es handelt sich dabei um zwei grundsätzlich verschiedene Modelle.“ Die im Staatsexamensstudiengang erbrachten Leistungen seien fast identisch zu denen, die im Studiengang des integrierten Bachelors erbracht werden. Währenddessen sei der Bachelorstudiengang Wirtschaftsrecht ein Kombinationsstudiengang, in dem der gelehrte Stoff über den des traditionellen Jurastudiums hinausgehe, etwa durch Studienfächer wie BWL und VWL. Auch Daniel Zorn, Studiendekan für Wirtschaftsrecht an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt
Nürtingen-Geislingen, bestätigt diese Auffassung: „Beide Studiengänge sind unterschiedlich konzipiert und könnten sich sogar ergänzen.“

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