Glück im Unglück
: Ulmer Ärzte nähen abgetrennte Hand wieder an – Patient arbeitet jetzt als Busfahrer

In seiner letzten Woche auf dem Bau verliert Alexander Schönhals seine rechte Hand. Am selben Abend wird der Mann aus Backnang in Ulm operiert. Jetzt arbeitet er als Busfahrer – mit zwei Händen.
Von
Moritz Clauß
Ulm/Geislingen/Backnang
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Ein Bagger hat Alexander Schönhals auf der Baustelle die Hand abgequetscht. Heute arbeitet der 50-Jährige aus Backnang mit der wieder angenähten Hand als Busfahrer.

Privat/Moritz Clauß

Als Alexander Schönhals die Plastiktüte festhält, in der seine abgetrennte Hand liegt, hat er Angst und Hoffnung. „Ich dachte, meine Busfahrer-Karriere ist schon vorbei, bevor sie begonnen hat“, sagt der heute 50-Jährige. Er habe aber auch gedacht: In Deutschland, da sei ja alles möglich. Vielleicht auch, eine abgetrennte Hand anzunähen? Kurz darauf erreicht der Krankenwagen die Uniklinik in Ulm – und die Ärzte versuchen genau das.

Nach Deutschland, wo vielleicht alles möglich ist, ist Alexander Schönhals vor acht Jahren gezogen – mit seiner Familie. Sie kommen ursprünglich aus Sibirien, Alexanders jüngerer Bruder Andreas wohnt schon seit Ende der 90er in der Bundesrepublik. Nun also, Jahre später, sitzen Schönhals, seine Frau Elena und Andreas gemeinsam am Esstisch in Backnang. Der 50-Jährige erzählt unaufgeregt von dem Tag, der so vieles verändert hat. Wenn ihm ab und zu ein deutsches Wort nicht einfällt, übersetzen seine Frau und sein Bruder.

Der 9. Dezember 2020 ist ein nasser, kalter Mittwoch. Auf der Baustelle in Geislingen sei es matschig gewesen, erinnert sich Schönhals. Für ihn ist es damals die letzte Woche auf dem Bau – er will noch einmal etwas Neues anfangen, Busfahrer werden.

Unfall auf der Baustelle: Bagger trennt die Hand ab

Kurz vor Feierabend sind die Arbeiter am Aufräumen. Schönhals trägt noch seinen Helm und die restliche Schutzausrüstung, er möchte an einem Bagger vorbeigehen. Dem Baggerführer habe er das angezeigt, erzählt der 50-Jährige, der Mann habe es auch gesehen. Also geht Schönhals los – und dann dreht sich der 30-Tonnen-Bagger. „Er hat mich mit sich gerissen“, sagt Schönhals. Seinen Körper kann er damals noch wegziehen, aber die rechte Hand wird zwischen dem Bagger und einem Stahlträger eingeklemmt, für einen ganz kurzen Moment, dann ist sie ab.

Alexander Schönhals verstand an diesem Abend nicht sofort, was passiert war. Er habe Angst gehabt und gelacht, erzählt er fast drei Jahre später. „Vielleicht lag es am Adrenalin, aber ich hatte keine Schmerzen.“ Der Baggerführer leistete dem Verletzten Erste Hilfe, kurz darauf kam der Rettungswagen, mit der Hand in der Tüte fuhren sie ins Krankenhaus.

Sogenannte Hand-Replantationen sind selten. Erfolgreiche Hand-Replantationen sind noch seltener. „Es handelt sich um hochkomplexe Operationen“, sagt Oberarzt Dr. Simon Bauknecht. Er ist einer der drei Ulmer Ärzte, die Alexander Schönhals im Jahr 2020 operiert haben. „In der Regel sind es Unfälle mit Säge- oder Messerverletzungen, also glatte Schnitte, bei denen man eine reelle Chance hat“, erklärt Bauknecht. Die Baggerverletzung sei da schwieriger einzuschätzen gewesen, „denn die Hand wurde abgequetscht“.

Ärzte nähen Blutgefäße unter dem Mikroskop

Zu Beginn der Operation verschraubte das Klinikteam die durchtrennten Knochen mit Spezialplatten. Dann verbanden die Ärzte die Sehnen wieder miteinander, danach die Arterien, die Venen, die vorhandenen Nerven. Mit Fäden, viel dünner als ein Haar, nähten sie etwa ein bis zwei Millimeter feine Gefäße zusammen – mithilfe von Lupe und Mikroskop. Bauknecht sagt, erst wenn man die Wunde verschlossen und damit alle OP-Schritte abgearbeitet habe, wisse man, „ob die Hand überhaupt eine Chance hat“.

Während die Ärzte in Ulm schon operierten, wusste die Familie von Alexander Schönhals in Backnang noch nicht, was genau passiert war. „Wir wussten nicht, in welcher Klinik er liegt“, sagt Elena Schönhals. „Wir wussten nur, dass es irgendetwas Schlimmes ist, sonst hätte er sich selbst gemeldet“, sagt ihr Schwager Andreas. Er telefonierte damals Krankenhaus um Krankenhaus ab, um seinen Bruder zu finden. „In Ulm haben sie gesagt: Ja, der ist bei uns, der wird gerade operiert.“

Die Familie fuhr also los, kam im Krankenhaus an, erfuhr, dass Alexander Schönhals noch immer operiert wurde. Die Zeitspanne, in der eine Replantation abgeschlossen sein muss, beträgt meist wenige Stunden. Man braucht dafür ein eingespieltes, hoch qualifiziertes Team – im Fall von Alexander Schönhals wechselten sich zwei Oberärzte und der Sektionsleiter während der etwa viereinhalb Stunden langen Operation ab. Seine Familie fuhr in der Nacht zurück nach Backnang – ungefähr um ein Uhr nachts kam der Anruf aus der Uniklinik: Die Hand war wieder angenäht. Ein Erfolg?

Alexander Schönhals hat zehn Monate nach dem schweren Unfall begonnen, als Busfahrer zu arbeiten.

Privat

Eine erfolgreiche Replantation bedeutetet nicht, dass der Patient oder die Patientin danach keine Einschränkungen hat. Nerven erholen sich oft nur teilweise von Verletzungen, der Körper erhält nicht die gewohnten Rückmeldungen von der replantierten Hand. Auch die Durchblutung verschlechtert sich, die Patientinnen und Patienten sind an der Hand in der Regel überaus kälteempfindlich. Außerdem gibt es nach Replantationen eine Art Phantomschmerz. Simon Bauknecht erklärt: „Vereinfacht kann man sagen: Es sind nicht alle Kabel wieder verknüpft – und der Kopf kann das nicht richtig verarbeiten.“

Auch Alexander Schönhals hat Schmerzen in der rechten Hand. Manchmal helfen Tabletten, manchmal nicht. Er kann mit der wieder angenähten Hand kein Werkzeug nutzen, keine kleinen Dinge greifen, nichts Schweres heben – weniger als 2 Kilogramm Kraft hat er in der rechten Hand, in der linken sind es mehr als 50. Aber: Alexander Schönhals kann und darf Busfahren.

„Ich wollte meiner Tochter und meiner Familie zeigen, dass das Leben weiter geht“

Zehn Monate nach seinem Unfall begann Schönhals, als Busfahrer zu arbeiten. „Ich hatte mein ganzes Leben gute Arbeit“, sagt der 50-Jährige. „Aber die Arbeit jetzt ist die beste.“ In den Monaten davor habe es viele Dinge gegeben, die ihn motivierten. „Ich wollte meiner Tochter und meiner Familie zeigen, dass das Leben weiter geht“, sagt er. Auch das Team der Klinik habe ihn indirekt angespornt: „Viele Leute haben mir geholfen“, sagt Schönhals: „Ich wollte ihnen zeigen, dass ihre Arbeit nicht umsonst war.“

Dazu kommt, dass sich die Auszahlung von Unfallrenten oft lange hinzieht, auch in seinem Fall. „Wir müssen aber von etwas leben“, sagt der Busfahrer. Seine Frau ergänzt: „Es ist alles nicht einfach, aber es ist machbar.“ Man hört ihnen an, dass die Zeit nach dem Unfall schwer war, ein Kraftakt, aber man hört auch die Erleichterung. „Die ersten Wochen waren schrecklich“, sagt Alexanders Bruder: „Aber es hätte viel schlimmer enden können.“

„Die ganze Mannschaft in der Klinik: Das sind für mich die besten Leute“

Dass es nicht schlimmer kam, lag laut Schönhals auch daran, dass er in die Uniklinik mit ihrer Abteilung für Handchirurgie operiert wurde. „Es fühlt sich so an, als hätte ich Gottes Werkstatt besucht“, sagt er. Der 50-Jährige lächelt dabei, aber es ist eindeutig, dass er es nicht nur als Scherz meint. Schönhals sagt: „Die ganze Mannschaft in der Klinik: Das sind für mich die besten Leute.“

Drei Jahre nach der Operation wirkt die Narbe an seiner Hand eher unauffällig. Schönhals bewegt langsam die einzelnen Finger, zeigt, an welchen Stellen er inzwischen etwas spürt und an welchen nicht. Damals, auf dem Weg ins Krankenhaus, hatte er Angst und Hoffnung. Heute sagt Alexander Schönhals: „Nicht jeder Mensch hat die Möglichkeit, mal seine Hand in einer Tüte zu tragen.“ Er lacht.

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Abgetrennte Körperteile kühl transportieren

Wenn ein Mensch bei einem Unfall ein Körperteil verliert, sollte man alles, was von der Gliedmaße auffindbar ist, mit in die Klinik bringen. „Selbst wenn eine Replantation nicht gelingt, kann es sein, dass die Ärzte Teile des abgetrennten Körperteils verwenden können“, sagt Oberarzt Dr. Simon Bauknecht.

Wichtig ist, das abgetrennte Körperteil korrekt zu kühlen: Es sollte nicht direkt im Wasser oder auf Eis liegen. Optimal sei, es „in eine trockene Kompresse und diese Kompresse in eine Tüte“ zu packen, erklärt Bauknecht. Diese Tüte könne man in eine weitere Tüte oder einen anderen Behälter geben, der mit Wasser und Eiswürfeln gefüllt ist.

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Dieser Artikel ist Teil unserer „Best of 2023“-Reihe. Weitere spannende Geschichten, die im vergangenen Jahr besonders begeistert, berührt oder für Aufregung gesorgt haben, lesen Sie hier:

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